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"Das Smartphone öffnet das Fotografieren für alle und macht es jederzeit möglich. Das erhöht die Bilderflut, aber auch die Möglichkeiten, tolle Fotos zu schießen", sagt Christian Friege.

Cewe

"Es sind einfach zu viele Bilder geworden"

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Der Chef des Fotodienstleisters Cewe, Christian Friege, über den schmerzhaften Umbau seines Unternehmens, die Vor- und Nachteile von Smartphone-Kameras und die Renaissance von Polaroid.

Ein Kalender für die Schwiegereltern, das Fotobuch für den Freund oder die bedruckte Handyhülle für die Schwester. Fast jeder scheint zu Weihnachten Fotoprodukte unter den Baum zu legen. Hochsaison für Cewe, einen der führenden Fotodienstleister Europas. Besonders das Fotobuch ist beliebt. Warum das Oldenburger Unternehmen damit den Sprung vom Analogen geschafft hat, erklärt Chef Christian Friege, der Cewe seit 2017 leitet. Außerdem spricht er mit uns über den Wert des Bildes im digitalen Zeitalter, Fototrends und künstliche Intelligenz. 

Herr Friege, welches Fotoprodukt von Cewe verschenken Sie diese Weihnachten?
Meine Eltern sind unglücklich, wenn es keinen Kalender gibt. Die haben auch präzise Vorstellungen, wie die Enkelkinder und auch der Sohn darzustellen sind. Wir haben dieses Jahr zwei große Familienfeste gehabt, da habe ich auch Fotobücher verschenkt.

Ist die Weihnachtszeit für Sie das wichtigste Geschäft?
Wir erzielen über 90 Prozent unseres Ergebnisses im vierten Quartal. Wir arbeiten zurzeit in allen Produktionsbetrieben in Europa sieben Tage die Woche in drei Schichten. Dafür haben wir ungefähr 1000 Mitarbeiter für die Saison zusätzlich eingestellt, insgesamt sind es dann 4800 Mitarbeiter. Da können Sie sich überlegen, was für ein Kraftakt das ist. In der normalen Produktion haben wir ein Verhältnis von eins zu eins zwischen Festangestellten und Saisonmitarbeitern. In unserer Produktion in Budapest etwa kommen auf einen Festen derzeit sogar vier Saisonarbeiter.

Die kümmern sich wahrscheinlich auch um das Fotobuch. Ist das immer noch das bestverkaufte Cewe-Produkt?
Ja, aber dafür muss ich etwas ausholen. Wir haben ja eine große Transformation durchgemacht von Europas größtem Filmentwickler zum größten Fotofinisher der Digitalwirtschaft. Indem wir Cewe als Marke eingeführt und uns ganz klar auf das Fotobuch fokussiert haben, haben wir die Transformation hinbekommen. Mit unseren Wandbildern und Karten allein hätten wir das wahrscheinlich nicht geschafft.

Ist das das ganze Geheimnis, warum Cewe es im Vergleich zu vielen anderen Fotofirmen geschafft hat?
Der wichtigste Grund sind unsere Mitarbeiter, die haben nämlich mitgezogen – und das war eine ziemlich harte Zeit für sie. Sie müssen sich vorstellen, dass wir als Filmentwickler 24 Labore in Europa geführt haben – allein deswegen, weil sie mit dem Über-Nacht-Service mit einem Betrieb nur eine gewisse geografische Fläche abdecken konnten. Im Digitalzeitalter brauchten wir die vielen Betriebe aber nicht mehr. Wir haben die Hälfte schließen müssen und dadurch tausend Mitarbeiter verloren. Aber die anderen haben das Ding dann gerockt!

