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Futuristisch: eine Vision des Stadtplanungsamtes von Helsinki, 2015. Der Mensch soll mehr Platz erhalten, die Autos weniger.

Mobilität

Smart City Helsinki: Wo Zukunft Gegenwart ist

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Unterirdischer Mülltransport, datenbasierte Bauprojekte, autonome Busse: Die finnische Hauptstadt Helsinki gilt als europäische Vorreiterin moderner Stadtplanung.

Es streicht ein kühler Wind durch die finnische Hauptstadt Helsinki. Vom Radfahren hält das die Menschen nicht ab. An einer automatischen Verleihstation lässt sich ganz einfach ein Drahtesel ausleihen. Ein paar Daten in die App tippen, bezahlen, und schon lässt sich das Rad aus dem Ständer wuchten.

Los geht die Fahrt durch das smarte Helsinki. Denn Smart City, also etwa „schlaue Stadt“, ist das Schlagwort der Stunde bei Stadtplanern und Nahverkehrsanbietern. Wie sich Bürger in Zukunft durch ihre Heimat bewegen, lässt sich in Helsinki bestens erahnen. Per App lassen sich hier praktisch alle Transportmöglichkeiten nutzen – Tram, Busse und Rad.

Seit dem Sommer gebe es sogar Boote, die man per App buchen könne, erzählt Jaana Woll, die für das Tourismusbüro Helsinkis arbeitet und durch die smarte Stadt führt. Auf dem Rad geht es zum Fährterminal im Süden der Stadt. Auf der Strecke liegt das Hafenviertel Kalasatama. Dort wohnen Bürger in modernen Wohnungen, in denen sich Licht, Heizung oder Sauna ab Werk mit Apps steuern lassen, und der Müll wird mit einem unterirdischen Röhrensystem statt mit Lastwagen abtransportiert.

„Helsinki will die funktionalste Stadt der Welt sein“, sagt Führerin Woll. Sprich: Alles soll so einfach und auch so umweltfreundlich wie möglich funktionieren. In Kalasatama etwa sei die Infrastruktur so gebaut worden, dass jeder Bewohner bei seinen täglichen Erledigungen eine Stunde Zeit pro Tag spare.

Das Thema Smart City hat Priorität in der EU: Bereits 2012 hat die Europäische Kommission eine sogenannte Europäische Innovationspartnerschaft ins Leben gerufen, in der das Wissen um die modernen Anwendungen gebündelt werden soll. Das Ziel: Städte sollen effizienter funktionieren, indem alle Ressourcen so sinnvoll wie möglich genutzt werden.

Das Konzept beruht vor allem auf Vernetzung: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser funktioniert die Smart City. In Helsinki kein Problem: „Finnland ist so funktional durch die offenen Daten“, sagt Woll. Hier etwa ist für jeden einsehbar, wie viel Steuern jeder Bürger bezahlt. „Wir haben das System der gläsernen Gesellschaft.“

Selbstfahrend: der Robobus „Gacha“.

Für manchen Bundesbürger mag das, was Woll als Fortschritt preist, wie ein Alptraum klingen. Ist die Smart City auf ihrer Kehrseite ein gigantischer Überwachungsapparat, der seine Bürger vermisst, kategorisiert und durchleuchtet? Das Ergebnis hängt von der Anwendung ab. Wenn in Datenbanken Informationen zur Verfügung stehen, die sich einzelnen Bürgern zuordnen lassen, dann ist auch der Weg zum Missbrauch für Werbemaßnahmen und andere unerbetene Anwendungen nicht weit. Architekten der smarten Systeme beugen dem typischerweise vor, indem personenbezogene Daten schon an der Quelle anonymisiert und so für bestimmte Zwecke unbrauchbar gemacht werden.

Klar ist aber auch: Wer die Vorzüge der Smart City genießen will, muss sich damit abfinden, dass seine Daten Teil eines riesigen Informationsmosaiks werden, das als Rohstoff für clevere Algorithmen dient. Schon vor der Digitalisierung funktionierten simple Verkehrszählungen an Kreuzungen nach demselben Prinzip.

„Die Finnen wachsen mit dem Verständnis auf, dass offene Daten mehr nutzen als schaden“, sagt Woll dazu. Wer also bereit ist, Adresse und Kreditkartendaten in einer App zu hinterlegen, kann – wie übrigens bei der Deutschen Bahn auch – ganz einfach das Ticket für die Tram lösen.

Natürlich geht es auch wesentlich komplexer: Neuen Konzepten zufolge können geparkte Elektroautos ihren Batteriespeicher dem Stromnetz in Zeiten hoher Auslastung zur Verfügung stellen oder selbstfahrende Busse Menschen ganz nach Bedarf durch die Stadt chauffieren.

Bereits im Einsatz sind Anwendungen wie das Smart Parking in Amsterdam, wo Autofahrer sich freie Parkplätze per App anzeigen lassen und direkt ihren Parkschein buchen können oder ein Steuerungssystem in Barcelona, das Straßenlaternen dort ausschaltet, wo niemand unterwegs ist. Helsinki stellt Entwicklern für solche Systeme einen gigantischen Datenschatz zur Verfügung, in dem Informationen aller Art gesammelt sind.

Bei Bauprojekten entscheiden Daten mit über die Gestaltung – wie beim neuen Hafen der finnischen Hauptstadt, für den die Stadt zuvor den Schiffs- und den Lkw-Verkehr in der Umgebung analysierte. Nun werden Schiffe so in den Hafen geleitet, dass dabei möglichst wenig Stau entsteht. Laster, die das Frachtgut weitertransportieren, haben bis zur Autobahn eine grüne Welle.

Wir geben uns mit kleineren Gefährten zufrieden: Die letzte Etappe bewältigen wir mit Elektrotretrollern, die hier schon seit einiger Zeit an etlichen Ecken auf Bürgersteigen stehen. Dies ist allerdings kein öffentliches Angebot, sondern das eines privaten Anbieters. Genau wie in Deutschland, wo nun in den Städten die ersten Erfahrungen mit den neuen Fortbewegungsmitteln gesammelt werden. Die Bewohner der finnischen Hauptstadt haben natürlich auch bei diesem Thema die Nase vorn.

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