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Sind die Deutschen Sparweltmeister?

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Von: Arno Widmann

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Aus Zitrusfrüchten wird bei einem Fest in Frankreich die Fabel von Grille und Ameise dargestellt.
Aus Zitrusfrüchten wird bei einem Fest in Frankreich die Fabel von Grille und Ameise dargestellt. © rtr

Eine Diskussion zum Thema „Sparen - eine deutsche Tugend“ verläuft anders als erwartet. Die Schweizer Gäste reizen Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel bis aufs Blut.

Im Deutschen Historischen Museum Unter den Linden läuft noch bis zum 26. August die Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“. Mittwochabend hatte die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) dorthin eingeladen zu einer Veranstaltung „Sparweltmeister“.

Es war schnell ein Kampfplatz eröffnet, mit dem wohl die wenigsten gerechnet hatten. Peter Fischer, Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ, machte in ein paar einleitenden Bemerkungen klar, dass die Deutschen natürlich nicht Sparweltmeister seien. Dieser Titel gebühre den Schweizern, die 18 Prozent ihres Einkommens nicht konsumierten. Das mag, so Fischer, auch daran liegen, dass in Deutschland der Fiskus 45 Prozent des Einkommens einstreiche, in der Schweiz dagegen nur 33 Prozent.

Als er dann noch erklärte, Deutschland sei um die Jahrtausendwende ein „kranker Mann“ gewesen, da hielt es Ex-Finanzminister Hans Eichel (SPD) nicht mehr aus. Der überaus muntere 76-jährige fiel dem Herrn im übertrieben feinen Zwirn ins Wort: „Das ist doch Quatsch. Deutschland stand gut da. Wir hatten ein paar Probleme, die gingen wir mit der Agenda 2010 an. Vor allem aber hatten wir mit der Wiedervereinigung zu tun. Ein „kranker Mann“ wäre unter deren Lasten zusammengebrochen.“

Reiner Eichenberger, Professor für Wirtschaftstheorie im schweizerischen Freiburg, hielt dagegen: „Sie können doch nicht ewig die Wiedervereinigung für alles haftbar machen, was nicht funktioniert in Deutschland. Die Wiedervereinigung ist einfach auch dumm angepackt worden: Sofort gleiche Sozialleistungen für alle, das war doch einfach Unsinn“. Eichel hielt dagegen: „So reden Sie, ein Professor für Wirtschaftstheorie. Hier geht es aber nicht nur um Zahlen. Es geht um Menschen. In einem Gemeinwesen müssen Sie darauf achten, dass es nicht gar zu ungleich hergeht. Sonst bricht es auseinander.“ Womit die Debatte sich aufs Thema der Transferleistungen verlagerte.

Eichenberger empfahl, die Empfänger von Transferleistungen nicht dafür zu bestrafen, wenn sie beginnen selbst etwas zu erwirtschaften, sondern im Gegenteil, sie dafür mit zusätzlichen Boni zu belohnen. Das wäre ein Anreiz, sich aus dem Status des Leistungsempfängers zu entfernen. Eichel erwiderte: „Es wird sich wohl kaum ein Geber finden, der bereit ist, dem, der es nicht mehr braucht, jetzt noch mehr zu geben.“ Eichenberger: „Aber nach einer Weile profitiert er doch davon.“ Eichel: „Aber bis dahin…“

Der Faktor Zeit – man könnte auch sagen: die Realität – wird offenbar auch in der Wirtschaftstheorie gerne übersehen. Als Eichenberger dann auf die Schweiz hinwies und wie gut dort alles laufe und dass Deutschland sich an ihr ein Beispiel nehmen solle, da reagierte Eichel aufgeregt wie die Griechen es taten, als die Deutschen ihnen sagten, wo sie lang gehen müssten. „Wenn Sie mich noch weiter reizen“, sagte der Ex-Finanzminister, „werde ich über das Schweizer Geschäftsmodell ‚Steuerparadies‘ sprechen!“.

