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Spreu vom Weizen trennen

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Von: Tim Szent-Ivanyi

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Josef Hecken
Josef Hecken © imago stock&people

Josef Hecken ist neben dem Bundesgesundheitsminister der mächtigste Mann im deutschen Gesundheitswesen. Im Interview mit der FR spricht er über schlaflose Nächte, Schwarzbrot und die Entscheidung, welche Leistungen Patienten bekommen.

Josef Hecken ist neben dem Bundesgesundheitsminister der mächtigste Mann im deutschen Gesundheitswesen. Im Interview mit der FR spricht er über schlaflose Nächte, Schwarzbrot und die Entscheidung, welche Leistungen Patienten bekommen.

Herr Hecken, Sie sind „Unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses“. Ohne Ihnen und Ihren Kollegen zu nahe zu treten: Das Gremium kennt außerhalb der Gesundheitsbranche kein Mensch. Was machen sie?

Ganz einfach: Wir sind diejenigen, die in der medizinischen Versorgung die Spreu vom Weizen trennen. Wenn sich jemand eine Stereoanlage kaufen will, kann er sich zum Beispiel bei der Stiftung Warentest informieren und dann entscheiden. Doch so einfach ist das bei der Gesundheitsversorgung nicht. Der auf Hilfe angewiesene Patient ist kein autonomer Verbraucher, der auswählen kann. Was ist gut für mich? Was ist eher schädlich? Was ist ein leeres Heilsversprechen? Die Medizin ist viel zu komplex, um das überblicken zu können.

Fachkreise bezeichnen den G-BA auch als „kleiner Gesetzgeber“. Was wird entschieden?

Wir legen fest, was den gesetzlich Versicherten in welcher Qualität und an welchem Ort zur Verfügung stehen muss. Das betrifft Arzneimittel und Behandlungsmethoden sowie die sogenannte Bedarfsplanung, also an welchem Ort sich Ärzte niederlassen dürfen. Grundlage ist das Sozialgesetzbuch V: Dort ist festgelegt, dass die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen, ich zitiere, ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein müssen. Der G-BA entscheidet im Auftrag des Gesetzgebers, was das im Einzelnen heißt. Wir sind – bildlich gesprochen – der Maschinenraum der Gesundheitspolitik.

Keine Experten

Im G-BA sind aber keine Experten wie in der Stiftung Warentest vertreten, sondern die wichtigsten Player im Gesundheitswesen mit handfesten finanziellen Interessen: Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser, Krankenkassen. Das ist so, als würden bei den Warentestern die Hersteller mitbestimmen können.

Der G-BA ist kein Basar. Sicher sind die Akteure Interessenvertreter ihrer Organisationen, sonst würden sie ihren Job nicht gut machen. Aber hier wird nicht gehandelt, es werden wissenschaftliche Fachdebatten in großer Sachlichkeit geführt, unterstützt von Expertisen unabhängiger Institute. Was wäre denn die Alternative?

Die Politik könnte entscheiden.

Das wäre nicht ratsam. Stellen Sie sich vor, das politische Überleben wäre an Entscheidungen gebunden, wie teuer ein bestimmtes Medikament sein darf oder ob eine bestimmte Behandlung Kassenleistung wird oder nicht. Diejenige Lobbygruppe würde sich durchsetzen, die sich am massivsten zu Wort gemeldet hat. Der wirkliche Nutzen oder Schaden wäre nachrangig, und die Kosten würden aus dem Ruder laufen.

Aber auch die Politik kann sich ja wie der G-BA externen Sachverstand einholen.

Ein Politiker kann sich aber nicht hinter Gutachten verstecken. Am Ende muss er seinen Kopf für eine Entscheidung hinhalten. Kein Politiker würde dem öffentlichen Druck standhalten können. Ich war lange genug Minister, glauben Sie mir.

Unparteiischer Vorsitzender

Welche Rolle haben Sie als unparteiischer Vorsitzender?

Ich bin der Schlichter zwischen den verschiedenen Interessengruppen. Gibt es ein Patt, kann ich mit meiner Stimme eine Entscheidung herbeiführen und so eine Blockade auflösen.

Wie agieren Sie in strittigen Fällen?

Ich spiele immer mit offenen Karten und lasse sehr früh durchblicken, zu welcher Position ich tendiere. Das fördert die Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite.

Kann man in der Gesundheitspolitik, wo es um Leben und Tod geht, unparteiisch sein?

Unparteiisch heißt für mich, dass ich Sachwalter der Patienteninteressen bin. Ich bin keiner Interessengruppe verpflichtet. Es ist doch klar, dass eine Krankenkasse sehr genau hinterfragt, ob etwa ein neues, teures Medikament wirklich einen zusätzlichen Nutzen hat. Und genauso klar ist es, dass Ärzte bestrebt sind, neue, vielleicht wirksamere Arzneimittel verschreiben zu können. Hier muss im Streitfall auf Basis wissenschaftlicher Belege entschieden werden, ob es einen Patientennutzen gibt.

