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In der Vorweihnachtswoche werden in Deutschland bis zu 15 Millionen Pakete täglich ausgeliefert.

Online-Handel

Der Sieger ist Amazon

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Der Handel wandelt sich grundlegend. Immer mehr Konsumenten kaufen über das Internet Geschenke. Der Run auf Online-Shops nutzt vor allem den großen Anbietern.

Der Dachverband der Einzelhändler (HDE) ist ein zuverlässiger Einheizer zur Steigerung der Kauflaune – insbesondere wenn das Fest der Feste naht. Doch dann kam am Sonntag diese Meldung: Fachhändler in Innenstädten beklagten erneut „einen sehr verhaltenen Verlauf des diesjährigen Weihnachtsgeschäfts“. Wenn der HDE solche Formulierungen wählt, dann muss plötzlich und erwartet Dramatisches geschehen sein. Stell dir vor, das Christkind kommt und keiner geht shoppen: Dieses Szenario widerspricht allen Prognosen – zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass dies ein Indikator für den grundlegenden Wandel im Handel ist.

Die ursprüngliche Prognose des HDE lief auf ein Rekordweihnachtsgeschäft mit einem Plus von drei Prozent und einem Gesamtumsatz von 94,5 Milliarden Euro für die Monate November und Dezember hinaus. Diverse Marktforscher prognostizierten sogar noch stärkere Steigerungen. So geht eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Bearing Point mit dem IIHD-Handelsinstitut sogar von mehr als vier Prozent Zuwachs aus – das wäre eine Rate, die der Einzelhandel lange nicht gesehen hat.

Die Gründe für den Optimismus liegen auf der Hand: Die Konsumenten kaufen, wenn sie glauben, dass sie es sich leisten können, Geld auszugeben. Und schon lange war nicht so viel Optimismus, weil das verfügbare Einkommen bei der Mehrheit der Verbraucher zuletzt spürbar gestiegen ist. Hinzu kommen vor allem die positiven Meldungen über rückläufige Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsrekorde. Überdies sind Kredite so billig wie nie. Der Konsumklimaindex der Marktforschungsfirma GfK klettert und klettert, er liegt noch einmal deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Viele Handelsunternehmen setzen denn auch auf Expansion, wollen ihre Filialnetze ausbauen und ihre Online-Präsenz verstärken.

Apropos: Alle Experten stimmen darin überein, dass das Internet zum Zugpferd des Handels geworden ist. Webseiten werden zumindest bei der Suche nach Textilien, Schmuck, Uhren und Unterhaltungselektronik insbesondere von Jüngeren inzwischen obligatorisch konsultiert. Das löst vor allem Online-Bestellungen aus, kann die Kundschaft aber auch in die guten alten stationären Geschäfte treiben. Wie ein Turbo wirkten dabei in diesem Jahr die Kampagnen um den „Black Friday“ und den „Cyber Monday“ Ende November, die maßgeblich von Amazon und anderen US-Konzernen angeschoben wurden. 82 Prozent der 25- bis 34-Jährigen haben laut Bearing-Point/IIHD-Studie am schwarzen Freitag, 24. November, an der Schnäppchenjagd teilgenommen. Die Aktionen mit den vermeintlichen Super-Sonderangeboten sollen hierzulande insgesamt einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro gebracht haben, mehr als das 50-fache des Umsatzes von vor vier Jahren.

Das bedeutet einerseits, dass die Kauflaune extrem gut sein muss. Andererseits scheint es Amazon und anderen Händlern zu gelingen, dass mit ihren Angeboten der Umsatz tatsächlich gesteigert wird – Verbraucher kaufen mehr als sie eigentlich vorhatten.Verbraucher kaufen mehr als sie eigentlich vorhatten.

Dabei entstehen offensichtlich Vorzieheffekte: Einiges, das Kunden früher erst in der heißen Phase des Weihnachtsgeschäfts erwarben, haben sie jetzt schon gekauft. Das geht mit dem Wachstum des Online-Handels einher – der auch in diesem Jahr größere Zuwächse verzeichnen wird als der stationäre Handel. Das Angebot im Netz wird immer größer und das Einkaufen dort wird immer einfacher – auch mit Smartphones. Der HDE geht jedenfalls davon aus, dass mehr als ein Viertel aller Weihnachtsgeschenke mittels Internet gekauft wird. Bei online-affinen Verbrauchern seien es sogar fast 50 Prozent. Diese Zahlen könnten auch eine Erklärung dafür bieten, dass sich viele Kunden den Weg zum Shoppen in der Innenstadt bislang erspart haben – zumal an den vergangenen Wochenenden bundesweit das Wetter eher grimmig war.

Paketdienste haben offensichtlich den Boom unterschätzt

Doch der Online-Handel könnte nun Opfer seines eigenen Erfolges werden. Paketdienste haben offensichtlich den Boom heftig unterschätzt und es versäumt, rechtzeitig zusätzliche Kapazitäten aufzubauen. Es mangelt vor allem an Zustellern. Vom „Paketkollaps“ ist bereits die Rede. Aus Sicht des Deutschen Speditions- und Logistikverbandes ist die wachsende Transportnachfrage „nur noch unter größten Anstrengungen zu bewältigen“.

Der Paketdienst Hermes hat denn auch in Absprache mit Online-Händlern regionale Obergrenzen bei der Menge der Sendungen festgelegt. GLS und DPD haben angekündigt, im diesjährigen Weihnachtsgeschäft keine Neukunden aus dem E-Commerce mehr anzunehmen. Gleichwohl werden in dieser Woche in Deutschland bis zu 15 Millionen Pakete täglich ausgeliefert – inklusive verstopfter Straßen in Wohngebieten, weil Lieferwagen die Fahrbahn blockieren. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth appelliert denn auch mit hoher Dringlichkeit, dass „Zustell- und Abholkonzepte“ schleunigst weiterentwickelt werden müssten.

Unter den Engpässen dürften an Einschätzung der Experten von Bearing Point und IIHD vor allem kleinere Händler leiden, die ihre Lieferversprechen nicht mehr einhalten können. Giganten wie Amazon haben hingegen mit ihrer ausgeklügelten Logistik, die mit modernsten IT-Systemen arbeitet, ihre Kapazitäten schon frühzeitig ausgebaut – Amazon dürfte der ganz große Gewinner des Weihnachtsgeschäftes 2017 auch hierzulande werden.

Nutznießer der Angst vor dem Paket- und Päckchen-Chaos könnten aber auch die bisherigen Verlierer des Weihnachtsgeschäfts werden: die Händler in den großen Einkaufsstraßen. „Konsumenten scheuen noch immer das Risiko, Einkäufe nicht fristgerecht zu erhalten“, heißt es in der Bearing-Point/IIHD-Studie. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass der Stadtbummel nach wie vor als Inspirationsquelle für Geschenkideen diene, was ein zentrales Argument für den stationären Handel darstelle. In den großen Einkaufsstraßen könnte es in den nächsten Tagen heftiges Gedränge geben. Denn die Kundschaft halte insbesondere in vielen großen Städten einen immer größeren Anteil ihres Budgets für Geschenke zumindest bis zum dritten Advent zurück. Wie das alles zusammenpasst? Vielleicht sieht ein neues Muster fürs Weihnachtsgeschäft so aus: Die erste - vor allem virtuelle - Shopping-Runde wird im Internet rund um den Black Friday gedreht. Es folgt eine Pause, um in der Woche vor Weihnachten noch einmal richtig loszuschlagen.

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