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Bernie Sanders wies darauf hin, dass in Dänemark „die Menschen in vieler Hinsicht eine wesentlich höhere Lebensqualität haben als hierzulande“.

Analyse

Ein Sozialismus, der keiner ist

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Glaubt man den US-Demokraten im Wahlkampf, dann gibt es den „American Dream“ bloß noch in Dänemark. Warum?

In der US-Politik ist „Sozialismus“ ein gern verwendeter Kampfbegriff. Mit ihm versuchen Konservative, Politiker auf der linken Seite schlechtzumachen. Und mit ihm versuchen linke Politiker, für die eigene Position zu werben. Allerdings hat der Sozialismus in diesen Debatten wenig mit Planwirtschaft und Verstaatlichung zu tun und mehr mit einem stärkeren Wohlfahrtsstaat.

In den USA wird daher gern über Skandinavien gestritten und hier insbesondere über – ausgerechnet – Dänemark. „Ist Dänemark der neue Amerikanische Traum?“, fragt der Ökonom Jacob Funk Kirkegaard vom Peterson Institute in Washington.

Der inzwischen aus dem Rennen um die Demokratische Präsidentschaftskandidatur ausgestiegene Pete Buttigieg bezeichnete Ende Februar Dänemark als „den besten Ort, an dem man derzeit den Amerikanischen Traum ausleben kann“. Sein Konkurrent Bernie Sanders wies darauf hin, dass in Dänemark „die Menschen in vieler Hinsicht eine wesentlich höhere Lebensqualität haben als hierzulande“.

Vom Tellerwäscher zum Millionär – dass dieser Amerikanische Traum derzeit eher in Dänemark zu Hause sei, belegt laut Kirkegaard eine Studie der Industrieländerorganisation OECD. Laut ihr ist der soziale Aufstieg in Skandinavien wesentlich einfacher möglich als in den USA.

Während in Skandinavien eine arme Familie nur zwei Generationen braucht, um in die Mittelklasse aufzusteigen, benötigt sie in den USA dafür fünf Generationen, in den übrigen europäischen Ländern zwischen vier und sechs Generationen.

Die OECD weist darauf hin, dass die Geschwindigkeit des sozialen Aufstiegs vor allem in jenen Ländern hoch ist, die eine geringe Einkommensungleichheit aufweisen. Zum Beispiel Dänemark. Das erreicht das Land über eine starke Umverteilung. So liegt dort das gängige Maß für Ungleichheit – der Gini-Koeffizient der Einkommen – vor staatlicher Umverteilung bei einem Wert von 40, nach Umverteilung dagegen nur noch bei 25. Der Gini vor Umverteilung in den USA beträgt hingegen hohe 47 und sinkt durch staatliche Transfers und Steuern bloß auf 38.

Umverteilung und Sozialstaat kosten Geld. Dementsprechend hoch ist die Steuerlast in Dänemark: Die Steuereinnahmen betragen etwa 45 Prozent der Wirtschaftsleistung, in den USA nur 24 Prozent. Dabei ist laut Kirkegaard zu beachten, dass die Sozialausgaben in den USA letztlich höher sind als in Dänemark, wenn man die Gesamtausgaben des Staates und des Privatsektors addiert – in den Vereinigten Staaten muss man privat vorsorgen, in Dänemark nicht.

Gleichzeitig ist Dänemark keine klassenlose Gesellschaft. Laut Forbes-Liste leben dort zehn Milliardäre, zum Beispiel die drei Lego-Eigentümer. Das macht 1,74 Superreiche auf eine Million dänische Einwohner. Die USA mit ihren 327 Milliardären stehen kaum besser da: 1,79 Superreiche auf eine Million Einwohner.

Kein Wunder also, dass die US-Demokraten Dänemark mögen. Vielleicht auch der aktuelle Favorit für die Präsidentschaftskandidatur, Joe Biden. In einem Wahlwerbespot zeigte er 2019 Bilder aus den USA. An einer Stelle sagt Biden aus dem Off „Ich bin heute optimistischer über Amerikas Aussichten in der Welt als jemals in meiner Karriere“, während im Video ein Künstler bei der Arbeit zu sehen ist. Später kam heraus: Es war ein Däne.

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