Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Raketen der neuen Generation sind kleiner und kostengünstiger.
+
Die Raketen der neuen Generation sind kleiner und kostengünstiger.

All

Space Race 2.0: So wird Weltraumtechnik in Deutschland zum profitablen Geschäft

  • vonFinn Mayer-Kuckuk
    schließen

Der Wettlauf zum Mond ist Geschichte. Jetzt wird Weltraumtechnik zum profitablen Geschäft auch für kleine Unternehmen in Deutschland.

  • Die großartigen Bestrebungen der Weltraumindustrie haben den Menschen auf den Mond gebracht.
  • Doch das Space Race des 20. Jahrhunderts ist vorbei.
  • Jetzt richten kleinere Unternehmen ihren Blick auf den Weltraum.

Wenn Marco Fuchs Nachrichten über SpaceX im Netz oder im Fernsehen sieht, ist seine Aufmerksamkeit sofort geweckt. Der Chef der Bremer Luft- und Raumfahrtgruppe OHB sieht in dem US-Konkurrenten einerseits eine treibende Kraft der Branche – andererseits verschärfen dessen Methoden den Wettbewerb. „Der Markt verändert sich derzeit rapide“, sagt Fuchs. „Das setzt die europäische Raumfahrtindustrie unter Druck.“ Diese Veränderung sorgt für mehr Wettbewerb und zugleich für neue Chancen.

SpaceX: Die Entdeckung der wiederverwendbaren Rakete

Die Geldflüsse in der weltweiten Weltraumindustrie verschieben sich schon seit Jahren. Unter dem Schlagwort „New Space“ haben neu gegründete Firmen seit der Jahrhundertwende die Branche revolutioniert. Anstelle von Großkonzernen haben diese agilen Privatfirmen begonnen, die gleichen Dienste günstiger anzubieten. Inzwischen ist die Entwicklung gar nicht mehr so neu, und die Start-ups von damals fangen an, ihre Versprechen einzulösen. SpaceX konnte durch die Nutzung wiederverwendbarer Raketen die Kosten für einen Start drastisch senken. Dadurch tun sich nun ganz neue Anwendungen auf.

Zugleich wächst der Sektor weltweit weiter. Der Weltraum ist weiterhin Projektionsfläche für nationale Ambitionen der etablierten und aufstrebenden Mächte. Satelliten sind zudem wichtiger denn je, um globale Veränderungen wie den Klimawandel im Blick zu behalten. Vor allem aber werden sie in Datenverarbeitung und Ortung zu einem immer wichtigeren Gegenstück zur Hochtechnik auf dem Boden.

Blick aus dem Weltraum auf Europa.

Im Jahr 2019 setzte die Raumfahrtbranche nach Zahlen des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) 366 Milliarden Dollar (302 Milliarden Euro) um. IW-Ökonom Hubertus Bardt erwartet nun weiteres Wachstum und erhebliche Veränderungen für die Branche. „Sowohl etablierte Unternehmen als auch eine eigene Start-up-Szene arbeitet unter dem Begriff New Space an neuen Möglichkeiten, die Weltraumtechnik wirtschaftlich zu nutzen“, sagt Bardt.

Weltall: Deutschland will mitmischen

In Deutschland weckt der Trend die Hoffnung, mehr mitzumischen als bisher. Denn auch die Raumfahrtindustrie ist hierzulande mittelständisch geprägt. Die Verlagerung weg von gigantischen Konzernen hin zu beweglichen, spezialisierteren, ideenreichen Firmen kommt der deutschen Wirtschaftsstruktur entgegen. Da die Projekte kleinteiliger werden, profitieren auch die Neugründungen und Mittelständler, sagt Bardt. Sie stellen etwa Teile für die Ariane-Raketen her, die weiterhin das wichtigste Arbeitsgerät der Europäischen Weltraumorganisation ESA sind – trotz der Einführung preiswerterer Alternativen durch SpaceX. Die Ariane Group baut in Bremen beispielsweise die Oberstufe der aktuellen Generation der Ariane.

