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Spritfresser haben Konjunktur

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Im Juni wurden in den USA pro Tag durchschnittlich 9,7 Millionen Gallonen (36,7 Millionen Liter) Sprit verbrannt.
Im Juni wurden in den USA pro Tag durchschnittlich 9,7 Millionen Gallonen (36,7 Millionen Liter) Sprit verbrannt. © REUTERS

Wenn der Sprit günstig ist, fallen die Neuwagen dicker aus. Die belasten mit ihren Abgasen die Umwelt. Was bedeutet das für den Klimaschutz?

In den USA steigt der Spritverbrauch auf neue Rekordwerte. Auch in Deutschland nimmt der Absatz beim Kraftstoff merklich zu. Hierzulande und jenseits des Atlantiks fahren die Autofahrer mehr, und zwar in immer größeren und PS-stärkeren Karossen. Die Belastungen für die Umwelt und das Klima wachsen.

Im Juni wurden in den USA pro Tag durchschnittlich 9,7 Millionen Gallonen (36,7 Millionen Liter) Sprit verbrannt. Nach den Erhebungen der nationalen Energieagentur EIA ist das der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1945. Zugleich sind in dem Monat die US-Preise für den Treibstoff auf den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren gefallen. Benzin hält sich konstant unter zwei Dollar pro Gallone (gut 45 Euro-Cent pro Liter).

Diese Entwicklung habe vor einigen Jahren niemand ahnen können, sagte ein Sprecher des US-Tankstellenbetreiberverbandes der Finanzagentur Bloomberg. Die günstigen Treibstoffpreise hätten das Verhalten hinter dem Steuer – es wird mehr gefahren – und in den Autohäusern geändert. Pseudogeländewagen, SUV genannt, wuchtige Vans und Pickups, Kleinlastwagen mit offener Ladefläche, erfreuen sich weiter steigender Beliebtheit. Voriges Jahr entfielen 57 Prozent aller Neuzulassungen auf diese drei Fahrzeugtypen, die als Spritfresser gelten und damit die Umwelt mit ihren Abgasen belasten.

Vor allem Dieselabsatz steigt

Und wie sieht es mit dem Spritabsatz hierzulande aus? Zwar sind wir weit vom historischen Höchstwert des Jahres 1999 – damals waren es 59 Millionen Tonnen – entfernt. Doch nach den Zahlen des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle wurden im ersten Halbjahr rund 27,5 Millionen Tonnen Kraftstoff abgesetzt. Das sind knapp fünf Prozent mehr als im Vorjahr. „Während der Benzinverbrauch annähernd konstant blieb, ist vor allem der Dieselabsatz gestiegen“, teilt der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) mit. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits 2014 zu erkennen war und der sich 2015 verstärkte.

Die Ursachen für die steigende Sprit-Nachfrage sind vielfältig. Nach den Worten von MWV-Hauptgeschäftsführer Christian Küchen haben die „gute Konjunktur und die rege Wirtschaftstätigkeit in Deutschland den Ausschlag für den höheren Absatz gegeben“. Das mache sich etwa am Bau oder bei den Speditionen bemerkbar. Wenn die Ökonomie brummt, wird schlicht mehr gefahren. Verstärkend kommt hinzu, dass sich Autofahrer „weniger preissensibel verhalten“, so formulierte es kürzlich Aral-Chef Patrick Wendeler. Der billige Sprit ermuntere schlicht dazu, sich häufiger ans Steuer zu setzen. Alle Autofahrer dürften inzwischen bemerkt haben, dass sich auch in Deutschland ein niedrigeres Niveau eingependelt hat – Kraftstoff ist aktuell mehr als 20 Prozent günstiger als vor drei Jahren.

Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer sieht genau darin sogar eine Ursache für eine Verhaltensänderung beim Neuwagenkauf, ähnlich wie in den USA: Immer mehr PS sind gefragt. Er hat Dieselpreise und die Motorleistung der neuzugelassenen Pkw analysiert und kommt zu dem Schluss, dass mit der Verbilligung des Sprits die durchschnittliche Leistung der privat zugelassenen neuen Pkw von 2013 bis 2015 einen Sprung gemacht hat, nämlich um sechs auf 135 PS. Seine Prognose für 2016: abermals ein neuer Höchstwert bei der Motorleistung.

Zulassungsrekord bei SUV

Getragen wird dies vor allem von den wuchtigen SUV, die einen Zulassungsrekord nach dem anderen feiern. Jeder fünfte Neuwagen war 2015 in Deutschland ein Hochgebockter, dessen Ahnen für den Einsatz im Gelände vorgesehen waren. Tendenz steigend. Denn in diesem Jahr kommt mehr als ein Dutzend neue Modelle hinzu. Dudenhöffer rechnet damit, dass sich der SUV-Marktanteil einem Viertel sehr schnell nähern wird. Und diese Fahrzeuge schlucken grob gepeilt 20 bis 25 Prozent mehr Treibstoff als konventionelle Pkw – bei zwei Drittel der Fahrzeuge ist es Diesel.

Unterm Strich ist klar zu erkennen: Der Dieseldurst wird weiter wachsen. Nach Ansicht von Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim BUND, hat das fatale Folgen. Er spricht von „massiven Belastungen in den Städten mit giftigem Stickoxid“. Zur Subventionierung des zähflüssigen Treibstoffs komme, dass aufgrund mangelnder staatlicher Kontrollen die Emissionen vieler Neuwagen mit Dieselmotor im Realbetrieb aufgrund von Tricksereien bei der Abgasreinigung weit über den Grenzwerten liegen werde. Die Deutsche Umwelthilfe hat gerade 36 Neuwagen getestet, bei 33 lagen die Stickoxidwerte teils massiv über den Vorgaben.

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