+
Der Lieferdienst Delivery Hero macht zwar mit jeder ausgelieferten Pizza 60 Cent Verlust.

ANALYSE

Spekulation ist ihr Geschäft

  • schließen

Erfolgreiche Start-ups müssen keine Gewinne machen - sondern lediglich die Phantasie der Investoren anregen. Nur dann regnet es Geld. Die Analyse.

Die Marktwirtschaft, heißt es, ist extrem innovativ. Denn in ihr könnten selbst finanzschwache Unternehmer ihre Geschäftsideen realisieren, indem sie sich Kapitalgeber suchen, mit deren Hilfe sie Innovationen auf die Welt bringen. Belohnt werden beide mit in der Anfangszeit besonders hohen Pioniergewinnen. Risikobereite Kapitalgeber, die wagemutigen Unternehmern Geld vorschießen und dafür mit Anteilen am Geschäftserfolg belohnt werden – dieses Bild des Marktes hat erkennbar wenig mit der heutigen Realität zu tun. Insbesondere nicht mit der Realität, in der es um das ganz große Geld geht. Hier hat sich das Verhältnis von Kapitalgebern und Unternehmen komplett gedreht.

Billionenschwere Wagnis-, Risiko- und sonstige -kapitalfonds sind permanent auf der Suche nach aussichtsreichen Geschäftsmodellen. Sie finanzieren unzählige Neugründungen vor in der Hoffnung, dass daraus idealerweise ein „Einhorn“ wird, also eines der seltenen Start-up-Exemplare, das einen Marktwert von einer Milliarde Dollar oder mehr erzielt. Im Erfolgsfall verkaufen sie ihre Anteile dann an andere Investoren.

Von diesen „Einhörnern“ gibt es derzeit einige. Die Zimmervermietung Airbnb ist eines, ein anderes der Fahrdienstleister Lyft, das Weltraumfahrt-Unternehmen SpaceX, der E-Zigaretten-Riese Juul Labs oder der Essenslieferant DoorDash. Diese Unternehmen haben Abermilliarden von Investoren eingeworben und dafür Anteile ausgegeben. Der Wert dieser Anteile gründet sich auf purem Wachstum. Das eingeworbene Kapital wird zur drastischen Ausweitung der Umsätze investiert, denn es kommt darauf an, den Markt zu besetzen. Reale Gewinne bleiben dabei bloße Hoffnungswerte.

Da die jungen Unternehmen keine Gewinne machen, sind sie auf permanenten Zufluss von Kapital angewiesen. Sie müssen also dafür sorgen, dass die Spekulation auf ihren in ferner Zukunft liegenden Erfolg immer neue Nahrung erhält. Ein Meister in diesem Erwartungs-Management der Anleger ist der E-Auto-Pionier Elon Musk, der aus jeder Produktionssteigerung eine eigene Show veranstaltet.

Damit stellt sich das Verhältnis von Realwirtschaft und Finanzkapital so dar: Das Finanzkapital will hohe Bewertungen seiner Anteile, und diese Bewertungen basieren auf Erwartungen anderer Investoren. Die Realwirtschaft schürt daher die Erwartungen in sich, was wiederum die Spekulation anfeuert und so das Unternehmen immer wertvoller macht: Airbnb hat derzeit einen Marktwert von etwa 35 Milliarden Dollar bei 322 Millionen Dollar Verlust in den ersten neun Monaten 2019. Juul Labs hat trotz aller legalen Probleme einen Marktwert von 50 Milliarden Dollar. Bei DoorDash sind es zwölf Milliarden, und der Lieferdienst Delivery Hero macht zwar mit jeder ausgelieferten Pizza 60 Cent Verlust, freut sich aber über die Steigerung seines Aktienkurses.

Die Spekulation auf die Start-ups treibt also deren Unternehmenswert in die Höhe. Ihre realwirtschaftlichen Umsätze sind nur noch dazu da, die Wachstumserwartungen der Anleger zu stützen. Das muss gelingen. Denn wovon die jungen Unternehmen leben, ist nicht ihr Gewinn, sondern nur der Zugang zu immer neuem Kapital. Ihr entscheidendes Erfolgskriterium ist daher nicht Rentabilität. Sondern Kreditwürdigkeit – also ihre Eignung, als Mittel der Finanzspekulation zu dienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare