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Fridays for Future-Aktivisten demonstrieren vor dem Hauptsitz von Siemens in München.

Australisches Kohlebergwerk

Siemens im Feuer

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Konzern-Chef Kaeser inszeniert sich gern als Vorkämpfer einer klimafreundlichen Wirtschaft. Am umstrittenen Kohleprojekt in Australien will er aber trotzdem festhalten - und erntet damit massive Kritik.

Siemens hält trotz massiver Proteste an Technologiezulieferungen für eine riesige Kohlemine in Australien fest. Man hätte den Auftrag für eine Zugsignalanlage im Vorfeld weiser beurteilen sollen, erklärte Konzernchef Joe Kaeser per Twitter selbstkritisch. Siemens habe nun aber entschieden, gegenüber dem indischen Adani-Konzern, der die Mine bauen will, vertragstreu zu bleiben und die Signalanlage zu liefern, die Kohlezüge in den künftig weltgrößten Kohleexporthafen an der australischen Ostküste lotsen soll. „Versprechen zu halten, hat für Siemens höchste Priorität“, erklärte Kaeser. An andere Versprechen, nämlich das Weltklima durch Siemens-Technik zu retten, erinnern ihn dagegen Klimaaktivisten. Sie nehmen Siemens jetzt verstärkt aufs Korn.

„Joe Kaeser macht einen unentschuldbaren Fehler“, kritisierte Luisa Neubauer. Die 23-Jährige ist deutsches Gesicht der globalen Klimaprotestorganisation Fridays for Future. Die hat nicht nur am Montag spontan in einem Dutzend deutscher Städte gegen die Siemens-Entscheidung protestiert. Sie will das Streitthema auch in die Siemens-Hauptversammlung Anfang Februar in München tragen. Würde Siemens die Klimakrise wirklich ernst nehmen, hätte sich Kaeser beim Auftrag für die Kohlemine anders entschieden, betonte ein Sprecher von Fridays for Future.

Auch australische Umweltgruppen protestierten heftig. Der Entscheid, Technologie für die Kohlemine zu liefern sei „nichts weniger als schändlich“, erklärte die Australian Conservation Foundation. Die Umweltgruppe Galilee Blockade sprach von „rücksichtsloser Ignoranz“. „Die Absicht, eine so gewaltige Kohlemine zu erschließen, nachdem eine Fläche von einem Fünftel der Größe Deutschlands gerade in den australischen Buschfeuern verbrannt ist, ist widerlich“, ergänzen Aktivisten-Kollegen der Gruppe Market Forces.

Nun schlage der Konzern Profit aus dem „Katastrophenvorhaben“ im australischen Bundesstaat Queensland, kritisiert Neubauer. Sie meint damit den Signaltechnik-Auftrag über 18 Millionen Euro, den Siemens Mitte Dezember 2019 unterzeichnet hat. Die Siemens-Technik soll dafür sorgen, dass ab 2021 jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle per Zug über 200 Kilometer hinweg zu einem riesigen Verladehafen nahe des weltgrößten Korallenriffs Great Barrier Reef transportiert werden. Dort befördern sie Schiffe weiter zur Verfeuerung in indischen Kohlekraftwerken. Das würde jährlich fast 80 Millionen Tonnen des Klimakillers Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre pusten. Die Mine, die 60 Jahre lang fördern soll, wäre die größte ihrer Art in Australien und eine der größten weltweit.

Mit dem „Ja“ zum katastrophalsten Kohleminen-Projekt der Welt trete Kaeser die nachhaltigen Bestrebungen seines Unternehmens in die Tonne, kritisiert Fridays for Future. Neben den Beteuerungen, klimafreundliche Technik zu entwickeln und zu verkaufen, wirbt Siemens hartnäckig damit, bis 2030 klimaneutral zu wirtschaften. Auch Greta Thunberg hatte Kaeser vergeblich dazu aufgerufen, die richtige Entscheidung zu treffen und Adani nicht zu beliefern. Siemens hat anders entschieden.

„Das ist unglaublich schwach, Versprechen gegenüber Kunden sind dem Unternehmen wichtiger als Umweltschutz“, meint nun auch Regine Richter. Sie ist Energieexpertin der Umweltorganisation Urgewald. Siemens könne weiter über seinen Einsatz für den Klimaschutz schwadronieren, nur glauben werde es nun niemand mehr.