Inwiefern?
Unsere Mitarbeiter haben gesehen, dass das jetzt die Zukunft ist und sich anstecken lassen. Und wir haben heute noch eine ganz tolle Innovationskultur. Da gibt es keine eigene Abteilung für, sondern das ist die Sache von 3800 Mitarbeitern. Jeden Montag treffen wir uns hier in Oldenburg in einer Innovationsrunde, 250 Mitarbeiter sind auf der Einladungsliste. Einmal im Jahr kommen 400 Mitarbeiter aus ganz Europa zudem zum Innovationstag zusammen und beraten über neue Produkte oder überlegen, wie sich die Software verbessern ließe oder was wir bei der Fotostation besser machen können. Diese Innovationskultur hat damals die Transformation getragen und sie trägt uns auch heute noch, das ist ein ganz entscheidendes Asset. Insofern kann ich sagen, ja, da haben ein paar Leute wichtige Ideen gehabt wie das Fotobuch und die Marke, aber ohne die Kollegen hätten wir das nicht geschafft.

Auf Festplatten und Handys werden unzählige Bilder gespeichert. Würden Sie sagen, dass das einzelne Foto an Wert verliert, weil es nur Teil einer riesigen Masse ist?
Das ist genau das, was ich beobachte: Es sind einfach zu viele Bilder geworden. Ein Bild auf dem Smartphone ist ein Datensatz – mehr nicht. Das Bild wird erst zu einer bleibenden Erinnerung, wenn ich es auswähle und ausdrucke, ein Fotobuch oder Wandbild bestelle. Wir verkaufen auch Alben und Rahmen, selbst für dieses archaische Format gibt es noch einen Markt. Vor allem aber für das Fotobuch.

Heute fotografieren die meisten Menschen digital, trotzdem sind etwa Fotobücher sehr beliebt. Wird das Haptische wieder wichtiger, gerade wegen der digitalen Bilderflut?
Ich glaube, dass das Smartphone und damit die Quelle der Bildermasse eine große Chance ist für das Fotografieren als Kulturgut. Außerdem dient das Fotografieren nicht nur dazu, Erinnerungen zu bewahren, sondern es ist auch ein Ausdrucksmittel und manchmal beides. Das Smartphone öffnet das Fotografieren für alle und macht es jederzeit möglich. Das erhöht die Bilderflut, aber auch die Möglichkeiten, tolle Fotos zu schießen. Heute sind über 40 Prozent der Fotos in unseren Fotobüchern mit dem Smartphone geknipst worden. Manche der Bilder sind also doch so wichtig, dass sie in einem Buch dokumentiert werden sollen. Insofern ist die Smartphone-Fotografie für uns eine große Chance, weil sie mehr Menschen zu anspruchsvollem Fotografieren bringt. Das ist der Einstieg für einige, die sich dann eine teurere Kamera kaufen. Das wissen wir aus unseren Fotofachhandelsgeschäften, die wir auch betreiben. Außerdem ist es offensichtlich eine neue Marktchance, weil viel mehr Fotos gemacht werden.

Einerseits werden die meisten Fotos mit dem Handy geschossen, andererseits sind Polaroid-Kameras total angesagt. Wie passt das zusammen?
Da gibt es unterschiedliche Strömungen, denke ich. Die eine ist die Ubiquität des Fotoapparats durch das Smartphone, die zweite ist eine Mode, eine Renaissance der Sofortbildkameras. Objektiv betrachtet ist der einzige Vorteil von letzteren, dass Sie 120 Sekunden nach dem Abdrücken etwas in der Hand halten. Das zeigt wieder, dass die Haptik wichtig ist, denn objektiv sind die Fotos von schlechterer Qualität als beim Smartphone. 

Jedes Bild kann mit zahllosen Filtern und Programmen verbessert oder verändert werden. Was halten Sie von dem Optimierungswahn?
Das ist Geschmackssache. Technik kann helfen, schlechtes Licht oder rote Augen zu korrigieren, so etwas bieten wir auch. Warum Fotos nicht besser machen? Für mich persönlich ist die Grenze dort, wo die Realität signifikant verändert oder verfälscht wird. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Allen unseren Assistenten ist gemein, dass man auch auf sie verzichten kann – das ist uns sehr wichtig. 

Welche Entwicklungen sehen Sie noch?
Ein weiterer Trend im Kameramarkt sind die hochwertigen Modelle. Die sogenannten Point-and-Shoot- oder Kompaktkameras, wo man durchguckt und draufdrückt, sind im Grunde weg – die heißen jetzt Smartphones. Aber im oberen Segment, wo eine geniale Qualität geboten wird und mit dem Fotoapparat Filme in Fernsehqualität gedreht werden können und Sie alle möglichen technischen Hilfsmittel und Gestaltungsmöglichkeiten haben, entwickelt sich der Markt. 
 
