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So bleibt viel von der Dividende

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Von: Rolf Obertreis

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Hauptversammlung der Deutschen Telekom im April 2022: Aktionärinnen und Aktionäre stimmen dort auch über die Dividende ab.
Hauptversammlung der Deutschen Telekom im April 2022: Aktionärinnen und Aktionäre stimmen dort auch über die Dividende ab. © IMAGO/Sven Simon

Wer Ausschüttungen aus dem Ausland erhält, zahlt oft Quellensteuer - nicht selten zu viel. Aber es gibt Möglichkeiten, sich das Geld zurückzuholen.

In diesen Tagen und Wochen fließen reichlich Dividenden auf die Konten deutscher Aktionärinnen und Aktionäre. Auch von Gesellschaften im Ausland, deren Aktien sie halten. Viele aber schauen sich die Dividenden-Abrechnungen nicht genau an. Und übersehen, dass es deutliche Abzüge bereits im Ausland gibt. Die Schweiz etwa erhebt eine Quellensteuer von 35 Prozent, Schweden von 30, Österreich von 27,5, Dänemark von 27, Italien von 26, Kanada von 25 oder Spanien von 19 Prozent.

Mit vielen Ländern besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen, das eigentlich nur einen Satz von 15 Prozent erlaubt. Mitunter wird dies automatisch berechnet, wie etwa in den USA. In vielen Ländern passiert das aber nicht. Allerdings können sich Anlegerinnen und Anleger das Geld bei den Steuerbehörden der jeweiligen Länder zurückholen. Und da geht es jährlich um erhebliche Beträge, auch in Deutschland.

In der Schweiz etwa reduziert sich der Quellensteuer-Abzug durch die Rückforderung um 20 Punkte von 35 auf 15 Prozent. Am Beispiel der Nestlé-Aktie zeigt sich, dass es um Einiges geht. 2,80 Franken hat der Konzern gerade pro Aktie für 2021 ausgeschüttet. Die Schweizer Steuerbehörden behalten davon 35 Prozent, also 98 Rappen ein. Es müssten aber nur 42 Rappen sein, 56 Rappen kann sich der Anleger oder die Anlegerin zurückholen.

Ein neues Fintech hilft

Das Problem: Das Verfahren, sich das Geld erstatten zu lassen, ist meist alles andere als trivial. Zunächst braucht der Aktionär eine Bescheinigung seiner Bank über die abgeführte Quellensteuer – den sogenannten Tax-Voucher. Mitunter wird er automatisch und kostenfrei mit der Dividendenbescheinigung geschickt. Etliche Institute stellen freilich Gebühren von bis zu 25 Euro in Rechnung, wie Stiftung Finanztest ermittelt hat. In jedem Fall erforderlich ist eine Wohnsitzbestätigung durch das Finanzamt.

Dann folgt noch mehr Bürokratie: Bei den Finanzbehörden im Ausland müssen zum Teil seitenlange Formulare ausgefüllt, online oder per Post verschickt werden. Dann dauert es Wochen oder Monate bis die zu viel gezahlte Quellensteuer auf dem Konto landet. Wer das über seine Bank oder Sparkasse anleiern will, den dürften meist die Gebühren abhalten. Die können laut Finanztest bei bis zu 100 Euro liegen. Zumindest die Schweizer Behörden, also die eidgenössische Steuerverwaltung, hat das Verfahren in den letzten Jahren deutlich vereinfacht. Es ist mittlerweile eigenständig zu bewältigen. Aber das ist die Ausnahme.

Seit Ende vergangenen Jahres können sich Privatanlegerinnen und -anleger einer neuen Dienstleistung bedienen. Das Münchner Fintech Divizend kümmert sich um die Rückerstattung ausländischer Quellensteuer auf Dividenden – wenn es um Gesellschaften mit Sitz in Australien, Belgien, Dänemark, Finnland, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz und Spanien geht. 17,5 Prozent des erstatteten Steuerbetrags stellt das Fintech dafür in Rechnung. Divizend-Chef Thomas Rappold ist aus eigener Erfahrung auf das Problem gestoßen und hatte Mitte 2019 die Idee für das Unternehmen. Es sei das weltweit erste dieser Art, sagt er. „Wir gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Anleger gar nicht wissen, dass sie Quellensteuer zurückfordern können.“

100 Milliarden Dollar pro Jahr

Die Banken haben, sagt Rappold, ohnehin kein übermäßiges Interesse an der Thematik. Nur wenige machten ihre Depot-Kund:innen aktiv auf die zu viel gezahlte Quellensteuer auf ausländische Aktien aufmerksam. Und verschicken automatisch und kostenfrei Tax-Voucher. Das gilt etwa für die Consorsbank, die ING oder die Deutsche Bank, wie Finanztest berichtet.

Rappold schätzt das internationale Volumen an Quellensteuern auf Dividenden auf etwa 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Etwa 20 Milliarden könnten zurückgeholt werden und dies in der Regel rückwirkend für die vergangenen drei Jahre. In der Schweiz etwa gilt das aktuell zurück für die Dividenden, die für 2019 gezahlt worden sind. Andere Länder gewähren noch längere Fristen.

Auch bei Aktiensparerinnen und -sparern in Deutschland, bei denen dividendenstarke Papiere ausländischer Gesellschaften im Depot liegen, steht insgesamt eine erkleckliche Summe auf dem Spiel. „Anlegern in Deutschland gehen rund eine Milliarde Euro an Dividenden verloren“, sagt Rappold. Pro Jahr wohlgemerkt.

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