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Spanien schafft Jobs ohne Ende

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Von: Martin Dahms

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Vor dem Arbeitsamt.
Vor dem Arbeitsamt. © AFP

Ende 2016 sind bei den Arbeitsämtern knapp 390.000 Arbeitslose weniger gemeldet als ein Jahr zuvor. Trotzdem sieht es auf dem Arbeitsmarkt immer noch düster aus.

Das war mal eine gute Nachricht: Ende 2016 waren bei den spanischen Arbeitsämtern gut 390 000 Arbeitslose weniger gemeldet als ein Jahr zuvor. „Der größte Rückgang der Geschichte“, betitelte das Arbeitsministerium seine Pressemitteilung in der vergangenen Woche. Es ist das vierte Jahr in Folge, in dem die Arbeitslosigkeit abnimmt, seit Ende 2012 nun um insgesamt knapp 1,15 Millionen Personen. Das seien „Daten, die Hoffnung machen“, fand die Arbeitsministerin Fátima Báñez. Damit hat sie recht. Aber es ist eine sehr gedämpfte Hoffnung. Denn der spanische Arbeitsmarkt ist noch immer ein Desaster.

Das Desaster ist ein strukturelles. Zweistellige Arbeitslosenraten sind für Spanien der Normalfall. Selbst in den allerbesten Zeiten, auf dem Höhepunkt des Booms im Jahr 2007, war die Quote gerade einmal auf 8,2 Prozent gesunken. Dann platzte die Immobilienblase, die Bauindustrie brach zusammen und mit ihr die Finanzindustrie, und die Arbeitslosenrate kletterte bis Anfang 2013 immer höher, auf beinahe 27 Prozent.

Wer aus Europas reicherem Norden auf Spanien blickt, kann sich kaum erklären, wie ein Land so etwas aushält. Aber die Spanier hielten aus, mit zusammengebissenen Zähnen und wütend. Vor vier Jahren war das Schlimmste überstanden. Doch aus dem tiefen Loch, in das Spanien stürzte, ist das Land erst höchstens halb wieder hervorgekrochen.

Im Moment liegt die Arbeitslosenrate bei 18,9 Prozent, gut 4,3 Millionen Menschen haben nach den Zahlen des Nationalen Statistikinstituts keinen Job. Ende Januar werden die nächsten Quartalszahlen veröffentlicht und wahrscheinlich wieder Anlass für etwas zusätzlichen Optimismus geben. Doch selbst wenn es in den kommenden Monaten und Jahren weiter so gut laufen sollte wie bisher, wird die Arbeitslosenrate erst 2020 wieder auf Vorkrisenniveau liegen. Und dass es so kommt, ist nicht gesagt.

Frustrierend niedrige Löhne

Der spanische Ökonom Emilio Ontiveros benennt ein paar „Komplizen des Wachstums“, die Spanien aus seiner Krise geholfen haben: ein niedriger Ölpreis, die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, Lohnzurückhaltung. Dazu ein fantastischer Touristenboom: Noch nie kamen so viele ausländische Besucher nach Spanien wie im vergangenen Jahr. Doch wie lange diese positiven Einflüsse noch anhalten werden, ist ungewiss.

Die konservative Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy findet jedenfalls, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hat. Vor allem ist sie mit ihrer Arbeitsmarktreform von 2012 zufrieden, die Entlassungen und Gehaltskürzungen erleichtert hat. Die Reform habe es ermöglicht, „dass mehr Beschäftigung denn je geschaffen wird“, glaubt Ministerin Báñez. Auch wenn sie eingesteht, dass es vielleicht „Möglichkeiten gibt, sie zu verbessern“. Denn auch die Ministerin weiß, dass der jüngste Beschäftigungsboom seine dunklen Seiten hat. Die neu geschaffenen Arbeitsplätze sind im Allgemeinen von geringer Qualität: schlecht bezahlt und allzu häufig zeitlich begrenzt – wobei das eine mit dem anderen meistens Hand in Hand geht.

Gut 40 Prozent der abhängig Beschäftigten in Spanien haben entweder einen zeitlich befristeten Vertrag oder arbeiten, zumeist unfreiwillig, Teilzeit. Die Kurzzeitjobs werden immer kürzer: Sie dauern im Durchschnitt noch 51 Tage, vor der Krise waren es immerhin 78 Tage. Zum Stress, immer wieder neu auf Arbeitssuche gehen zu müssen, kommt eine frustrierend niedrige Entlohnung. Die verfügbaren Einkommen sind in Spanien während der Krise allgemein gesunken, um durchschnittlich 17 Prozent. Doch während das obere Zehntel der Bestverdiener nur ein Minus von 13 Prozent hinnehmen musste, traf das unterste Zehntel ein Einkommensrückgang um 30 Prozent. Nach einem OECD-Bericht ist in keiner anderen entwickelten Wirtschaft die Schere zwischen Arm und Reich während der Krise so weit auseinandergegangen wie in Spanien.

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