Fördern und Investieren

Um Innovation und Wachstum in der Raumfahrtindustrie anzukurbeln, will die EU 300 Millionen Euro in kleinere und mittlere Unternehmen investieren. Insgesamt sollen rund 50 Unternehmen gefördert werden, wie die EU-Kommission und der Europäische Investitionsfonds (EIF) am Mittwoch anlässlich der Europäischen Weltraumkonferenz in Brüssel ankündigten. Der Fonds „Orbital Ventures“ fördere Technologien, die sich unter anderem mit Erdbeobachtung und Robotik befassten. Ein zweiter Fonds namens „Primo Space“ unterstütze europäische Raumfahrtunternehmen bei der Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen.

Die Investmentgesellschaft ARK, bekannt für ihre Investitionen in bahnbrechende Technologien und Innovationen, hat am Donnerstag verkündet, den „Space Exploration ETF“ auf den Markt zu bringen. Dieser neue börsengehandelte Fonds soll sich auf Unternehmen konzentrieren, die „technologische Produkte und/oder Dienstleistungen anbieten, welche sich auf das Thema Weltraum beziehen oder davon profitieren“, teilte ARK mit. dpa/FR ZUKUNFT HAT EINE STIMME

Der Feuermelder aus dem All: Dass Büsche und Bäume auch mal Feuer fangen, lässt sich kaum verhindern. Dass daraus große, unkontrollierbare Waldbrände werden, die ganze Landstriche zerstören und Unmengen klimaschädliches Kohlendioxid freisetzen, hingegen schon.

Verschiedene deutsche Unternehmen bauen auch ganze Satelliten, die wegen ihrer Qualität weltweit gefragt sind – darunter OHB. Ein aktuelles Beispiel ist der Bau von zwei Klimabeobachtungssatelliten im Rahmen des Programms „Copernicus“ der ESA. Die Messdaten sollen helfen, das Ausmaß des Klimawandels exakter zu bestimmen. Dank Hochtechnik und digitaler Anwendungen sind inzwischen auch Minisatelliten gefragt, die nur wenige Kilogramm wiegen. Auch die Kosten für den Transport in den Orbit sinken rasch. In der Gewichtsklasse unter 500 Kilogramm ist es nicht mehr so wichtig, am Äquator zu starten. Riesige Raketen verlieren an Bedeutung, ebenso die großen Weltraumbahnhöfe wie Kourou in Französisch-Guyana. Kleine Nutzlasten lassen sich gut auch von der Nordhalbkugel aus starten.

Weltraumhafen an der Nordsee?

OBH-Chef Fuchs träumt bereits von einem eigenen Weltraumhafen an oder in der Nordsee. „Ein Offshore-Weltraumbahnhof hat das Zeug dazu, Deutschland in der Raumfahrt einen gewaltigen Schritt nach vorne zu bringen“, sagt Fuchs. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) steht hinter der Idee. Im Gespräch sind derzeit beispielsweise eine schwimmende Plattform vor Sylt oder die Nutzung des Flugplatzes Nordholz bei Cuxhaven.

Ein Unternehmen, das auf dem Trend mitschwimmt, ist Berlin Space Technologies (BST), gegründet von Ingenieuren der TU Berlin. „Wir machen uns bereit, jährlich über 250 Satelliten herzustellen“, sagt Mitgründer Tom Segert. Die Massenproduktion soll dabei ein indischer Auftragshersteller übernehmen. Das Beispiel BST zeigt aber auch, wie schwer es Neugründungen in Deutschland haben. Die drei Gründer haben ihr Unternehmen zehn Jahre lang neben ihren Brotjobs aufgebaut, weil es in allen Phasen an Geld mangelte.

Weltraumindustrie in Deutschland: Gründerszene hat es schwer

Erst seit 2015 kann man von so etwas wie einer Auftragslage sprechen. In den USA fließt Investorengeld wesentlich üppiger, junge Unternehmen können mehr ausprobieren – und dabei dem Management sogar Gehälter zahlen. In Deutschland hat es die Gründerszene schwerer – doch andererseits ist BST heute auch stolz darauf, sich „ohne Banken und Risikokapitalgeber an den Haaren aus dem Sumpf gezogen zu haben“, wie Segert sagt. „Wir haben am Anfang unsere Professoren überzeugt, uns Laborplätze an der Uni verwenden zu lassen.“

Einer der ersten größeren Aufträge für BST kam vom Stadtstaat Singapur, für den das Berliner Team den kleinen Satelliten „Kent Ridge 1“ gebaut hat, um damit vom Weltraum aus mit Spezialkameras Land- und Wasserflächen sowie den Pflanzenwuchs zu beobachten. Zu den größeren Kunden von BST gehören heute der türkische Technikkonzern STM und die ägyptische Weltraumagentur EGSA.

