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Spieltrieb geweckt.

Messe „Spiel“ 2019

Spielebranche: Ein Escape-Room auf dem Tisch

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Brettspiele sind hierzulande beliebter denn je – trotz oder gerade wegen der digitalen Konkurrenz. Am Sonntag öffnet die Messe „Spiel“ in Essen ihre Türen.

Die Spielebranche boomt – und zwar nicht nur im digitalen Bereich. Auch wenn die Konkurrenz durch PC- und Konsolenspiele übermächtig erscheint: Brett- und Kartenspiele befinden sich seit Jahren auf einem Höhenflug. Rekordzahlen sind fast schon Alltag im Vorfeld der „Spiel“ in Essen, der weltweit größten Brettspielmesse. So berichtet der veranstaltende Merz-Verlag zur Eröffnung der 37. Auflage, das Messegeschehen habe sich in den vergangenen sechs Jahren praktisch verdoppelt. Wenn am Sonntagabend die Tore neben der Gruga-Halle schließen, dürften sich 200 000 Besucher durch die sechs Hallen gespielt und bei 1200 Verlagen (Vorjahr 1150) 1500 Neuheiten (1400) auf Herz und Nieren getestet haben.

Strategiespiele sind beliebt

Dabei wird den Gesellschaftsspielen seit mehr als zehn Jahren beschieden, sie seien ein aussterbendes Genre. Zumeist Beobachter außerhalb der Branche meinen, die Verdrängung durch digitale Medien sei eine Frage der Zeit. Dass dem nicht so ist, führt Verlagssprecherin Dominique Metzler auf zwei Gründe zurück: Das gemeinsame, entschleunigte Spielerlebnis am Tisch sei ein willkommener Gegenpol zum Alltag mit dem alles dominierenden Computer. Zum anderen „entdecken immer mehr junge Erwachsene die Brettspielwelt“. Auch wenn bei diesen 25- bis 35-Jährigen das Faible fürs Spielen vielleicht via Smartphone, Playstation oder übers Internet geweckt wurde, jetzt suchten sie die Atmosphäre am Spieltisch.

Auf der „Spiel“ wird traditionell der Publikumspreis „Deutscher Spielepreis“ verliehen. Sieger ist, wie schon beim Jurypreis, „Flügelschlag“, bei dem man bezaubernd gestaltete Vogelkarten punkteträchtig zu Sets zusammenstellt.

Der Kinderpreis geht an das ein Wortratespiel „Concept Kids – Tiere“: Die Begriffe müssen ohne Reden nur aus Symbolkarten erschlossen werden.

Mit dem neuen Preis „innoSPIEL“ zeichnet eine Expertenjury die innovativste neue Spielidee eines Jahrgangs aus. Im Kinderspiel „Ab durch die Mauer“ lassen drei Magnetstreifen sowie ein sich drehendes Spieltableau kleine Gespenster umherflattern. (ask)

Die Trends sind dabei sehr unterschiedlich: Gewaltige, stundenlange Strategiespiele sind en vogue; solche „Klopper“ (Metzler) dürfen auch schon mal 160, 170 Euro kosten. Oder die Spieler tauchen als Akteure tief in eine Geschichte ein, die sich in vorgegebenen Bahnen entwickelt. In so genannten kooperativen Spielen gilt es, als Gruppe regelrechte Abenteuer zu bestehen. Extrem beliebt auch die neuen Rätselspiele: Von den 17 Szenarien der „Exit“-Reihe, ein Escape-Room-Event für den Wohnzimmertisch, hat der Kosmos-Verlag in kaum drei Jahren 4,5 Millionen Exemplare verkauft. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist der gelungene Transfer aus anderen Genres der Popkultur: PC-Spiel, Buchvorlage oder beliebte Filmwelten wie Star Wars, Harry Potter oder Game of Thrones – alles lässt sich in Brettspiele übersetzen.

Der Erfolg drückt sich in Verkaufszahlen aus. Hermann Hutter vom Verein der deutschen Spieleverlage beziffert das Plus im Bereiche Familienstrategiespiele und Erwachsenenspiele auf 14 Prozent. Noch ein Prozent mehr verbuchen kleine, smarte Wortspiele wie das „Spiel des Jahres“ 2019 „Just one“. Klassische Kinderspiele, so der Vorsitzende, seien dagegen rückläufig. Fast sprunghaft entwickelten sich neue Segmente wie Logik- und Denkspiele (plus 51 Prozent). In den vergangenen fünf Jahren habe der Zuwachs hierzulande insgesamt 40 Prozent betragen, den aktuellen Jahresumsatz bezifferte Hutter auf 550 Millionen Euro. In Stückzahlen: Rund 50 Million Schachteln gingen über die Ladentheke, das sichert 14 000 Beschäftigten das Auskommen.

Kein deutsches Phänomen

Spannend ist die Vielseitigkeit der Branche. Nebeneinander existieren völlig unterschiedliche Konzepte. Das deutsche Kleinlabel Feuerland Spiele aus Eppstein etablierte sich 2011 mit dem Strategie-Überflieger „Terra Mystica“. Beim Verlag Spielefaible machte Henning Voss, ein erfolgreicher Importeur aus der Fahrradbranche, sein Lieblingshobby zum neuen Berufsfeld und kapriziert sich auch mal auf ein so ungewöhnliches Spielthema wie Fliegenfischen. Solchen Quereinsteigern und Newcomern stehen Großunternehmen wie Kosmos, Ravensburger oder Asmodee gegenüber. Anders als die stark in Deutschland verwurzelten Traditionshäuser agiert Asmodee als Dachorganisation eher im Hintergrund. Die weltweit 14 „Distributionseinheiten“ haben Dutzende kleiner Spieleschmieden unter Vertrag, für die sie Marketing und Vertrieb besorgen. Vor allem aber tauschen die 14 Zentralen neue Spielideen aus, die dann zielmarktgenau für Nordamerika, Brasilien, China und diverse europäische Länder aufbereitet werden.

Dass der Spielrausch alles andere als ein deutsches Phänomen ist, verdeutlicht noch eindrucksvoller eine Umfrage in den USA. Die größten Zuwächse bei den Massenverkäufern Amazon, Target und Walmart, berichtet Metzler, verzeichneten zuletzt ausschließlich Expertenspiele. Angeführt werden die Top Ten der Strategiespiele von „Gloomhaven“, ein zehn Kilo schweres Fantasyspiel, und „Flügelschlag“.

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