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Die Aktionäre von Siemens treffen sich am Mittwoch in der Münchner Olympiahalle. Ganz so entspannt wie auf unserem Bild dürfte es dabei nicht zugehen.

Klimaschützer-Protest vor Hauptversammlung

Bei Siemens brennt’s

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Die Hauptversammlung des Technologiekonzerns könnte am Mittwoch turbulent werden. Umweltschützer wollen die Münchner über den Großaktionär Blackrock zum Ausstieg aus einem Kohlegeschäft in Australien bewegen.

Hauptversammlungen von Siemens sind keine langweiligen Veranstaltungen. Radikaler Konzernumbau und politische Scharmützel, die sich Boss Joe Kaeser regelmäßig mit diversen Streitparteien liefert, sorgen anhaltend für Aufregung. Am Mittwoch dürfte es aber auch für Siemens-Verhältnisse hoch hergehen, wenn sich Aktionäre in der Münchner Olympiahalle. Klimaaktivisten kündigten massive Proteste an.

Sie wollen den Elektrokonzern auf dem Umweg über den Großaktionär Blackrock zum Ausstieg aus einem umstrittenen Geschäft in Australien bewegen. Der weltgrößte Vermögensverwalter müsse dem Siemens-Vorstand „die Rote Karte zeigen“, forderten Greenpeace-Unterstützer am Montag bei einer Protestaktion vor der Frankfurter Deutschland-Zentrale von Blackrock.

Anlass der Kritik ist die Entscheidung des Siemens-Vorstands, trotz heftiger Proteste von Umwelt- und Klimaschützern an seiner Zulieferung für ein riesiges Kohlebergwerk in Australien festzuhalten. Auf den Transparenten der Aktivisten in Frankfurt war zu lesen: „Blackrock: Euer Depot brennt!“

Der Chef des US-Finanzgiganten Blackrock, Larry Fink, hatte kürzlich Konzernchefs weltweit zu mehr Engagement in Sachen Klimaschutz aufgefordert. Blackrock sei „zunehmend geneigt“, Vorständen und Aufsichtsräten die Zustimmung zu verweigern, wenn die Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit keine ausreichenden Fortschritte machten.

Blackrock müsse jetzt beweisen, dass diese Forderungen wirklich ernst gemeint seien, forderte Greenpeace-Finanzexperte Volker Gaßner in einer Mitteilung.

Blackrock verwaltet nach jüngsten Zahlen gut 7,4 Billionen Dollar (rund 6,7 Billionen Euro) Anlagegelder. Das US-Unternehmen ist weltweit an mehr als 15 000 Unternehmen beteiligt, in Deutschland unter anderem an allen Dax-Konzernen.

Vor der Zentrale von Siemens-Großaktionär Blackrock.

Unterstützt wird Greenpeace bei seiner Forderung nach einem Ausstieg aus dem Australien-Geschäft von der Bewegung Fridays for Future. „Wir werden Protest vor der Halle organisieren und drinnen zur Hauptversammlung sprechen“, kündigt Nick Heubeck als Vertreter der Klimaaktivisten an.

Siemens beteiligt sich am Bau einer umstrittenen Kohlemine in Australien, für die das Unternehmen Signaltechnik für Züge zuliefert, die geschürfte Kohle einmal abtransportieren sollen. Mit 18 Millionen Euro ist das Geschäft gemessen am jährlichen Siemens-Auftagseingang von fast 100 Milliarden Euro winzig, die Aufregung dafür umso größer. „Wir wollen Kaeser an seinen Worten messen“, verspricht Heubeck.

Er meint das Beteuern, der Traditionskonzern sei technologisch Treiber einer globalen Energiewende und marschiere als Unternehmen voran, wo Politik zaudere oder bremse. Bei der Mine in Australien sorge Siemens-Technologie aber dafür, dass dort 60 Jahre lang Kohle abgebaut, nach Indien verschifft und klimaschädlich verbrannt wird, kritisiert nicht nur Fridays for Future.

Zur Hauptversammlung sind bereits mehrere Gegenanträge eingegangen, die fordern, entweder dem Siemens-Vorstand insgesamt oder Kaeser allein die Entlastung zu verweigern. Siemens füge mit der Unterstützung neuen Kohleabbaus im riesigen Stil sowohl dem Weltklima als auch der eigenen Reputation irreparablen Schaden zu, heißt es in einem davon. Kaeser habe verantwortungslos entschieden, am Auftrag festzuhalten, kritisiert ein anderer.

Vergeblich hat der Siemens-Chef zuletzt versucht, den Konflikt zu entschärfen. Siemens hätte den Vertrag nicht unterschreiben dürfen, räumt Kaeser ein. Das sei aber geschehen und setze das Unternehmen nun einer unlimitierten Haftung aus. Der indische Minenbetreiber Adani könnte Siemens bei Verzögerungen durch einen Ausstieg aus dem Vertrag für Umsatz- und Gewinnausfälle haftbar machen, heißt das. Dann stünden potenziell weit mehr als 18 Millionen Euro im Feuer. Deshalb, so Kaeser, gebe es kein Zurück.

Überzeugen konnte Kaeser Fridays for Future mit dieser Argumentation nicht. Er ist auch mit seinem Versuch gescheitert, die Aktivisten ins Boot zu holen, indem er Luisa Neubauer als führender deutscher Vertreterin der Bewegung einen Sitz in einem Siemens-Aufsichtsgremium anbot. Sie lehnte ab und schlug vor, statt ihr einen Klimawissenschaftler zu berufen. Das will Siemens aber nicht.

Genauer unter die Lupe nimmt nun auch der Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre die Klimaversprechen von Siemens. Kaeser beteuert, bis 2030 in eigenen Fabriken klimaneutral sein zu wollen. Zuletzt haben Siemens-Fabriken jährlich 1,3 Millionen Tonnen Treibhausgase ausgestoßen. 92 Prozent aller bei der Fertigung von Siemens-Produkten anfallenden Emissionen gehen aber auf das Konto von Lieferanten, rügt der Aktionärsverband. Siemens bestätigt diese Zahl. Für die Lieferkette aber würden klare Ziele und Maßnahmen zur Emissionssenkung fehlen, bemängeln kritische Aktionäre.

Siemens plant nun als erster Dax-Konzern, die Vorstandsvergütung an das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen zu knüpfen. Abreißen dürften die Klimaproteste dennoch nicht. Dafür sorgt der Börsengang von Siemens Energy, unter deren Dach die gesamte Energieerzeugung und -verteilung der Münchner gebündelt ist. Abzüglich Windkraftaktivitäten drehen sich diese Geschäfte zu knapp drei Vierteln um fossile Energien, was weit größere Angriffsflächen schafft als der Signaltechnikauftrag.

„Um die Klimakrise ausreichend einzudämmen, ist Gas als Übergangstechnologie ungeeignet“, warnt Heubeck. Wartung für Kohlekraftwerke als weiteres Hauptgeschäft von Siemens Energy verlängere nur die Laufzeit klimaschädlicher Technologien. Auch das Argument, moderne Siemens-Turbinen würden die Emission von Klimagasen im Schnitt um 30 Prozent mindern, wenn dafür alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen, lässt der Aktivist nicht gelten. „Etwas weniger katastrophal“ sei keine wirkliche Alternative. Die biete nur eine Ausbauoffensive für erneuere Energien.

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