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Saubere Handys sprechen Kunden sicherlich schon einmal mehr an als dreckige. Ein Foto von der Mobilfunkmesse im vergangenen Jahr.

Mobifunkmesse

Smartphone-Markt am Scheideweg

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Der Smartphone-Markt stagniert. Die Hersteller fürchten, dass er bald schrumpfen wird - und preisen Teures an. 

Eine Zahl sagt schon beinahe alles: 0,1 Prozent. Das war die Wachstumsrate für den globalen Smartphone-Markt im vierten Quartal des vergangenen Jahres. Die Experten des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Gartner haben sie errechnet. Der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona steht in dieser Woche im Zeichen der 0,1. Auf der weltgrößten Mobilfunkmesse wird nach Wegen aus der Stagnation gesucht, die nach Ansicht von Experten in diesem Jahr in ein Schrumpfen abrutschen könnte.

Ein Dutzend Jahre lang kannte das gigantische Geschäft mit den schlauen Handys nur eine Richtung: Steil nach oben. Voriges Jahr wurden laut Gartner weltweit noch gut 1,55 Milliarden Geräte verkauft, ein Plus von gerade einmal 1,2 Prozent zum Vorjahr. Ob diese Dimension noch einmal erreicht werden kann, hängt nach Ansicht von Gartner-Analyst Anshul Gupta stark davon ab, ob die großen Drei (Samsung, Apple, Huawei) ihre Kundschaft in den reifen Märkten – gemeint sind vor allem Nordamerika, Europa, Japan und China – von ihren Flaggschiff-Modellen überzeugen können. Wobei Gupta darauf hinweist, dass davon zwei Hersteller zuletzt deutliche Einbußen verzeichneten. Marktführer Samsung verkaufte 2018 rund 26 Millionen Smartphones weniger als im Vorjahr. Bei Apples iPhone schlug ein Minus von knapp sechs Millionen zu Buche.

Zu teuer sind die schlauen Handys geworden, sie bringen aber kaum noch technische Innovationen. Das hat weltweit Käuferstreiks bei Highend-Geräten ausgelöst, an denen die Hersteller am meisten verdienen.

Wie weiter? Samsung hat schon vor Beginn des MWC seine Antwort gegeben. Mit der Präsentation des Galaxy Fold, das noch teurer als alles bislang Bekannte ist. Anfang Mai soll es hierzulande für 2000 Euro zu haben sein. Allerdings handelt es sich auch um ein Gerät neuen Typs. Ein Falt-Smartphone, das auseinander geklappt zu einem Tablet-Computer wird. Experten rätseln nun: War das eine Verzweiflungstat oder eine Provokation gegenüber Apple? Die Präsentation fand nicht weit vom Hauptquartier des iPhone-Konzerns in Cupertino (Kalifornien) statt.

Oder hat Samsung ein neues Kapitel im Mobilfunk aufgeschlagen? Dafür spricht, dass am Sonntag auch Konkurrent Huawei ein neuartiges faltbares Smartphone vorstellte. Das Huawei Mate X lässt sich zu einem in etwa quadratischen Tablet mit einer Bildschirmdiagonale von acht Zoll (gut 20 cm) aufklappen. Es sei das schnellste faltbare Smartphone, das überdies den neuen Mobilfunkstandard 5G unterstütze, erklärte Huawei.

Das Kalkül, das hinter den neuen Modellen steckt, ist jedenfalls klar: Künftig werden die Nutzer sich auf den mobilen Computern verstärkt bewegte Bilder verschiedenster Herkunft in Ultra HD anschauen. Ein größerer Bildschirm erhöht da die Erlebnisqualität. Insbesondere mit der neuen 5G-Funktechnik wird da einiges möglich. Denn dann wird wegen hoher Bandbreite das Herunterladen eines Spielfilms nur wenige Sekunden dauern.

Der koreanische LG-Konzern will von faltbaren Geräten indes noch nichts wissen. Die Zeit sei noch nicht reif, die Nachfrage liege in diesem Jahr bei nur maximal einer Million Geräte, sagte LG-Manager Kwon Bong-seok in einem Zeitungsinterview. Er setzt stattdessen auf ein erprobtes Rezept: Ein neues Nobel-Smartphone (LG G8 ThinQ) mit noch mehr Leistung, noch besseren Kameras und einem noch höher auflösendem Bildschirm.

Zudem will der Konzern in Barcelona wie fast alle großen Hersteller zeigen, dass man 5G kann. Das wird allerdings vor allem mit konventionellen Geräten geschehen, die inzwischen alle ziemlich identisch aussehen. Am Sonntag kündigte der chinesische Smartphone-Aufsteiger Xiaomi ein 5G-Smartphone für 599 Euro an; Samsung hatte kurz zuvor ebenfalls eine 5G-Version seines Top-Modells 10S für den Sommer angepriesen, ein Preis wurde aber bisher nicht bekannt.

Womöglich steuern wir aber auch auf eine Zukunft mobiler Anwendungen zu, die nicht mehr mit Apparaturen geschieht, die wir in der Hand halten, sondern am Handgelenk tragen oder auf der Nase sitzen haben. Längst ist es möglich, die Smartphone-Technik soweit zu verkleinern, dass sie in eine Armbanduhr passt. Die Messe in Barcelona war in der Vergangenheit der Ort, an dem in jedem Jahr eine neue Generation von Computeruhren vorgestellt wurde. So dürfte es auch dieses Jahr wieder werden.

Mit Spannung wird von Beobachtern derweil erwartet, was sich in der Welt der Virtual- und der Mixed-Reality tun wird. Auch hier beflügeln die Möglichkeiten von 5G die Phantasie der Entwickler. Die Schnelligkeit der neuen Technik macht realitätsnahe Computerspiele in 3D möglich. Unter anderem soll ein Batman-Game präsentiert werden, das sich an die reale Umgebung des Spielers anpasst.

Bislang aber konnten sich die Datenbrillen auch bei echten Nerds nicht durchsetzen, weil sie zu schwer und klobig sind. In Barcelona werden neue Modelle mit gesteigertem Tragekomfort an den Start gehen. Als gesetzt gilt, dass Microsoft in Katalonien die Weiterentwicklung seiner Hololens-Brille präsentieren wird. Auch HTC deutet Novitäten an.

Es gibt in der Branche aber auch eine Gegenbewegung. Und dafür steht unter anderem der nur wenig bekannte französische Smartphone-Hersteller Archos. Das Unternehmen zeigt auf der Messe Geräte mit einem erstaunlichen Preis-Leistungsverhältnis. Das gilt auch für das größte Modell, mit Namen Oxygen 68XL. Es bietet eine Bildschirm-Diagonale von gut 17 Zentimetern. Im Innern werkelt ein Arbeitsspeicher mit drei Gigabyte. Das gibt es für 199 Euro ab Ende Mai im Handel.

Das passt zum Branchentrend. Die Nachfrage nach Smartphones in der Einsteigerkategorie und in der Mittelklasse sei nach wie vor groß, so Gartner.

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