Deutschland: So wird Weltraumtechnik zum profitablen Geschäft

Die leichten Satelliten von BST werden bisher typischerweise von kleinen indischen Trägerraketen kostengünstig ins All befördert. Bald sollen solche Anbieter von Weltraumtransporten jedoch erste Konkurrenz aus Deutschland bekommen. Das Unternehmen Isar Aerospace beginnt in diesen Tagen mit dem Bau seiner ersten Raketen. Die 27 Meter lange „Spectrum“ ist im Umfeld der TU München entstanden. Das Unternehmen sammelt Kapital von Geldgebern in der Industrie ein, darunter von Airbus.

Gründer Thomas Grübler und sein Team entdecken mit Hilfe von Satelliten Waldbrände in der ganzen Welt, solange sie noch klein sind. Eine riesige Chance für die Feuerbekämpfung. Lesen Sie die Geschichte unseres Autors Thomas Magenheim unter: www.fr.de/feuermelder 

Auch OHB mischt im Markt mit den Starts mit und finanziert das Unternehmen Rocket Factory Augsburg, das ab 2022 kleine Nutzlasten bis 1,1 Tonnen in Erdumlaufbahnen heben will. Die Rocket Factory plant mittelfristig einen Börsengang, um Investorengeld einzusammeln. OHB-Chef Fuchs sieht in den vielen Neugründungen und Initiativen bereits ein „deutsches Space Race“, ein Rennen ins All.

Das Wort stammt aus der Zeit der Rivalität der Supermächte USA und Sowjetunion, doch damals hätte noch niemand „deutsch“ damit in Verbindung gebracht. Im Wettrennen der Supermächte und der Systeme spielten die Kosten letztlich keine Rolle, sie wollten den Konkurrenten auszustechen und kulturelle Meilensteine wie die erste Mondlandung möglich machen. Jedes Vorhaben war von Formularen, Regularien, politischer Einflussnahme und den Irrationalitäten der Verwaltung umstellt.

SpaceX: Die besten Raketen auf dem Markt

Unternehmer wie Elon Musk (Paypal, Tesla), Richard Branson (Virgin Group) oder Jeff Bezos (Amazon) schaffen nun durch private Firmengründungen eine neue Herangehensweise. Sie versprachen der US-Regierung, Weltraumtransporte unter privaten Vorzeichen wesentlich effizienter anbieten zu können. Es ist ein Klub der Milliardäre, der jetzt die Raumfahrt vorantreibt. SpaceX baue die besten Raketen und biete die günstigsten Konditionen, sagt Fuchs. Elon Musk ist es gelungen, den Preis für einen Satellitenstart auf ein Zehntel der früher üblichen Summen zu drücken. Das ist auch für staatliche Projekte wichtiger denn je, denn die Öffentlichkeit hinterfragt heute jeden Euro, der ins All verfeuert wird.

Und Musk testet weiter neue Anwendungen für günstige Starts aus. Beispiel „Starlink“: Mit Schwärmen von Minisatelliten in niedrigen Umlaufbahnen will Musk weltweit schnelles, günstiges Internet anbieten. Die Bundesnetzagentur hat gerade grünes Licht dafür gegeben, den Dienst auch in Deutschland zu nutzen. SpaceX hat bereits 800 der Satelliten rund um den Planten platziert, nach Fertigstellung des Netzes sollen es 4400 sein. In einigen amerikanischen Staaten lässt sich im Testbetrieb schon eine Internetverbindung aufbauen.

Die EU will dahinter nicht zurückstehen und ihre eigene Alternative zu Starlink starten – so wie sie dem US-Positionssystem GPS ihre Alternative Galileo an die Seite gestellt hat. OHB erwartet als einer der europäischen Marktführer, an dem Projekt beteiligt zu sein. So läuft dann doch immer noch ein Space Race zwischen großen Wirtschaftsblöcken – aber unter positiveren Vorzeichen als im Kalten Krieg: Es treibt eine effiziente Erneuerung der Raumfahrt voran. (Finn Mayer-Kuckuk)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare