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Markus Promberger hat die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Haushalte mit geringem Einkommen in verschiedenen europäischen Ländern untersucht.

Markus Promberger

"Sozialer Frieden nicht zum Nulltarif"

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Soziologe Markus Promberger spricht im Interview über Resilienz und öffentliche Grundversorgung.

Ein lauer Juniabend an der Pegnitz: Auf dem jährlichen Medienseminar der im nahen Nürnberg beheimateten Bundesagentur für Arbeit entspinnt sich eine Diskussion zur Frage, warum der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit nicht recht vorankommt. Und warum es einigen Betroffenen eben doch gelingt, eine Stelle zu finden. Der Begriff Resilienz fällt. Resilienz meint die Fähigkeit, widrigen Umständen zu widerstehen, aus schlechter Lage das Beste zu machen, Stehaufmännchen-Mentalität sozusagen. Für Resilienz gibt es beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einen Spezialisten: den Soziologen Markus Promberger.

Herr Promberger, sie haben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Haushalte mit sehr geringen Einkommen in neun europäischen Ländern untersucht. Was ist herausgekommen?
Uns hat die Frage interessiert, wie die Menschen mit ihrer schwierigen Situation umgehen, ob und unter welchen Umständen sie ihre Lage zu verbessern imstande sind. Wir haben festgestellt, dass es einigen Haushalten deutlich besser gelingt als anderen, mit der Krise und ihren Auswirkungen klar zu kommen. In diesem Fall spricht man in der Psychologie und der Soziologie von Resilienz. Resiliente Menschen werden von widrigen Bedingungen weniger beeinträchtigt als andere, sie erholen sich schneller von Schockerlebnissen und negativen Veränderungen, sie sind im Stande, unter schlechten Voraussetzungen vergleichsweise gute Ergebnisse zu erzielen.

Bildung dürfte dabei eine zentrale Rolle spielen.
Bildung ist wichtig, aber längst nicht der einzige Faktor, der für Resilienz maßgeblich ist. Es geht, allgemein formuliert, um die Fähigkeit, in schwieriger Lage Ressourcen und Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.

Zum Beispiel?
In Italien haben sich Menschen die sommerlichen Staus zunutze gemacht, indem sie mit Mopeds kühle Getränke zu den genervten Fahrern transportieren und ihnen verkaufen. Die Geschäftsidee funktioniert. In Spanien haben wir beobachtet, dass einige arme Haushalte aufs Land ziehen, wo sie viel billiger wohnen und Nahrungsmittel zum Eigenverbrauch anbauen können. Andere kaufen Gemüse zweiter Wahl direkt beim Erzeuger für wenig Geld, halten Hühner im Kleingarten oder züchten Tomaten auf dem Balkon. In Athen haben Linke ein alternatives Netzwerk für die Lebensmittelversorgung aufgebaut: Sie sammeln Lebensmittelspenden und verwertbare Reste in Supermärkten, Restaurants oder auch auf Partys der Oberschicht und verteilen dann die „Beute“ an Arme, Obdachlose, Immigranten. Das funktioniert ähnlich wie die Tafeln in Deutschland, allerdings ohne Dachorganisation, als Initiative von unten. Aber solche Dinge tun immer nur einige. Resilienz ist die Ausnahme.

Was sind die Voraussetzungen?
Typische Merkmale sind hohe berufliche Qualifikation, Bildung, Erfahrungswissen, Veränderungsbereitschaft, kommunikative Fähigkeiten und Vertrauen in die Wirksamkeit des eigenen Handelns.

Auf die von Ihnen untersuchten armutsgefährdeten Haushalte dürfte das nur teils zutreffen.
Stimmt. Aber es gibt noch eine Reihe anderer Faktoren. Wichtig für die Entwicklung von Resilienz sind stabile emotionale Bindungen und das Orientieren an Vorbildern innerhalb der Familie. Das geht vom elterlichen Vorlesen bis zu Erzählungen der Großmutter, wie man sich nach dem Krieg mit wenig Geld hat durchschlagen können. Auch Netzwerke spielen eine große Rolle: Wer in Sportvereine, Nachbarschaftsinitiativen, Kirchengemeinden oder die freiwillige Feuerwehr eingebunden ist, hat bessere Aussichten, einen Job zu finden, von Sonderangeboten in diesem oder jenem Laden zu erfahren, günstige und kostenlose Kulturangebote zu nutzen oder gemeinschaftlich günstig einzukaufen. Kurz: Eine gute Vernetzung erhöht die Resilienz.

Kann man das lehren?
Im Prinzip schon. Im Sozialkundeunterricht sollten nicht nur der Bundestag behandelt werden, sondern auch das, was eine Gemeinschaft eigentlich ausmacht. Auf den Lehrplan gehört eine praktische Ethik des guten Zusammenlebens. Sinnvoll wäre auch ein Schulfach Hauswirtschaftslehre, in dem man mit begrenztem Budget Einkaufen und Kochen lernt. Man erfährt beinahe von selbst, dass selbst zubereitetes Essen nicht nur billiger ist als Burger und Tiefkühlpizza, sondern auch besser schmeckt und gesünder ist. Dabei machen Menschen eine wichtige Erfahrung: Sie erleben, dass sie ihre Situation durch eigenes Handeln verändern können. Sie entwickeln Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit und können sich auf dieser Basis Ziele setzen. Wichtige Voraussetzungen, um unter prekären Bedingungen klar zu kommen, oder, besser noch, sie hinter sich zu lassen.