Und die anderen?

Kai Konrad, Direktor am Max Planck Institut für Steuerrecht und öffentliche Finanzen in München, erklärte in seinem Eingangsstatement, natürlich gebe es Transfers und natürlich müsse es sie geben. Bremen zum Beispiel lebe herrlich vom Länderfinanzausgleich und es sei undenkbar, dass Berlin Bremen gegenüber auftrete, wie es das gegenüber Griechenland tue. Aber es müsse auch daran gearbeitet werden, sie abzubauen. Sonst werde die Nehmereinstellung bei den Empfängern immer weiterentwickelt, während bei den Gebern der Unmut steige.

So sei die italienische Lega Nord der Versuch, den Süden endlich loszuwerden, der seit Jahrzehnten von den Überweisungen aus dem Norden lebe. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) trug auswendig auf Französisch Jean de La Fontaines Fabel von der musizierenden Grille und der arbeitenden und sparenden Ameise vor. Er wiederholte das noch einmal auf Deutsch und grinste, als er die Grille zitierte: „Hör, auf Grillenehre, vor der Ernte noch bezahl‘ Zins ich dir und Kapital“. Das „Zins und Kapital“ ließ er sich auf der Zunge zergehen. „Sie sehen, die Probleme, mit denen wir es heute zu tun haben, sind sehr alt“.

Er wies hin auf gerne übersehene Unterschiede in Europa, zum Beispiel gebe es in Deutschland eine viel niedrigere Inflationstoleranz als in den meisten anderen Euro-Ländern. Das erschwere immer wieder eine Einigung über die richtige Geldpolitik. Auch wohnten in Deutschland deutlich mehr Menschen zur Miete als in anderen europäischen Staaten. In Irland habe die Bevölkerung bei der Sanierung des Haushalts stärkere Einschnitte hinnehmen können, weil sie in eigenen Häusern oder Wohnungen lebte. Andererseits sei jede Politik, die daran herangehe, sofort lebensbedrohend.

Reiner Eichenberger streckte die langen Beine aus und meinte: „Lassen sie uns doch auf all die Ausflüge in Geschichte und Mentalitätsvermutungen verzichten. Es geht nicht um Grille und Ameise. Es geht um Steuergesetze. Die regulieren, ob gespart wird oder nicht. In Italien wird Grundbesitz kaum besteuert, also wird nicht gespart, sondern es werden Häuser gebaut.“ Er schlug die Hände zusammen, als wollte er sagen: „So einfach ist das!“

Dem Beobachter im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums gefielen diese antimusealen Töne, auch die Zuversicht, man müsse einfach nur das tun, was man für richtig halte und schon werde sich alles zum Besten wenden, hatte seine Sympathie. Aber es war doch auch nicht ohne Komik, dass das Beste des Schweizers die Schweiz war. Eine überbordende Selbstzufriedenheit, zu der der Bundeswirtschaftsminister, der sehr mit seinem Smartphone und den Berichten aus den Brüsseler Verhandlungen beschäftigt war, eher amüsiert hinüberblickte, während der Ex-Finanzminister sich sehr zurückhielt, um nicht dauernd zu platzen vor Empörung.

Geschichten und Mentalitäten sind offenbar nicht einfach wegzuwischen. Denn was man für richtig und was man für falsch hält, ist ein Produkt von Geschichte und Mentalität und bei der Durchsetzung hat man es wieder mit Geschichte und Mentalität zu tun. Das nicht zu reflektieren, schoss dem Betrachter durch den Kopf, ist vielleicht die Geschäftsgrundlage einer bestimmten Spezies von Wirtschaftsprofessor, die offenbar nach 2008 nichts dazugelernt hat. Ganz am Ende meldete sich eine Dame im Publikum und fragte, wo bei all diesen Diskussionen eigentlich die Frauen blieben.

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