Es habe keinen rechtlich und wirtschaftlich verantwortungsvollen Weg gegeben, den Auftrag zu stornieren, verteidigt sich Kaeser. Siemens hätte bei einer Rücknahme ungenannte Vertragsstrafen zahlen müssen. Zudem hätte eine Stornierung seitens Siemens das Projekt nicht gestoppt, weil dann Konkurrenten Signaltechnik liefern würden. Das ist umstritten. So hätten Alstom und Hitachi Rail eine Zusammenarbeit mit Adani abgelehnt, behauptet Urgewald unter Berufung auf australische Umweltgruppen. Siemens könnte mittlerweile einziger Anbieter für die Kohletransportlinie sein. Eine Absage seitens Siemens hätte das Projekt zumindest deutlich verzögert.

Kaeser zieht sich indessen auch auf rechtliche Positionen zurück. Die Mine sei von der australischen Regierung und dortigen Gerichten genehmigt. Auch indigene Völker Australiens stünden dahinter. Einen Ausstieg aus dem Projekt würde Australien als beleidigend empfinden, habe auch der dortige Rohstoff-Minister in einem Brief gewarnt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker widersprach der Darstellung von Kaeser, dass die indigenen Wangan und Jagalingou, deren Land vom Projekt betroffen ist, zugestimmt hätten. „Da scheint Herr Kaeser schlecht informiert worden zu sein“, sagte Yvonne Bangert von der Gesellschaft.

Das Bundesumweltministerium wollte den konkreten Fall nicht kommentieren. Die Unternehmenswelt könne und müsse aber daraus lernen, dass es ein Frühwarnsystem brauche, sagte ein Sprecher. „Wer mit dem Wissen von heute in fossile Infrastruktur investiert, riskiert, morgen zu den Verlierern zu gehören.“

Ähnlich argumentiert auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): Vizepräsidentin Daniela Bergdolt sagte der „Rheinischen Post“, der Konzern hätte bei Vertragsunterzeichnung „schon eine kritischere Haltung zu den Umweltfragen haben können“. Ein Nein zu dem Projekt hätte sich Siemens aber früher überlegen müssen. „Nachdem der Auftrag unterschrieben wurde, muss sich der Konzern daran halten und vertragstreu bleiben.“

So oder so, spätestens am 5. Februar zur diesjährigen Siemens-Hauptversammlung wird Kaeser der Problemauftrag einholen.

Unternehmen fürchten Klimarisiken

Umfrage:  Seit neun Jahren fragt der Allianz-Industrieversicherer AGCS weltweit Manager und Risikoexperten, welche Gefahren sie besonders fürchten. Sieben Jahre lang lag dabei die Betriebsunterbrechung auf Rang eins. Nun wurde sie von den Cyberrisiken abgelöst, die 2013 noch auf dem 15. Platz rangiert hatten. Die Allianz erwartet, dass die Klimarisiken einen ähnlichen Aufstieg erleben werden. Aktuell liegen sie bereits auf Platz 7.  

Tendenz:  „Das Allianz-Risikobarometer 2020 zeigt, dass Cybergefahren und der Klimawandel die beiden größten Herausforderungen für Unternehmen im neuen Jahrzehnt sind“, betonte AGCS-Chef Joachim Müller. Das neue Trendrisiko Klimawandel schädige Unternehmen auch durch negative Auswirkungen für die Reputation, betont AGCS-Klimaexperte Chris Bonnet. „Wenn man sieht, was Siemens gerade erlebt, ist das ein Beispiel dafür“, meint er. Der Klimawandel sei auch gesellschaftlich ein heißes Thema, warnt Bonett vor einer potenziellen Schädigung des Rufs von Unternehmen. 

Problembewusstsein:  In Deutschland rangiert der Klimawandel im Urteil befragter Manager mit Rang elf nicht unter den zehn als am gefährlichsten erachteten Gefahren. Deutschen Unternehmern und Managern mangle es allgemein nicht an Problembewusstsein, findet jedoch Bonett. Vielmehr treffe der Klimawandel in Form von Extremwetter mit überfluteten Fabriken und Schäden an Produktionsanlagen Firmen außerhalb Deutschlands erkennbar härter. Deshalb würde das Risiko hierzulande als weniger gravierend eingeschätzt.  

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