Klingt arg nach: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Das ist aber nicht gemeint. Resilienz braucht erstens in jedem Fall ein funktionierendes Grundsicherungssystem. Auch die von uns untersuchten resilienten Haushalte haben immer noch sehr niedrige Einkommen. Da muss nur eine Kleinigkeit schiefgehen, Kunden ausbleiben, einer von drei Minijobs gekündigt werden, dann braucht man zumindest vorübergehend staatliche Unterstützung. Zweitens, ganz zentral – und oft vernachlässigt – für die Wirksamkeit von Resilienz ist die Verfügbarkeit öffentlicher Güter.

Was meinen Sie denn damit?
Zum Beispiel den Wald. Auf einem Herbstausflug im Wald kann man Spaß haben, Abenteuer erleben, vieles über Tiere und Pflanzen lernen, Pilze und Beeren sammeln. Der Wald ist ein Freizeitpark ohne Eintritt. Dazu muss man ihn allerdings erreichen können, womit wir beim öffentlichen Personennahverkehr wären. Auch der ist ein Gemeingut, das es zu pflegen und auszubauen gilt. In Großbritannien sind die Nahverkehrssysteme fast alle privatisiert und entsprechend teuer. Das beschränkt nicht nur berufliche Mobilität, sondern hindert Menschen mit wenig Geld daran, ihre Freizeit kostenlos im öffentlichen Raum zu verbringen, eben im Wald oder an der nächsten Kiesgrube.

Was ist mit dem Zugang zu Bildungseinrichtungen?
Ein gutes gebührenfreies Bildungswesen einschließlich Kitas und Volkshochschulen ist ein ganz zentraler Punkt, um die Resilienz von Menschen zu stärken. Bildung eröffnet Möglichkeiten, zum Beispiel Freude an kulturellen Angeboten zu entwickeln, die nichts oder nicht viel kosten, wie etwa Museen oder Sportvereine. Auch die Versorgung mit Strom und Wohnraum würde ich zu den Gemeingütern zählen. Spielplätze, Grünanlagen, städtische Treffpunkte und Erholungsorte müssen zugänglich und dabei sicher sein. Der Alex in Berlin ist das nur bedingt, ein Park, in dem man ständig wegen Drogen angequatscht wird, zählt gewiss nicht dazu.

Trotz des Hinweises auf die Gemeingüter scheint der Resilienz-Begriff doch sehr stark auf das Individuum, dessen Fähigkeiten und Verantwortung fokussiert. Kritiker bemängeln, das Konzept privatisiere gesellschaftliche Risiken und soziale Verantwortung. Nach dem Motto: Selbst schuld, wer nicht fröhlich pfeifend im Wald Maronen fürs Abendbrot sammelt.
Allein auf die Resilienz des Einzelnen zu setzen wäre in der Tat ein zynisches Programm. Denn Resilienz braucht öffentliche Daseinsvorsorge. Ich will das mal an einem Beispiel verdeutlichen: Die resiliente arbeitslose Mutter setzt sich in der öffentlichen Leihbücherei an den Computer, um Jobangebote zu suchen und Infos über Kinderkrankheiten zu lesen. Damit das geht, ist zweierlei notwendig: Die Frau muss im kostenlos verfügbaren Bücherei-PC eine Ressource erkennen, die sie sinnvoll nutzen kann und will. Das setzt allerdings zwingend voraus, dass eine Bücherei einschließlich PC zur Verfügung steht. Man benötigt also beides: Ein gutes, gemeinnütziges, öffentlich finanziertes Leistungsangebot und die Bereitschaft des Einzelnen, es zu nutzen. Das bedeutet zugleich: Nur der Staat allein wird es nicht richten. Wer allein auf soziale Transfers setzt, begibt sich in die vollständige Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat. Das Ziel des Sozialstaates darf aber nicht Abhängigkeit sein, sondern die Möglichkeit für jeden einzelnen, am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben selbstbestimmt teilnehmen zu können.

Welche sozialpolitischen Konsequenzen leiten Sie aus ihren Forschungsergebnissen ab?
Der Staat muss nicht nur eine monetäre Grundsicherung und Jobangebote bereitstellen, sondern sich auch um Gemeingüter kümmern: Öffentliche Sicherheit, soziale Unterstützungsangebote, leichter Zugang zu Natur und Kultur, Angebote für Mitwirkung, Organisation und Selbstorganisation in Unterstützungseinrichtungen, Vereinen, Bürgerinitiativen. Guter öffentlicher Nahverkehr, kostenloses Bildungs- und Erziehungswesen, Gesundheitsversorgung, bezahlbarer Wohnraum und ebensolche Energie- und Wasserkosten. Die fundamentalen Lebensumstände und Lebenschancen dürfen nicht nur vom Markt und Marktpreisen geprägt werden. Geförderter Zugang zu Gemeingütern muss auch gemeinnützig sein. Nicht nur der arbeitslose Hartz-IV-Empfänger braucht einen günstigen und guten Nahverkehr, auch die alleinerziehende Krankenschwester mit zwei Kindern, die von ihrem knappen Lohn ohne Sozialtransfers lebt. Wir brauchen mehr Anreize im Hartz-IV-System, die Bildungsanstrengungen belohnen, ob bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen. Und wir müssen dafür sorgen, dass Menschen nach jahrzehntelangem Arbeitsleben nicht nach 12 oder 18 Monaten in Hartz IV rutschen, oder wegen geringer gesetzlicher Rente Grundsicherung im Alter beanspruchen müssen.

Kostenlos wird das nicht.
Nein, das wird es nicht. Resilienz kann nur auf dem Sockel eines gut entwickelten Sozialstaats wirklich wirksam werden. Das kostet auch, im Feld der Grundsicherung und beim Ausbau und Erhalt von Gemeingütern. Aber wir werden den sozialen Frieden in Deutschland und Europa nicht zum Nulltarif bekommen.

Interview: Stefan Sauer

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