Damit haben Sie eine zentrale Rolle im Gesundheitswesen. Immerhin werden hier 190 Milliarden Euro ausgegeben. Gibt es Versuche, Sie zu beeinflussen?

Natürlich. Wenn es zum Beispiel um Medikamente geht, sprechen die Vorstände des betroffenen Pharmaunternehmens vor. Und dann bitten die Bundestagsabgeordneten um ein Gespräch, in deren Wahlkreis die Firma einen Standort hat. Auch Patientenorganisationen machen Druck. Das ist verständlich, jeder versucht seine Sicht der Dinge vorzutragen.

Man muss schmerzfrei sein

Wie gehen Sie damit um?

Man muss vor allem schmerzfrei sein, ein dickes Fell haben und oft polemische und interessengesteuerte öffentliche Kritik aushalten können. Ich versuche immer, vorurteilsfrei allen Akteuren zu begegnen, allerdings immer mit Unterstützung aus meinem Haus. Auf G-BA-Seite sollte bei Gesprächen immer mindestens ein Teilnehmer mehr dabei sein, als bei unseren Gästen.

Sie müssen sich schützen?

Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Alle Akteure wissen, dass Druck oder andere Überzeugungsversuche sofort das Gegenteil bewirken würden.

Jeder hat schwache Seiten.

Wissen Sie, ich habe meinen schönen Garten in Waidmannslust und muss nach dem Ablauf meiner sechsjährigen Amtszeit nichts mehr werden. Ich war Staatssekretär, Landesminister, Chef des Bundesversicherungsamtes. Ich hatte schon mal einen Wagen mit Fahrer und abgedunkelten Scheiben. Ich kenne das alles bereits. Und eine Möglichkeit zur Wiederwahl als unparteiischer Vorsitzender hat der Gesetzgeber ausgeschlossen. Das sichert mir eine große Entscheidungsfreiheit.

Sie waren vor Ihrer Zeit im G-BA auch mehrfach als Bundesgesundheitsminister im Gespräch. Ist das kein Ziel mehr?

Nein. Kein Thema.

Liegt das vielleicht daran, dass Sie schon jetzt im Gesundheitswesen ziemlich viel Einfluss haben? Motto: Es ist mir doch egal, wer unter mir Gesundheitsminister ist?

Nein, Parlament und Minister geben den politischen Kurs vor, der G-BA setzt das in die konkrete Patientenversorgung um. Wie gesagt, wir stehen hier im Maschinenraum.

Hohe Verantwortung

Sie haben als unparteiischer Vorsitzender eine hohe Verantwortung. Wie kommen Sie mit der Belastung klar?

Manchmal kann ich vor und nach einer kritischen Entscheidung nicht schlafen. Immer wieder frage ich mich dann, ob wir Patienten die richtige Behandlung erschweren, wenn wir entscheiden, dass ein bestimmtes Medikament eben keinen Zusatznutzen hat und ein Unternehmen deshalb ein Präparat vielleicht vom Markt nimmt.

Dann müsste es doch heißen: Im Zweifel für den Patienten.

So einfach ist das eben nicht. Derzeit beraten wir häufig über Krebsmedikamente, die eine Lebensverlängerung von ein, zwei oder drei Monaten bringen. Doch das wird erkauft mit extremen Nebenwirkungen, die die Lebensqualität radikal senken. In einem konkreten Fall verlängert ein Mittel gegen Hautkrebs zwar das Leben um drei Monate, aber immerhin ein Fünftel der Behandelten erkrankt in Folge der Behandlung zusätzlich an einem weiteren bösartigen Hauttumor. Es ist auch unsere Aufgabe, die Patienten zu schützen.

Wie haben Sie entschieden?

Glücklicherweise gibt es in diesem konkreten Fall einen Test, mit dem man diejenigen Patienten vorher herausfiltern kann, die mit der größten Wahrscheinlichkeit von der Behandlung profitieren. Wir haben also entschieden, dass das Medikament nur verordnet werden darf, wenn der Test positiv ist.

Nicht immer ist es so vergleichsweise einfach. Die Abwägung zwischen Lebensverlängerung und Lebensqualität berührt ethische Grenzbereiche. Wer hilft Ihnen in dieser Frage?

