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In Dänemark gibt es Radautobahnen.

Skandinavien

Radeln fürs Klima

Was man von Skandinavien lernen kann.

Jeder Morgen beginnt für Mie Mallevski sportlich. Erst strampelt die Dänin ihre vierjährigen Zwillinge mit dem Lastenrad zum Kindergarten. Dann radelt sie weiter zur Arbeit nach Kopenhagen. Exakt 21 Kilometer sind es von ihrer Heimatgemeinde Furesø-Vaerlose in die dänische Hauptstadt. Die meiste Zeit geht es geradeaus, vorbei an Wäldern und Teichen, Kleingärten und Moorlandschaften mit Wildgänsen. Später durchquert sie die hippen Stadtteile Nordvest und Nørrebro, bis sie das Zentrum Kopenhagens erreicht, wo die Bank steht, in der sie arbeitet.

„Der tägliche Weg zur Arbeit ist meine Freiheit und mein Sportprogramm zugleich“, sagt sie. Gut 50 Minuten ist die Dänin pro Strecke unterwegs, sommers wie winters. Mit dem Auto, sagt sie, würde sie in den Stoßzeiten sehr viel länger brauchen.

Die Entscheidung fürs Rad wird Mie Mallevski in Dänemark leicht gemacht: Vor ihrem Wohnort liegt ein „Cycle Superhighway“ – eine Autobahn für Radfahrer. Auf den breiten Asphaltwegen gibt es keine Autos und keine Ampeln, nur Tunnel und Brücken, ausschließlich für Fahrradpendler gebaut, im Winter wird der Schnee geräumt.

Künftig, so das Programm der Stadt, sollen nahezu alle Vororte mit den Radautobahnen verknüpft sein. Im Einzugsgebiet von Kopenhagen werden bis zum Jahr 2025 insgesamt 23 Regionen vernetzt. 500 Kilometer Strecke sind das Ziel – etwa die Hälfte ist geschafft. Damit baut Kopenhagen seinen Vorsprung als wahrscheinlich fahrradfreundlichste Stadt der Welt aus. Schon jetzt fahren 62 Prozent der Menschen mit dem Rad zur Arbeit. In Berlin sind es gerade mal 13 Prozent aller Arbeitnehmer.

Die Skandinavier sind die Musterschüler beim Klimaschutz. Sie machen vorwärts, wo andere zögern und zaudern. Das kleine Island deckt seinen Energiebedarf schon vollständig aus Wasserkraft und Erdwärme. Finnland gilt als Weltmeister in Sachen Kreislaufwirtschaft – da gibt es kaum etwas, das nicht wiederverwertet wird. Norwegen ist ein Mekka für grüne Mobilität: Einer von drei Neuwagen ist dort inzwischen ein Elektroauto.

Umweltmusterschüler Nummer eins ist Schweden, die Heimat der Klimaaktivistin Greta Thunberg. Beim Weltklima-Index-Report 2019 lag das Land wieder einmal vorn – während Deutschland im Vergleich mit 56 Ländern von Platz 22 auf Platz 27 abrutschte. Schweden punktet mit erneuerbaren Energien und beim CO2-Emissionsniveau und entsorgt seinen Müll derart nachhaltig, dass weniger als ein Prozent auf den Deponien landet.

Aber: Wie in den vergangenen Jahren auch, blieben die ersten drei Plätze unbesetzt. Germanwatch, CAN Europe und das New Climate Institute hielten kein Land für vorbildlich genug für eine Klimaschutz-Medaille. So kommt es auch, dass die junge Schwedin Thunberg selbst an ihrem Heimatland noch viel auszusetzen hat. Ein Großteil der Schweden feiert sie für ihre wirkungsmächtigen Proteste. Aktuellster Coup: Ein Aufruf zum Flug-Boykott. Unter dem Hashtag „Flygskam“ (Flugschande) erklären immer mehr schwedische Politiker und Prominente öffentlich in sozialen Medien, auf Flugreisen zu verzichten und die Bahn zu nehmen, so wie Greta.

Mie Mallevski und ihre Familie steigen seit Jahren nicht mehr ins Flugzeug. Diesmal waren sie über Ostern mit einem Sharing-Car an der dänischen Südküste, im Sommer geht es wieder mit den Lastenrädern durchs eigene Land. Der ökologische Fußabdruck der Mallevskis ist ohnehin beispielhaft: Energiesparhaus, Bio-Fans, eigener Gemüsegarten. Das Ehepaar ist Mitglied der örtlichen Klimaschutz-Initiative, die herbeigeführt hat, „dass in den städtischen Parks und Grünanalgen keine giftigen Pflanzenschutzmittel mehr versprüht werden.“ Das Wichtigste aber, erklärt die 39-Jährige, sei der Verzicht auf ein eigenes Auto. „Das erfordert auf dem Land eine gute Organisation. Aber die brauchen wir mit drei Kindern ja sowieso.“

Dass es in den skandinavischen Ländern beim Klimaschutz verhältnismäßig gut läuft, liegt auch an der restriktiven Emissionspolitik. Schweden scheint sogar geschafft zu haben, wovon jeder Industriestaat träumt: Eine gut funktionierende CO2-Steuer, die mit Abstand die höchste in der EU ist, bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum, wie die Brüsseler Organisation Carbon Market Watch betont.

Neben dem Ausbau regenerativer Energien treiben die skandinavischen Länder vor allem die Verkehrswende voran – weg von klimaschädlichen Verbrennungsmotoren, hin zu E-Mobilität, Bio-Treibstoffen – und Radfahren.

150 Millionen Euro hat Kopenhagen in den vergangenen zehn Jahren in seine Fahrradinfrastruktur gesteckt, rechnet Marie Kåstrup, Leiterin des kommunalen Radfahrprogramms, vor. Langfristig soll das jedoch Geld einsparen. Neue Radbrücken und Radschnellwege sind deutlich billiger als solche für Autos. Und auf Radwegen können mehr Menschen fahren als auf Straßen.

Die Planer behaupten, das Konzept sei so simpel, dass es jede Stadt kopieren könne. In nur fünf Jahren könnten auch Städte wie Berlin eine Fahrradstadt wie Kopenhagen sein. „Es braucht aber den Mut und die Entschlossenheit der Verantwortlichen“, so Kåstrup. Das Wichtigste sei, konsequent Prioritäten für den Radverkehr zu setzen – bei Platz, Investitionen und Regularien.

Von Sonja Fröhlich

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