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Retter in der Not: Die EZB in Frankfurt bewahrte das Finanzsystem mit ihren massiven Interventionen vor dem Zusammenbruch.

Lehman-Pleite

Wie sicher sind die Banken heute?

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Was sich seit der weltweiten Finanzkrise getan hat. Und warum es wahrscheinlich nicht reichen wird.

„Nie wieder soll es eine solche Finanzkrise geben.“ „Nie wieder sollen die Steuerzahler für die Verfehlungen der Banken bluten.“ „Nie wieder sollen die Banker wie im Kasino zocken.“

„Nie wieder“-Sätze gehörten zum Höhepunkt der Finanzkrise 2008 und in den Jahren darauf zu den Standardaussagen von Politikern in der ganzen Welt. Die Regierenden wollten die aufgebrachten Bürger beruhigen und sie wissen lassen: Wir tun alles dafür, die Banken zu zähmen und das globale Finanzsystem sicherer zu machen.

Die Banken zehn Jahre nach der Lehman-Pleite

Zehn Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers stellt sich die Frage, ob ihnen das gelungen ist. Was wurde getan, um Finanzhäuser und das System als Ganzes stabiler zu machen und die Steuerzahler zu schützen? Und – und das ist entscheidend für die Zukunft: Was wurde unterlassen? Wo schlummern noch Risiken?

Zunächst einmal: Wer sich auf die Frage, ob das globale Finanzsystem sicherer ist als vor zehn Jahren eine eindeutige Antwort erhofft, der wird von den Antworten der meisten Experten enttäuscht sein. „Ich glaube, das kann man überhaupt nicht sagen“, sagt etwa Stephan Paul, Professor für Finanzierung und Kreditwirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

Die umfangreichen neuen Regeln für Banken, die in den vergangenen Jahren eingeführt wurden, würden sicherlich dafür sorgen, dass künftige Schocks besser aufgefangen werden könnten, erläutert Paul. „Aber vermeiden kann man Krisen sicherlich nicht“, so der Bankenexperte. Paul vergleicht das mit einem Airbag in einem Auto. „Durch einen schneller auslösenden Airbag sinkt sicherlich die Gefahr, dass dem Fahrer etwas Schlimmes passiert. Aber deswegen gibt es nicht weniger Unfälle.“

In den vergangenen zehn Jahren haben Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden zigtausende Seiten neue Bankenregeln erlassen. Nur die wichtigsten Neuerungen seien hier im Kurzabriss genannt: Die Institute müssen viel stärker mit Eigenkapital ausgestattet sein als früher. Sie müssen deutlich höhere Liquiditätsanforderungen erfüllen, um in akuten Krisensituationen nicht zahlungsunfähig zu werden.

Große Banken müssen sogenannte Testamente anfertigen, in denen sie den Aufsehern darlegen, wie sie im schlimmsten Fall abgewickelt werden können. In regelmäßigen Stresstests werden große Banken von den Behörden auf ihre Krisenresistenz überprüft. Die Vergütung von Vorständen und anderem hochbezahlten Personal wurde neu geregelt, um Anreize zu riskantem Verhalten zu begrenzen. Die Anforderungen an die Qualität von Vorständen und Aufsichtsräten wurden erhöht. Die Anlageberatung wurde neu geregelt, mit dem Ziel, Verbraucher besser zu schützen.

Zudem wurde eine komplett neue institutionelle Finanzarchitektur errichtet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Aufsicht über die größten Banken des Euroraums übernommen, die vorher alleine von ihren nationalen Behörden kontrolliert wurden. Zahlreiche andere Aufsichts- und Abwicklungsbehörden wurden zusätzlich gegründet. Denn Banken sollen in Zukunft nicht mehr mit Steuergeldern gerettet werden. Im Krisenfall sollen die Anteilseigner und Gläubiger einer Bank haften – sie sollen herangezogen werden, um eine Bank zu sanieren oder geordnet abzuwickeln.

Bezweifelt werden muss – neben der Frage, ob Regierungen im Krisenfall wirklich bereit sind, ihre Institute aufzugeben – allerdings, ob eine große Bank überhaupt abgewickelt werden kann.

Umso erstaunlicher ist es, dass in Deutschland derzeit die Debatte um eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank wieder laut geführt wird und so eine Megabank sogar angeblich von Teilen der deutschen Bundesregierung begrüßt würde. Schließlich wurde in der Finanzkrise jahrelang nach einer Zerschlagung der Großbanken gerufen, um das sogenannte too-big-to-fail-Problem zu lösen – also die Tatsache, dass große Banken nur schwer ohne Schäden für das gesamte Finanzsystem abgewickelt werden können und dies zu unverantwortlichem Handeln in solchen Instituten führen kann.

Geworden ist daraus nichts. „Die systemisch wichtigen Finanzinstitutionen haben sich in Größe und Komplexität wenig verändert“, moniert die Nichtregierungsorganisation Finance Watch in Brüssel in einem neuen Bericht.

Womit wir bei den Dingen wären, die in der Regulierung noch unvollendet oder ganz abgeblasen worden sind. Die Idee, ein Trennbankensystem in Europa einzuführen, wie es von vielen Experten gefordert wird – also Banken in riskanter agierende Investmentbanken und eher solide handelnde Geschäftsbanken aufzuspalten – wurde bereits 2014 von der europäischen Politik auf Eis gelegt. „Das war ein Wendepunkt. Seitdem schwingt das Regulierungspendel zurück“, kritisiert Christian Stiefmüller von Finance Watch. Er unterscheidet die vergangenen zehn Jahre in drei Phasen: „Es gab die Schrecksekunde nach der Pleite von Lehman, dann kam die Periode der fieberhaften Aktivität der Gesetzgeber, die dann aber langsam wieder versandete durch den vehementen Widerstand der Finanzlobby.“

Neben der nicht erfolgten Umsetzung eines Trennbankensystems ist Finance Watch vor allem die Leverage Ratio ein Dorn im Auge. Diese Verschuldungsquote setzt das Eigenkapital einer Bank ins Verhältnis zur Bilanzsumme und muss laut der neuen Regularien bei drei Prozent liegen. „Absolut lächerlich“, nennt Stiefmüller diesen Wert. Zudem befürwortet Finance Watch eine Überprüfung neuer Finanzprodukte, die auf den Markt kommen – „das ist im Pharma- und Lebensmittelbereich doch auch üblich“, so Stiefmüller. Eine striktere Linie gegenüber riskanten Finanzprodukten wurde zwar auch auf europäischer Ebene immer wieder diskutiert, bisher aber nicht weiter verfolgt.

Weltweite Verschuldung ist rasant gestiegen

Genau wie der Plan, Staatsanleihen nicht mehr als vollkommen risikolos zu klassifizieren. Dies wurde auf internationaler Ebene besprochen, allerdings gab es keine Einigung. Banken müssen für Staatsanleihen, die sie halten, nämlich kein Eigenkapital vorhalten. Das passt den Regierungen gut, ist jedoch riskant. Denn die Verschuldungskrisen zahlreicher Länder zeigen, dass Staatsanleihen keineswegs risikolos sind. Betroffen sind im Krisenfall meist die Finanzhäuser des jeweiligen Landes: Das war zwar schon immer so, doch ist das durch die Finanzkrise eher stärker geworden. „Durch die Krise sind die Banken wieder viel nationaler und abhängiger von ihren Heimatmärkten geworden“, sagt Jan Pieter Krahnen, Direktor des Forschungszentrum SAFE an der Goethe Universität in Frankfurt. Dies sei ein Risiko, da sie dadurch geografisch nicht mehr so diversifiziert seien.

Die weltweite Verschuldung ist im vergangenen Jahrzehnt auch durch die expansive Geldpolitik der Zentralbanken und die niedrigen Zinsen rasant gestiegen, was ein systemisches Risiko darstellt. Seit 2007 ist die weltweite Verschuldung des privaten und öffentlichen Sektors um mehr als 40 Prozent auf etwa 237 Billionen US-Dollar in die Höhe geschnellt. Schon jetzt haben Banken in der EU etwa 910 Milliarden Euro an faulen Krediten an ihren Bilanzen. Dieser Wert wird nach oben gehen, wenn steigende Zinsen dazu führen, dass mehr Gläubiger ihre Schulden nicht mehr bedienen können.

Ein weiteres Risiko geht vom Derivatemarkt aus. Die Regulierung der sogenannten CCPs – zentralen Kontrahenten – im Derivatehandel ist noch nicht abgeschlossen. Die Einführung dieser CCPs war in den vergangenen Jahren eine wichtige Neuerung – „vielleicht sogar der größte Fortschritt nach der Krise“, meint Krahnen. Bis dahin hatten Banken ihre Derivategeschäfte meist untereinander ausgehandelt und dabei eigene Regeln, etwa für Sicherheiten, festgelegt. Das führte in der Krise dazu, dass die Vertragsparteien sich gegenseitig in den Abgrund rissen.

Heute sind in großen Teilen des Derivatehandels CCPs – Clearinghäuser – zwischengeschaltet. Allerdings würden diese noch national und nicht ausreichend beaufsichtigt, so Krahnen. „Es gibt große Konkurrenz im CCP-Markt. Das bedeutet, dass die Aufseher aufpassen müssen, dass sie nicht zu geringe Margen von den Banken nehmen und selbst in Probleme kommen. Das wäre fatal“, sagt der Bankenexperte.

Auch außerhalb des Bankwesens bestehen Gefahren für das Finanzsystem. „Die verbesserte Aufsicht über die traditionellen, regulierten Banken könnte dazu führen, dass mehr und mehr Geschäfte in den Schattenbankensektor wandern, der weniger reguliert ist“, schrieben etwa die Group of 30, ein Gremium aus führenden Personen aus dem Finanzwesen und der Wissenschaft, zuletzt. Zu den Schattenbanken zählen etwa Hedge-Fonds und große Vermögensverwalter. „Die Regulierung des gigantisch großen Schattenbankensektors wurde auf Eis gelegt“, kritisiert Stiefmüller von Finance Watch.

Zudem betrachten Experten inzwischen den Markt für börsengehandelte Indexfonds (ETFs) als potentielles Risiko für die Finanzwelt. „Immer mehr Spieler – Versicherer, Banken, Vermögensverwalter – stürzen sich auf diese Anlageklasse. Das ist potentiell immer gefährlich, wenn es einen solchen Gleichschritt im Investorenverhalten gibt“, sagt Krahnen.

Beobachter sehen zudem noch zwei große neue Risiken im Bankensektor. Zum einem die Gefahr, die von großen Cyberangriffen ausgeht. Und zum anderen das Thema Digitalisierung. „Die Frage ist: Sind die Geschäftsmodelle der Banken noch tragfähig? Oder haben sie die Digitalisierung in einigen Bereichen schon zu lange verschlafen und werden den Anschluss nicht mehr finden?“, fragt Paul. Und auch Krahnen meint: „Die Banken haben ein Ertragsproblem und das wird dadurch verschlimmert, dass die Fintechs ihnen nun noch Konkurrenz machen. Das wird die Gewinne weiter nach unten drücken“, warnt er.

Als letztes Problem der Finanzwelt sei genannt, dass die Regeln weiterhin international nicht harmonisiert sind. „Der Wille der Länder, gemeinsam zu handeln, hat in letzter Zeit noch abgenommen“, sagt Paul. Es gebe auch noch zahlreiche Finanzplätze auf der Welt, die von Regularien relativ frei seien und damit ein Anziehungspunkt für riskante oder unseriöse Geschäfte.

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