Meine eigene Betroffenheit und Erfahrung. Als ich studiert habe, ist meine Mutter an Darmkrebs erkrankt und später daran gestorben. Drei Monate hatten ihr die Ärzte gegeben, daraus wurden drei Jahre, und wir haben uns an jeden Strohhalm geklammert. Das ging so weit, dass wir das angeblich heilende Schwarzbrot eines Bonner Bäckers besorgt haben. Völlig irrational. Was ich damit sagen will: Wenn es ein Medikament gibt, das Leben verlängert, aber auch schwere Nebenwirkungen hat, dann würde ich mit meiner Stimme immer dafür sorgen, dass der Patient die Wahlfreiheit bekommt und eine für sich in der konkreten Situation richtige Entscheidung treffen kann. Wichtig ist aber immer, dass die schwerstkranken Menschen seriös über die gravierenden Nebenwirkungen aufgeklärt werden, damit sie nicht nur die häufig unseriösen „Heilsversprechen“ hören.

Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Was hat Sie in der Zeit am stärksten bewegt?

Die Debatte über die Frühchen. Der G-BA hatte 2010 festgelegt, dass Kliniken extrem Frühgeborene nur behandeln dürfen, wenn sie mindestens 30 dieser Kleinstkinder jährlich versorgen, wenn sie also erfahren genug sind. Denn wir haben erlebt, dass es gerade bei einigen Kliniken katastrophale Behandlungsergebnisse mit lebenslangen Behinderungen gab. Übung macht den Meister, das ist doch unbestreitbar. Aber das Bundessozialgericht hat die Regelung gekippt, weil es die Zahl 30 als nicht hinreichend begründbar betrachtet hat.

Mehr Qualitätsanforderungen

Da ist sicherlich etwas dran.

Als ich nach dem Urteilsspruch von Kassel nach Hause fuhr, war ich richtig wütend. Diese kleinen Patienten können sich noch nicht wehren, sie sind doch schutzlos. Sie können sich die Klinik nicht aussuchen, die Eltern häufig auch nicht. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es eine Behandlung auf höchstem Qualitätsniveau gibt. Das möchte ich unbedingt erreichen.

Haben Sie einen Ausweg gefunden?

Wir haben vor einigen Wochen entschieden, die Qualitätsanforderungen bei der Versorgung von Frühchen für die Kliniken hochzusetzen: Mindestens eine Kinderkrankenpflegekraft muss künftig je intensivtherapiepflichtigen Frühgeborenen verfügbar sein und mindestens eine Pflegekraft für zwei intensivüberwachungspflichtige Kinder. Manchmal muss man eben andere Wege wählen, um zum Ziel kommen.

Der Einfluss des G-BA ist zuletzt gestiegen, weil Sie nun auch dafür zuständig sind, den tatsächlichen Nutzen neuer Medikamente zu bestimmen. Die Entscheidung ist Basis für Preisverhandlungen mit Herstellern. Hat sich das heftig von der Pharmaindustrie bekämpfte Gesetz bewährt?

Von 43 überprüften Medikamenten haben nur acht einen beträchtlichen Zusatznutzen. Oft ist es mehr Schein als Sein. Da zeigt sich, wie wichtig es ist, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Ist das Gesetz nicht zu scharf? Schließlich haben betroffene Hersteller angekündigt, ihre Medikamente vom deutschen Markt zu nehmen.

Da bin ich ganz entspannt. Wir haben beispielsweise einem Epilepsie-Medikament keinen Zusatznutzen bescheinigt. Es gab große Empörung danach, die auch von Wissenschaftlern und Selbsthilfegruppen kundgetan wurde, die auch nicht immer unabhängig sind. Wir würden den Tod von Epileptikern in Kauf nehmen, so der Vorwurf.

Sie sprechen vom Präparat Trobalt von GlaxoSmithKline.

Vor wenigen Wochen hat die Europäische Arzneimittelbehörde die Zulassung erheblich eingeschränkt, weil nach der Einnahme des Medikaments dramatische Veränderungen der Netzhaut aufgetreten sind. So schlecht waren wir bei unserer Entscheidung also nicht. Es wäre für die Patienten sogar von Nutzen gewesen, wenn der Hersteller das Präparat früher vom Markt genommen hätte.

Wir haben jetzt viel darüber gesprochen, wie Sie versuchen, die Versorgung der Patienten zu verbessern. Was müssen und können Menschen selbst tun?

Die Anspruchshaltung ist unglaublich gewachsen. Wir haben ja in Deutschland derzeit eine Diskussion darüber, ob zu viel operiert wird. Das muss man genau überprüfen. Aber es sind nicht immer die Krankenhäuser, die aus Geldgründen Eingriffe vornehmen wollen. Es sind auch häufig die Patienten, die Behandlungen einfordern. Viele halten doch ihren Arzt inzwischen für unfähig, wenn er von einem Eingriff abrät und einfach nur ein paar Tage Bettruhe verordnet. Häufig werden nur die Vorteile einer Behandlung gesehen und die Risiken völlig ausgeblendet. Da muss ein Umdenken stattfinden. Denn: Weniger ist oft mehr!

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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