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Kundgebung gegen den Paragraf 219a.

Paragraph 219a

Sexismus und Diskriminierung in der Werbung

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Die Diskussion um den Paragraphen 219a zeigt: Es gibt gute Werbung und böse Werbung. Die Kolumne "Gastwirtschaft".

Seit Monaten zieht sich die Debatte um den Paragraphen 219a. Egal wie sie endet, zeigt sie eines: Auch bei den Konservativen schwindet manchmal der Glaube an den freien Markt. Soll Werbung für Abtreibungen erlaubt werden? Konservative Kräfte scheinen eine Reizüberflutung ungewollt schwangerer Frauen zu fürchten. Egoistische wirtschaftliche Interessen müssten, so die Rhetorik, von diesem Thema ferngehalten werden. Gesundheitsminister Jens Spahn schlug Ende März gegenüber der Süddeutschen Zeitung die Unterscheidung zwischen sogenannten neutralen Informationen und Werbung vor. Dahinter liegt die Vorstellung, dass es gute und schlechte Werbung gibt – moralische und unmoralische. Die eine bietet möglichst objektive Informationen, die andere manipuliert. Gleichzeitig gelten Eingriffe in den Werbemarkt als legitim.

Es gibt eine zweite Debatte um Werbung, die immer wieder in den Medien auftaucht und inzwischen zu Verboten geführt hat: die um Sexismus und Diskriminierung in der Werbung. Als der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas vor zwei Jahren versuchte, ein Verbot sexistischer Werbung auf Bundesebene zu initiieren, wurden ihm vor allem von CDU und FDP Spießigkeit und Bevormundung vorgeworfen. Man ahnt hinter den Vorwürfen den Glauben an die Selbstregulierung des Marktes, dass Verbote die wünschenswerte „Freiheit“ des Markts einschränkten.

Die CDU-Rhetorik um die Funktion von Werbung verändert sich mit ihrem Inhalt. Was im Fall einer Abtreibung als Manipulation gilt, wird bei Sexismus als Freiheit verkauft. Obwohl die Argumentationslinien gegensätzlich erscheinen, vereint sie ihre Entmündigung von Frauen: Schwangeren Frauen wird die Fähigkeit zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper aberkannt und die Objektivierung des Frauenkörpers soll zur Norm gehören. Es zeigt sich: Kein blinder Marktglaube steckt hinter dem Widerstand gegen Verbote sexistischer Werbung, sondern ein bestimmtes Frauenbild und die Ablehnung feministischer Perspektiven. Die Verteidigung des freien Markts ist der Versuch, sich Wertefragen zu entziehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Selbstregulierung des Marktes im Falle des Paragraphen 219a verworfen wird, enttarnt einmal mehr die Illusion vom neutralen, freien Markt.

Die Autorin ist Mitglied der studentischen Initiative „Was ist Ökonomie?“, die sich mit Kritik an und Alternativen zum Mainstream der VWL beschäftigt.

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