Jahresbilanz

Siemens glänzt

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Nach einem fulminanten Endspurt schafft der Dax-Konzern seine Jahresprognosen. 2020 kündigt sich der finale Akt im Großumbau an.

Die Aneinanderreihung von Erfolgen klingt verdächtig nach persönlicher Schlussbilanz. „Ich hatte nicht vor, eine Abschiedsrede zu halten“, korrigiert Siemens-Chef Joe Kaeser jedoch diesen Eindruck. Zum siebten Mal legt der Manager, dessen Vorstandsvertrag Anfang 2021 endet, an diesem Donnerstag in München die Bilanz für ein Siemens-Geschäftsjahr vor. Nach einem Endspurt, den er selbst fulminant nennt, ist es ein gutes geworden, bei dem nun zum mittlerweile sechsten Mal in Folge alle Prognosen eingehalten werden. Zudem kündigt sich im Herbst 2020 mit der Teilung des Konzerns per Börsengang des als Siemens Energy firmierenden Energiegeschäfts der Schlusspunkt des fundamentalen Konzernumbaus an. Es wäre ein guter Zeitpunkt zum Abtreten.

Aber Kaeser spricht lieber über das Geschäft. Das hat bei einer sich immer weiter eintrübenden Weltwirtschaft für Siemens im Geschäftsjahr 2018/19 (zum 30. September) ein immerhin dreiprozentiges Umsatzwachstum auf knapp 87 Milliarden Euro und einen doppelt so starken Anstieg des Auftragseingangs auf 98 Milliarden Euro gebracht. Der Auftragsbestand hat damit den Rekordwert von 146 Milliarden Euro erreicht. Weniger gut sieht es auf den ersten Blick beim Jahresüberschuss aus, der um acht Prozent auf 5,6 Milliarden Euro abgebröckelt ist. Wenn man aber 1,5 Milliarden Euro umfassende positive Sondereffekte im vorangegangenen Geschäftsjahr 2017/18 berücksichtigt, geht es bei Siemens auch mit der Profitabilität nach oben.

Jobs bei Siemens
Rund 6000 Stellen hat Siemens im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018/19 global aufgebaut. 385 000 Frauen und Männer haben die Münchner damit am Stichtag Ende September weltweit beschäftigt. In Deutschland ist der Personalstand um 1000 Mitarbeiter auf 116 000 Siemensianer gesunken.

Personal aufstocken will Siemens globak gesehen auch im laufenden Geschäftsjahr. Was das für deutsche Standorte bedeutet, bleibt offen, zumal parallel zum Aufbau auch tausende Jobs gestrichen werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass deutsche Standorte bei derartigen Operationen nicht die Gewinner sind. 

„Wir sind ein starkes Unternehmen“, sagt Kaeser. Börsianer sehen das offenkundig ähnlich. Nach der Vorlage der Jahresbilanz steigt der Aktienkurs um zeitweise gut fünf Prozent auf über 114 Euro. „Genial“, kommentiert ein Analyst die aktuellen Siemens-Ergebnisse prägnant. Das digitale Kerngeschäft hat 2018/19 fast 18 Prozent operative Rendite erreicht. Branchenweiter Margenführer ist auch das Siemens-Geschäft mit Eisenbahntechnik mit elf Prozent Rendite.

Dann gibt es bei Siemens aber auch noch die Kraftwerksgeschäfte, die von großen Gasturbinen über Windkraftanlagen bis zur Stromverteilung reichen. Diese bislang in getrennten Sparten operierenden Bereiche haben 2018/19 nur magere Renditen zwischen 3,8 und 4,7 Prozent erreicht. Sie unter das Dach eines neuen Konzerns namens Siemens Energy und dann im September 2020 an die Börse zu bringen, ist beschlossene Sache. „Es ist ein ambitionierter Zeitplan“, räumt Energy-Chef Michael Sen ein. Der 50-Jährige sitzt zur diesjährigen Bilanzvorlage neben Kaeser am Podium. Seit gerade einmal fünf Wochen im Amt ist er mit der für Frühjahr 2020 geplanten Abspaltung der Siemens Energy vom Mutterkonzern Herr über 30 Milliarden Euro Umsatz, 70 Milliarden Euro Auftragsbestand und 88 000 Beschäftigte weltweit. Das ist ein Drittel aller Siemens-Umsätze, die Hälfte des gesamten Ordervolumens und fast jeder vierte Job im sich teilenden Gesamtkonzern. Ob Siemens Energy die Talsohle schon erreicht hat, ist unklar. Für 2019/20 sagen Kaeser und Sen dem Kraftwerksgeschäft eine operative Rendite zwischen zwei und fünf Prozent voraus. Es könnte besser oder auch schlechter laufen als 2018/19, heißt das.

Für den Mutterkonzern, das industrielle Siemens, wie Kaeser die verbleibenden Kerngeschäfte nennt, sind die Perspektiven besser. Die Umsätze sollen erneut moderat, sprich um drei bis fünf Prozent zulegen. Für die Gewinne nennt der 62-jährige einen Prognosekorridor, dessen Mitte ein vierprozentiges Plus bedeuten würde. Er sieht den Traditionskonzern nach der schon erfolgten Abspaltung des Geschäfts mit Medizintechnik als Siemens Healthineers und der kommenden von Siemens Energy an einem historischen Wendepunkt angelangt. „Siemens ist dann kein Konglomerat mehr“, sagt Kaeser. Drei Siemens-Konzerne würden dann getrennt an der Börse notieren, verbunden durch wenig mehr als den Markennamen.

Wie lange er selbst noch an der Spitze des Mutterkonzerns steht, lässt Kaeser indessen offen. Als potenzieller Nachfolger mit besten Chancen steht Vorstandskollege Roland Busch bereit, der jüngst bereits zum Vizechef befördert worden ist. „Ich werde nicht fünf Jahre verlängern“, sagt Kaeser lediglich. Eine halbe Amtszeit traut er sich offenkundig schon eher noch zu.

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