Unterscheidet sich das Fotoverhalten von älteren und jüngeren Menschen stark?
Wenn Sie jahrelang durch einen Sucher geguckt und die Bilder ausgedruckt haben, werden Sie das so schnell nicht wieder ablegen. Aber die Jüngeren, die Digital Natives, die sind anders groß geworden. Für die ist das Fotografieren nicht nur ein Dokumentieren von Erinnerungen, sondern auch ein Kommunikationsmittel. Damit ergeben sich für uns neue Chancen, aber dafür brauchen wir auch zusätzliche Tools. Durch Smart Solutions können wir etwa mit Unterstützung künstlicher Intelligenz Fotos auswählen, sortieren, zugreifbar- und wiederauffindbar machen.

Wie soll das funktionieren?
Bei dem Konzept, das wir „Fotobuch auf Kommando“ genannt haben, sagen Sie dem Smartphone etwa über die Spracherkennung „mach mir bitte ein Fotobuch von meinem letzten Urlaub in den Niederlanden“. Ein intelligentes Programm wählt dann alle Bilder von Ihrem Aufenthalt aus und macht einen Vorschlag, wie das Buch aussehen kann. Das ist schon sehr cool. 
 
Das klingt erstmal gut. Welches Potenzial steckt noch in der digitalen Fotografie?
Das Potenzial ist ganz immens, einfach weil jeder eine Kamera dabei hat und die Kameras von Smartphones immer besser werden. Damit haben wir als Fotodienstleister auf dem Telefon alles, was wir brauchen: eine hervorragende Rechenleistung und die ganzen Fotos. Wir müssen es nur schaffen, den Prozess für die Kunden einfach zu gestalten. Es muss so super einfach sein, dass es nur ein paar Klicks und Swishes bedarf, um ein tolles Produkt zu bestellen. Wir glauben, dass uns die künstliche Intelligenz dabei helfen kann. Deswegen haben wir uns viele Gedanken gemacht, wie wir damit unseren Kunden gegenüber umgehen wollen. Wir haben eine Kunden-Charta entwickelt, Sie können beispielsweise online nachschauen, wo wir heute schon künstliche Intelligenz einsetzen und zu welchem Zweck. 
 

Viele Menschen stehen der künstlichen Intelligenz allerdings noch sehr skeptisch gegenüber…
Wir können die Zukunft in diesem sich schnell entwickelnden Bereich nicht übersehen. Aber wir haben einen Beirat gegründet, der mit darauf aufpasst, dass alles verantwortungsvoll und transparent abläuft. Außerdem legen wir in der Kunden-Charta dar, was mit den Daten der Kunden passiert und warum. 

Und warum tun Sie das?
Weil wir unsere Werte als Gesellschaft nur dann in die Nutzung der künstlichen Intelligenz übertragen können, wenn es uns gelingt, diese auch selbst zu entwickeln. Nur am Rand zu sitzen und zuzugucken, wie die Chinesen damit die soziale Kontrolle übernehmen und die Amerikaner Datensammeln par excellence zelebrieren, wird uns nicht helfen, einen veritablen dritten Weg aufzuzeigen. 

Ist künstliche Intelligenz Ihre größte Herausforderung für die kommenden Jahre? 
Das ist eine Riesenherausforderung, auch wenn es von der Technologie her nichts ganz Neues ist. Vor 25 Jahren habe ich das theoretisch im Studium gelernt, damals fand ich das schon spannend. Aber erst heute gibt es die Rechnerleistung. Das ist ein Gebiet, das sich mit immenser Geschwindigkeit entwickelt und wo wichtige Chancen liegen. Aber es ist auch eine Herausforderung für uns, weil wir vor fünf bis zehn Jahren noch ganz anders gearbeitet haben. Darum müssen wir uns das neu erschließen, die richtigen Mitarbeiter finden und schauen, wie es uns einen Nutzen bringt. 

Interview: Judith Köneke

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