Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Andreas Wolter betreut die Stiftung Tent in Deutschland. Sie möchten Geflüchtete ökonomisch integrieren.
+
Andreas Wolter betreut die Stiftung Tent in Deutschland. Sie möchten Geflüchtete ökonomisch integrieren.

Interview

„Sie hören auf, Geflüchtete zu sein“

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
    schließen

Andreas Wolter, Deutschland-Chef von Tent, über die Bedeutung von Arbeit für Frauen.

Herr Wolter, Tent hat sich zur Aufgabe gemacht, geflüchtete Frauen in Berufe zu bringen. Warum richtet sich die Stiftung an Frauen?

Geflüchtete generell haben verschiedene Herausforderungen zu meistern. Manche haben in ihren Herkunftsländern in Berufen gearbeitet, aber ihre Abschlüsse werden hier nicht anerkannt. Vielen bereitet eine Sprachbarriere Probleme. Wieder andere verstehen den Arbeitsmarkt hier nicht. Bei Frauen kommen weitere Schwierigkeiten dazu. Einige kommen aus einem kulturellen Hintergrund, wo die Arbeit von Frauen nicht gefördert wird oder bestimmte Ausbildungen für Frauen nicht in Frage kommen. Auch der traditionelle Fokus von Frauen auf Haushalt und Kinder macht den Rucksack für Frauen auf dem Arbeitsmarkt schwerer. In Deutschland gibt es 2,9 Millionen Geflüchtete, 30 Prozent davon sind Frauen. Geflüchtete Frauen haben in Europa eine unterdurchschnittliche Beschäftigungsquote, sie liegt bei 45 Prozent. Im Vergleich gehen 62 Prozent der geflüchteten Männer einer Arbeit nach. Gleichzeitig leiden Unternehmen unter Fachkräftemangel, aber viele haben das Potenzial der Geflüchteten noch nicht erkannt.

Was bedeutet ein Arbeitsplatz für eine geflüchtete Person?

Es gibt ein gutes System der Erstaufnahme, aber eine berufliche Perspektive müssen sich Geflüchtete meist selbst aufbauen. Wer eine Arbeit hat, hat viel bessere Integrationschancen. An dem Tag, an dem Geflüchtete eine Arbeit beginnen, hören sie auf, Geflüchtete zu sein. Diese Menschen haben ihre Heimat ja nicht freiwillig verlassen – sie hatten keine drei Jahre Zeit, sich auf den für sie neuen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Nicht nur die Sprache lässt sich am Arbeitsplatz am besten lernen, auch soziale Kontakte werden dort aufgebaut. Wie man in Deutschland an einen Kitaplatz kommt, erschließt sich nicht von alleine – solche Dinge erfahren Geflüchtete auch im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Deshalb ist ein Arbeitsplatz für die wirtschaftliche und die soziale Integration maßgeblich.

Was haben Unternehmen davon, Geflüchtete einzustellen? Oder machen diese, durch kulturbedingte Unterschiede und Sprachbarrieren, nur mehr Arbeit?

Die Unternehmen merken schon jetzt, dass sie Schwierigkeiten haben, Fachkräfte zu finden. Deshalb müssen Unternehmen diese potenzielle Beschäftigungsgruppe erkennen. Einige haben das schon verstanden, aber ihnen mangelt es am Wissen, wie das in der Umsetzung funktionieren kann. Deshalb wollen wir das Potenzial von Geflüchteten, insbesondere geflüchteten Frauen, nicht nur stärker in den Fokus der Firmen rücken, sondern sie auch mit einem Mentorship-Programm begleiten. Nach dem Mehraufwand werden wir auch von den Firmen gefragt – das ist natürlich kein Sprint, sondern ein Marathon. Aber langfristig zahlt sich das für Unternehmen aus. Der Fachkräftemangel ist nicht anders zu bewältigen. Ein weiterer Vorteil ist die Markenreputation, als Arbeitgeber und auch auf den Absatzmärkten. Es gibt eine Tent-Studie mit 4500 Menschen in Deutschland, die nachweist, dass sich das Engagement für Geflüchtete für Unternehmen auch positiv auf den Konsum auswirkt.

Bereits jetzt sind viele namhafte deutsche Firmen bei Tent engagiert. Wie verhindern Sie, dass die Unternehmen mit dem „Tent-Label“ nicht nur ihr Image polieren? Also geflüchtete Frauen in den Niedrigstlohnsektor einstellen und günstige Arbeitskräfte ausnutzen, die einfach sehr froh sind, einen Job gefunden zu haben und vielleicht ihre Rechte als Arbeitnehmerinnen gar nicht kennen ...

Die Unternehmen gehen mit der Unterschrift ein öffentliches Commitment ein. 23 Unternehmen haben bisher zugesagt, in den nächsten drei Jahren jeweils mindestens 50 geflüchtete Frauen zu mentorieren, sodass wir europaweit 1150 Frauen erreichen werden. Es muss natürlich darauf geachtet werden, dass diese nicht in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Auch dafür gibt es das Mentoring-Programm und die Zusammenarbeit mit Non-Profit-Organisationen, die darauf spezialisiert sind, Frauen bedarfsgerecht am Arbeitsmarkt zu platzieren. Es wird Gespräche mit den Frauen geben, in welche Richtung sie sich beruflich entwickeln wollen, sie erhalten Trainings, wie ein Lebenslauf aussehen muss, wie man sich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet oder wie man ein Linkedin-Profil erstellt. Die Unternehmen schlagen Mentoren und Mentorinnen vor, diese werden von uns in den jeweiligen Landessprachen in einem Training geschult. Diese begleiten die Frauen sechs bis zwölf Monate. Nach einem Jahr gibt es Befragungen über die Erfahrungen mit dem Mentoring. Und man kann heute schon sagen: Viele große Unternehmen haben bereits existierende Volunteering-Programme, sie sind darauf gut vorbereitet.

Interview: Sophie Vorgrimler

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare