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Ab in die Garage: Boeing-Maschinen von TUI bleiben am Boden.

Boeing 737 Max

TUI setzt auf Boeing – und auf das Vergessen

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Der Touristikriese ist größter Betreiber der Boeing 737 Max in Europa.

Jedes zehnte der 150 TUI-eigenen Passagierflugzeuge ist eine Boeing 737 Max. Acht weitere Exemplare des Unglücksfliegers sollten dem Hannoveraner Touristikkonzern eigentlich im Mai zugestellt werden. Aber nach zwei Abstürzen mit Hunderten Toten fliegt weltweit derzeit weder eine der gut 370 Maschinen, noch werden neue Jets ausgeliefert. „Was bis Sommer nicht kommt, brauche ich dieses Jahr auch nicht mehr“, stellt Konzernchef Fritz Joussen vor dem Münchner Wirtschaftspresseclub klar. Zugleich zeigte er sich aber zuversichtlich, dass der US-Flugzeugbauer aus Seattle das Problem zügig in den Griff bekommt. „Wir waren selbst in Seattle, Boeing hat den Fehler gefunden“, erklärt der TUI-Chef. Aus den USA kommen allerdings skeptisch stimmende Töne.

Software-Update dauert noch

Sowohl die US-Luftfahrtbehörde FAA als auch Boeing erklärten am Montag, dass es ein endgültiges Software-Update für die 737 Max erst „in den kommenden Wochen“ geben werde. Die will die FAA diesmal selbst einer „rigorosen Sicherheitsüberprüfung“ unterziehen, denn die Behörde steht schwer in der Kritik. Abgestürzt sind die beiden 737 Max in Indonesien und Äthiopien mutmaßlich wegen eines Fehlers im Flugkontrollsystem mit dem Kürzel MCAS, das die FAA bei der Zulassung von Boeing selbst hat prüfen lassen. Die Veröffentlichung des vorläufigen Unfallberichts zum Absturz in Äthiopien steht unmittelbar bevor.

Auch die europäische Luftfahrtbehörde EASA wird ein Software-Update speziell in puncto MCAS noch einmal genau unter die Lupe nehmen, bevor eine 737 Max wieder starten und landen darf. Deshalb ist es nicht ausgemacht, dass das derzeit weltweit gültige Flugverbot für den Unglücksflieger bis Mitte Juli wieder aufgehoben wird.

Damit kalkuliert TUI derzeit. Selbst das würde den Gewinn 2018 um rund 200 Millionen Euro schmälern, weil TUI Ersatzmaschinen anmieten muss, um den eigenen Flugplan aufrechtzuerhalten. Weitere 100 Millionen Euro weniger Profit wären es, bleibt es bis Herbst bei einem Flugverbot für die 737 Max. „Das wird uns nicht umhauen“, stellt Joussen auch für diese Variante klar. 1,2 Milliarden Euro operativen Gewinn hat TUI im vorigen Jahr eingeflogen. Selbst 300 Millionen Euro Einmalbelastung wären zu verkraften.

Bei anderen Leidtragenden sieht das anders aus. Die norwegische Fluggesellschaft Norwegian als anderer großer Betreiber der 737 Max in Europa gilt als angeschlagener Sanierungsfall und hat Regressforderungen an Boeing angekündigt. Finanzielles Entgegenkommen erwartet auch Joussen. Zuversichtlich ist der TUI-Chef auch hinsichtlich Kundenreaktionen. Er glaubt nicht, dass sich Passagiere weigern werden, in eine 737 Max einzusteigen, wenn es erst einmal wieder Genehmigungen von Zulassungsbehörden gibt. TUI werde Fluggästen dann auch nicht entgegenkommen, wenn sie nicht mit einer 737 Max fliegen wollen. „Sicherheit geht vor“, betont Joussen. Bloße Angstgefühle lässt er aber nicht gelten. Das sollten die 21 Millionen TUI-Kunden wissen, falls sie demnächst eine Reise buchen wollen.

TUI plant zumindest derzeit weiter mit der 737 Max, von der bis 2023 insgesamt 72 Jets in der TUI-Flotte fliegen sollen. Die indonesische Garuda und eine Tochtergesellschaft dagegen haben als erste Fluggesellschaften bereits Bestellungen für das Unglücksflugzeug storniert. Insgesamt hat Boeing bis heute gut 370 Maschinen des Typs ausgeliefert. Weitere gut 4600 Stück zum Listenpreis von rund einer halben Billion Dollar sind bestellt.

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