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Die Berliner Charité stand im Zentrum der Arzneitests.

Arzneimitteltests in der DDR

„Der Skandal, der keiner war“

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2013 sprach der „Spiegel“ von der DDR als „billige Teststrecke“ für westliche Pharmafirmen. Doch eine aktuelle Studie bewertet die Arzneimitteltests in der DDR als unbedenklich. Es bleiben aber offene Fragen.

Wissenschaftler neigen nicht dazu, die Ergebnisse ihrer Arbeit zuzuspitzen. Doch die Autoren der Studie über Arzneimitteltests westlicher Pharmafirmen in der DDR sind sich ganz sicher: „Der Skandal, der keiner war“ – diese Überschrift trägt die Zusammenfassung des am Dienstag veröffentlichten Abschlussberichtes eines umfangreichen Forschungsvorhabens. Dabei wurde dem Vorwurf nachgegangen, ob das SED-Regime seine Bürger aus purer Geldnot als Versuchskaninchen an Westfirmen verkauft und dabei jegliche ethischen und rechtlichen Regeln verletzt hat. Dafür haben die Autoren nach eigener Einschätzung aber keine Belege gefunden. Liest man die Studie jedoch genau, dann bleiben entscheidende Fragen offen.

Anlass für die Untersuchung, die überwiegend von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Ost-Beauftragten der Bundesregierung finanziert wurde, war ein Bericht des Magazins „Spiegel“ aus dem Jahre 2013. Darin wurde die DDR als „billige Teststrecke“ für West-Pharmafirmen dargestellt. Vom Einsatz unerprobter Medikamente war die Rede, von unrechtmäßigen „Menschenversuchen“. Zweieinhalb Jahre hat die Gruppe um den Direktor des Charité-Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Volker Hess, Akten gesichtet und Zeitzeugen befragt, um Licht in das Dunkel zu bringen.

Die Experten fanden für den Zeitraum zwischen 1961 und 1990 Hinweise auf bis zu 900 klinische Studien, die im Auftrag westlicher Pharmafirmen in der DDR durchgeführt wurden. Davon sind 321 Studien so gut dokumentiert, dass sie für eine genauere Analyse in Frage kommen. „Derartige Versuche waren die Regel, nicht die Ausnahme“, so die Forscher. Als Prüfzentren fungierten überwiegend Universitätskliniken, hier insbesondere die Charité, und Bezirkskrankenhäuser in der gesamten DDR.

Nach Einschätzung der Forscher wurden die Studien in der DDR nach den gleichen Regeln vorgenommen, wie sie damals auch im Westen galten. „Die Standards waren auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gleich“, betonte Hess bei der Vorstellung der Untersuchung. Das sei für die Pharmafirmen auch deshalb wichtig gewesen, weil es sich bei den Studien oft um Teile großangelegter Forschungsvorhaben gehandelt habe, die nach identischen Methoden zeitgleich auch im Westen liefen.

Viele Fragen ungeklärt

Aber warum gingen die Westfirmen in den Osten? Es sei nicht etwa darum gegangen, ethische Standards zu unterlaufen, so Hess. Auch der Preis habe nur eine untergeordnete Rolle gespielt, die DDR habe im osteuropäischen Vergleich sogar als teuer gegolten. Die Westfirmen hätten vielmehr die straffen, zentralistischen Strukturen, die „preußischen Tugenden“ der DDR-Diktatur geschätzt: Sie mussten sich um nichts kümmern, denn mit dem „Beratungsbüro für Arzneimittel und medizintechnische Erzeugnisse“ gab es einen Ansprechpartner, der zuverlässig alles organisierte – von der ausreichenden Probandenzahl über termingerechte Studienprotokolle bis hin zur Regulierung von Schadenersatzansprüchen bei Gesundheitsschäden.

Aber schon hier stellen die Forscher ihr eigenes Urteil wieder in Frage. Sie verweisen auf das Beispiel eines Tests aus dem Jahr 1987. Damals hatte der Pharmakonzern Hoechst das Mittel Ramipril gegen Bluthochdruck und Herzschwäche in der DDR auf eine Art getestet, die im Westen nicht mehr genehmigt worden wäre: Eine Gruppe erhielt das Medikament, eine andere Gruppe ein wirkungsloses Placebo. Das ist zwar die gängige Form einer Studie. Doch zuvor war in einer Untersuchung mit einem Konkurrenzprodukt schon gezeigt worden, wie wirkungsvoll der Wirkstoff ist. In diesem Fall war es nicht mehr zu vertreten, angesichts der Schwere der Erkrankung Patienten mit Placebos zu behandeln.

Verwunderlich ist der Umgang der Forscher auch mit einer der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit Arzneimitteltests: Wurden die Probanden aufgeklärt, haben sie ihre Einwilligung gegeben? Schließlich steht der Vorwurf im Raum, Patienten hätten gar nicht gewusst, dass an ihnen Medikamente getestet wurden. Die Forscher geben an, über die Praxis der Aufklärung lägen nur vereinzelte Informationen vor. Dennoch lautet das Fazit, es habe keine systematischen Verstöße gegen die Aufklärungspflicht gegeben.

Das forsche Urteil irritiert auch den Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn. Die Aussagen der Studie zu den Einverständniserklärungen seien „schwammig“, sagte er der FR. Dabei handele es sich um einen entscheidenden Punkt. Jahns Fazit: „Viele Fragen sind noch ungeklärt.“

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