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Vor allem bei den ökologisch vorteilhaften Hausdach-Anlagen dürfte ohne Förderung ein Einbruch kommen.

Analyse

Der Solardeckel schnappt zu

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Wer eine Photovoltaik-Anlage auf dem Hausdach installiert, erhält dafür schon bald keine staatliche Förderung mehr. Das könnte zu einer Knappheit von Strom führen.

Deutschland droht eine Stromlücke. Diese Warnung ist so alt wie die Energiewende, eine Litanei seit 20 Jahren. Meist wurde sie von Gegnern derselben benutzt, entweder um den Atomausstieg zu verzögern oder um einen schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie zu verhindern. Bisher ist der Strom-GAU nie eingetreten.

Die wachsende Ökostrom-Produktion konnte die sinkenden Atom- und Kohle-Anteile ersetzen. Inzwischen aber warnen auch Freunde der „Erneuerbaren“ vor einer Knappheit im Stromangebot in den nächsten Jahren. Die Gründe: Noch sechs AKW gehen bis 2022 vom Netz, weitere Kohle-Kapazitäten fallen weg, und der Strombedarf wächst durch E-Mobilität.

Die Warnung sollte man ernstnehmen. Denn nicht nur der Einbruch beim Windkraft-Zubau bedroht die Erfolgsgeschichte der Energiewende, nun droht auch noch der „Solardeckel“ der Bundesregierung zuzuschnappen.

2019 war ein neues Rekordjahr bei der Grünstrom-Produktion. Rund 46 Prozent der Elektrizität stammten aus erneuerbaren Quellen, ein Plus von über fünf Prozentpunkten gegenüber 2018. Doch es war wohl vorerst das letzte Jahr mit einem solch starken Zuwachs. Derzeit werden nur noch wenige Windräder neu installiert. Der Zubau bei der Photovoltaik hat sich 2019 zwar gut entwickelt, es kamen Anlagen mit vier Gigawatt (GW) hinzu (2017: 1,7 GW, 2018: 2,9 GW). Doch auch hier droht ein Rückschlag. Denn die Förderung neuer Solaranlagen per EEG könnte bereits im April wegfallen.

Grund ist der „Solardeckel“, den die Bundesregierung 2012 eingeführt hat. Ab 52 Gigawatt installierter Leistung sollten nur noch Anlagen ohne Förderung gebaut werden. Und dieser „Deckel“ ist fast erreicht, Ende 2019 waren 50 GW am Netz, und die erwartete Torschluss-Konjunktur dürfte dazu führen, dass die verbleibenden zwei GW binnen zwei, drei Monaten installiert werden.

Zwar sind die Strom-Erzeugungskosten für Solarstrom sehr stark gesunken, doch vor allem bei den ökologisch vorteilhaften, weil flächenschonenden, aber noch etwas teureren Hausdach-Anlagen dürfte ohne Förderung ein Einbruch kommen.

Dass der Solardeckel weg muss, ist parteiübergreifend Konsens. Schon im „Klimapaket“ der Bundesregierung vom letzten Jahr war dieser Schritt angekündigt, doch konkret geschehen ist nichts. Union und SPD gerieten in Streit über den Windkraft-Ausbau, und so flog dieser Punkt genauso wie die Deckel-Abschaffung wieder aus dem Entwurf für das Kohle-Ausstiegsgesetz heraus, in dem beides geregelt werde sollte.

Nun rennt die Zeit davon. In einem Brandbrief haben Verbände der Erneuerbaren-Branche und Umweltorganisationen kürzlich vor einem „erheblichen Einbruch der Solartechnik-Nachfrage und großen Schäden in der Solarbranche“ gewarnt. Rund 30 000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Nach dem Verlust von über 35 000 Jobs im Windsektor wäre das der nächste GAU.

Deswegen: Das Merkel-Kabinett muss nicht nur den Deckel schleunigst abschaffen, sondern den Ausbau der Solarenergie und von Stromspeichern auf ein neues Niveau heben. Eine Studie hat voriges Jahr gezeigt, dass bis 2030 eine Verdreifachung der Kapazitäten auf rund 160 Gigawatt nötig ist, um die Lücke zu schließen. Das muss die Zielrichtung sein.

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