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Hinter den Fassaden der Firmen muss sich einiges ändern (Symbolbild).

Interview

"Solche Programme sind ein Muss"

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Businesscoach Anne Schüller erklärt, worauf es bei Mentoring-Projekten ankommt.

Frau Schüller, finden Sie Reverse-Mentoring-Programme – bei denen junge Mitarbeiter Führungskräften die digitale Welt erklären – sinnvoll?
Solche Programme sind nicht nur sinnvoll, sie sind ein absolutes Muss. In den Chefetagen der Unternehmen reden derzeit alle über Digitalisierung – aber oft ist das nur eine verbale Aufgeschlossenheit bei anhaltender Verhaltensstarre. Dabei ist es allerhöchste Eisenbahn, dass die Unternehmen fit für die Zukunft werden. Junge Menschen sind in der digitalisierten Welt groß geworden, ihr Wissen kann Unternehmen enorm voranbringen.

Was hält Firmen davon ab, solche Mentorenprogramme einzuführen?
Die alte Denke geht doch so: Die ältere Generation bringt der jüngeren etwas bei, es ist die Weisheit der Alten, die den Stamm am Leben hält. Das ist in den Köpfen vieler Führungskräfte, die derzeit oft zwischen 50 und 65 Jahre alt sind, verankert. Vor allem Männern fällt es schwer, sich davon zu lösen. Die mittlere Generation zwischen 35 und 45 Jahren ist diesbezüglich aufgeschlossener, aber die ist oft noch nicht am großen Ruder. Die junge Generation ist sowieso ganz anders: Die ist total bereit, Wissen zu teilen, „sharen“ ist einer ihrer Kernwerte. Unternehmen, die auf diese Bereitschaft nicht eingehen, laufen Gefahr, diese jungen Kräfte zu verlieren.

Das heißt, Reverse-Mentoring-Programme können die Attraktivität eines Arbeitgebers erhöhen?
Absolut. Es gibt einen Kampf um Talente, es werden in Zukunft Unternehmen schließen müssen, weil sie keinen Nachwuchs finden. Junge Leute wollen da arbeiten, wo sie etwas Sinnvolles tun können. Reverse Mentoring ist für sie eine Herausforderung und eine Chance. Sie können dadurch etwas geben – aber natürlich auch selbst profitieren. Sie bekommen Zugang zu Führungskräften und können von ihnen zum Beispiel lernen, wie man Entscheidungen trifft oder Personal lenkt.

Worauf sollten Unternehmen achten, wenn Sie Reverse-Mentoring-Programme einführen?
Die Programme sollten nicht verordnet werden, sondern müssen freiwillig sein. Der Chef sollte mit gutem Beispiel vorangehen und mitmachen – oder dem Programm zumindest explizit Rückendeckung geben. Man sollte zunächst nur eine kleine Gruppe, die Avantgarde sozusagen, in das Programm einbeziehen. Es bringt nichts, sofort zu versuchen, so ein Projekt auf ein ganzes Unternehmen auszurollen; das schürt nur Ängste bei denen, die den Wandel fürchten. Wenn die kleine Gruppe gute Erfolge vermeldet, werden nach und nach auch alle anderen Führungskräfte mitziehen. So schiebt man ein ganzes Unternehmen langsam Richtung Zukunft.

Was ist noch wichtig?
Unternehmen brauchen einen langen Atem. Das Thema Digitalisierung endet nie, es geht immer weiter. Von daher sollten auch solche Programme dauerhaft angelegt sein. Und absolut entscheidend ist natürlich, dass sich in den Programmen die passenden Menschen als Tandem finden. Sie müssen fachlich und persönlich zueinander passen. Man kann beispielsweise richtige Speeddatings machen, bei denen Teilnehmer ein paar Minuten miteinander reden und am Ende entscheiden, welchen Partner sie haben möchten. 

Was halten Sie von geschlechtlich gemischten Mentoren-teams?
Das ist unproblematisch, wenn die Führungskraft weiblich und der junge Mentor männlich ist. Umgekehrt ist Vorsicht geboten. Für viele Männer sind junge Frauen entweder Beta oder Beute, das kann zu Schwierigkeiten führen. Und dumme Gerüchte um ein Mentorentandem, auch wenn sie gar nicht stimmen, können ein ganzes Programm zum Einsturz bringen. Ich tue mich schwer zu sagen, dass man lieber gleichgeschlechtliche Teams bilden sollte, denn ich bin ein großer Fan von Diversität. Aber das Unternehmen wäre damit auf der sichereren Seite. 

Interview: Nina Luttmer

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