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Rund die Hälfte aller Korallenriffe ist seit dem späten 19. Jahrhundert verschwunden.

Artensterben

Wir sind dann mal weg

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Eine Million Tier- und Pflanzenarten drohen zu verschwinden – und mit ihnen die Lebensgrundlage des Menschen. Wann handeln wir?

Im Südosten von Laos fand Peter Jäger die wahrscheinlich größte Spinne der Welt: die Hedropoda maxima. Spannweite: 30 Zentimeter, das entspricht dem Durchmesser einer Pizza. Kurz zuvor hatte er ein Exemplar in einem Pariser Museum gesehen, tot und in einem Glas mit Alkohol konserviert. Drei Habitate standen auf dem Etikett. Ob es sie in der Natur aber überhaupt noch gibt, wusste da noch niemand. Also machte sich der Arachnologe des Frankfurter Senckenberg-Museums nach Laos auf.

Der bei der Expedition entstandene Film erinnert ein bisschen an das Dschungelcamp: Jägers Team durchstreift das Labyrinth einer Kalksteinhöhle, es ist dunkel und nass und die Wände scheinen zu leben– Tausende Spinnentiere wuseln dort herum. Hinter einem der Felsvorsprünge sitzen sie dann tatsächlich, die wohl größten Spinnen der Welt. Dem Frankfurter Forscher gelingt es, ein Exemplar zu fangen. „Das war mein bisher größter Erfolg“, resümiert Jäger, „dass ich nachweisen konnte, dass die Spinne noch lebt.“

Das ist alles andere als selbstverständlich. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit beschreiben sogenannte Taxonomen bis zu 10 000 neue Arten im Jahr, Pflanzen, Insekten, Spinnentiere, Amphibien. Bis heute sind insgesamt etwa 1,8 Millionen Spezies erfasst. Erst. Denn die Wissenschaft schätzt, dass dies nicht einmal zehn Prozent aller existierenden Tier- und Pflanzenarten ist. Es gibt also noch viel zu tun.

Nur: Es wird für viele Tiere und Pflanzen knapp, noch zu Lebzeiten im Katalog des Lebens registriert zu werden. „Aufgrund der Lebensraumzerstörung sterben viele Spinnenarten aus, noch bevor wir sie entdeckt haben“, sagt auch Jäger. „Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“ Und das gilt längst nicht nur für Spinnen.

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Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht, wenn die Menschen nicht grundsätzlich umdenken. Das Land anders nutzen, die Umwelt besser schützen, den Klimawandel eindämmen. Die größten Killer sind Landwirtschaft, Fischerei, Klimawandel und Umweltverschmutzung, kurz: die Menschen. So jedenfalls sieht es der Biodiversitätsrat der Vereinten Nationen und schickt deshalb einen Weckruf um die Welt. Schon jetzt sei die Geschwindigkeit, in der Tier- und Pflanzenarten aussterben, zwischen zehn- und hundertmal höher als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre.

Experten sprechen von einem „Massenaussterben“. Davon hat es innerhalb der vergangenen 500 Millionen Jahren Erdgeschichte erst fünf gegeben, zuletzt vor 66 Millionen Jahren, als ein Asteroideneinschlag den Dinosauriern den Garaus machte. Zwar entstanden Millionen neue Arten – diesen Ausgleich der Natur macht aber inzwischen die Zerstörung durch den Menschen zunichte.

Am Montag hat das UN-Gremium mit dem sperrigen Namen „Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“ (IPBES) in Paris einen umfassenden Bericht zum Zustand der globalen Artenvielfalt veröffentlicht. Drei Jahre lang haben rund 150 Experten aus 50 Ländern das Wissen aus Tausenden Studien zusammengetragen und analysiert – ähnlich wie der Weltklimarat IPCC seine Sachstandsberichte zum Klimawandel.

„Die Belege sind unbestreitbar: Die Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, das unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der durch den Menschen verursachte Klimawandel“, sagt IPBES-Chef Watson. Beide Faktoren hätten nicht nur Einfluss auf die Umwelt, sondern auch auf Entwicklungs- und Wirtschaftsfragen. Watson erwähnte dabei ausdrücklich die Gewinnung von Nahrungsmitteln und Energie. Nur „tiefgreifende Veränderungen“ könnten den Schaden für die Artenvielfalt noch begrenzen.

Das gelingt aber nur mit weltweiter Vernetzung. Und genau dafür will die Studie die wissenschaftliche Grundlage bieten: Sie soll den Regierungen der 193 UN-Mitgliedsstaaten dabei helfen, ein Rahmenabkommen zur Bewahrung der biologischen Vielfalt zu verhandeln und möglichst beim Weltnaturschutzgipfel in China im Oktober 2020 zu beschließen.

Robert Watson geht es nicht nur um jedes Tierchen, jede Pflanze. Nüchtern stellt er fest: „Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität.“

Wie können wir unsere Tiere und Pflanzen also noch retten? Der IPBES-Bericht kommt zu dem Schluss, dass nur ein radikaler Wandel des menschlichen Wirtschaftens und Konsumverhaltens, der Nahrungsmittelproduktion und des weltweiten Handels helfen kann. Subventionen für die Agrarindustrie, Viehzucht und Fischerei führten dagegen zu Ineffizienz und überhöhtem Konsum.

Derzeit verbrauche die Menschheit weit mehr Nahrungsmittel und andere Ressourcen als innerhalb eines Jahres wieder nachwachsen könnten – als habe sie 1,7 Erden und nicht nur einen Planeten zur Verfügung, hat die Organisation Global Footprint errechnet. Aber: „Noch können wir zum Wirtschaften in den natürlichen Grenzen der Erde zurückfinden“, betont Jörg-Andreas Krüger, von der Umweltstiftung WWF.

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