+
Freddy Adjan ist der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Gastgewerbe

„Sie haben Hotels mit 500 Zimmern und drei Gästen“

  • schließen

Beschäftigte in der Gastronomie und der Hotellerie stehen vor massiven wirtschaftlichen Problemen. Das Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft NGG.

Viele Hotels, Bars und Restaurants in Deutschland dürfen wegen der Corona-Krise nicht mehr oder nur noch eingeschränkt öffnen. Wie in anderen Branchen auch, soll dann Kurzarbeitergeld die Jobs retten. Doch damit dürften viele Gastro-Beschäftigte nicht über die Runden kommen, meint der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Freddy Adjan.

Die NGG hatte am Dienstag erreicht, dass die 120 000 Beschäftigten in der Systemgastronomie – also von Restaurantketten – bei Kurzarbeit statt 60 bis 67 Prozent des Nettolohns 90 Prozent bekommen – mittels einer Aufstockung durch die Arbeitgeber.

Herr Adjan, wie ist die Stimmung unter den Beschäftigten der Gastronomie?

Die Stimmung ist hundsmiserabel. Das hat uns so schnell eingeholt. Die ersten Hotels haben bereits zugemacht, weitere werden mit Sicherheit folgen. Es gibt große Hotels, die leben nur noch von Flugzeugcrews – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der Flugverkehr noch weiter eingestellt wird. Dann haben sie Hotels mit 500 Zimmern und drei Gästen. Wirtschaftlich ist das eine Katastrophe, deshalb werden die dann zumachen.

Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Die sind äußerst verunsichert. Die wissen: Wenn keine Beschäftigung da ist, kommt kein Geld rein. Und wenn kein Geld reinkommt, besteht die große Gefahr, dass sie ihre Arbeitsplätze verlieren. Zwar hat die Bundesregierung deshalb den Zugang zu Kurzarbeit erleichtert. Aber im Gastgewerbe geht Kurzarbeit ohne einen Aufstockungsbetrag der Arbeitgeber überhaupt nicht, weil die Kolleginnen und Kollegen davon nicht leben könnten. Mit 60 bis 67 Prozent vom letzten Nettogehalt werden sie nicht die Miete bezahlen und ihre Familie ernähren können. Das ist unmöglich.

Sie fordern deshalb, dass Arbeitgeber aufstocken…

Die Lösung in der gegenwärtigen Situation ist Kurzarbeit, bei der Arbeitgeber mit den am Freitag beschlossenen Bestimmungen ohnehin zuletzt entlastet wurden. Nur müssten eben die Arbeitgeber zusätzlich zu den 60 bis 67 Prozent des Nettolohns einen Aufschlag zahlen. In der Systemgastronomie gibt es dazu schon eine tarifliche Vereinbarung. Dort wird das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent des Nettolohns aufgestockt.

Wie ist der Stand bei der restlichen Gastronomie?

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ist auf uns zugekommen und wollte eine bundesweit einheitliche tarifliche Regelung dafür. Aber sie wollen nichts, aber auch gar nichts über die gesetzlichen Grundlagen hinaus gewähren. In der Systemgastronomie gibt es nun auch einen Kündigungsschutz. Während der Kurzarbeiterphase und zwei Monate darüber hinaus sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Der Dehoga weigert sich, so eine Regelung aufzunehmen. Wir haben am Dienstag dem Dehoga mitgeteilt, dass sie sich bis Mittwoch entscheiden sollen, ob sie noch weiter mit uns sprechen wollen. Die haben sich nicht einmal gemeldet.

Können sich Betriebe einen Aufstockungsbetrag denn leisten?

Es gibt mit Sicherheit ein Leben nach Corona. Als Branche, die Schwierigkeiten hat, Personal zu finden, muss man die Situation bis dahin überbrücken. Wenn man das gute Personal halten will, gibt es das nicht zum Nulltarif. Außerdem gilt: Ich finde gut, dass der Bund und die Länder gerade einen Schutzschirm für die Wirtschaft aufspannen, der mehr als hundert Milliarden Euro umfasst. Aber das muss auch bei den Beschäftigten ankommen.

Geringfügig Beschäftigte in der Gastronomie haben keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Braucht es da Maßnahmen?

Das wäre wünschenswert. Aber diese Beschäftigten sind jetzt schon weg, die werden einfach nicht mehr angerufen und bekommen keine Einsätze mehr. Die, die mit Jobs in der Gastro nur einen Zuverdienst generiert haben, können das noch einigermaßen ertragen. Aber es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die drei oder vier Minijobs ausüben, um über die Runden zu kommen. Die trifft das alles extrem.

Interview: Christoph Höland

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare