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Unklar ist, inwieweit die getesteten Pkw tatsächlich den Serienmodellen entsprechen, die an die Händler ausgeliefert werden.
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Unklar ist, inwieweit die getesteten Pkw tatsächlich den Serienmodellen entsprechen, die an die Händler ausgeliefert werden.

Abgasbetrug

Serienmodell oder Prototyp?

  • Frank-Thomas Wenzel
    VonFrank-Thomas Wenzel
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Der Abgasskandal spitzt sich zu: Die Testfahrzeuge waren möglicherweise präpariert. Volkswagen und das Bundesverkehrsministerium äußern sich nicht dazu.

Autobauer konnten bei den Abgasmessungen für die Zulassung neuer Fahrzeugtypen erheblich mehr tricksen, als es bislang bekannt war. So ist unklar, inwieweit die getesteten Pkw tatsächlich den Serienmodellen entsprechen, die an die Händler ausgeliefert werden.

Das geht aus Unterlagen vom November 2015 hervor, die der FR vorliegen. Seinerzeit musste der Volkswagen-Konzern im Zuge der Aufarbeitung des Abgasskandals einräumen: „Bei internen Untersuchungen wurde nun festgestellt, dass es bei der Bestimmung des CO2-Wertes für die Typzulassung von Fahrzeugen zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.“

Die Typzulassung ist notwendig, wenn ein Autobauer ein neues Modell in den Verkauf bringen will. Die Tests werden in Deutschland von Technischen Diensten im Auftrag der Hersteller durchgeführt, die Ergebnisse werden zwecks Genehmigung ans Kraftfahrtbundesamt (KBA) weitergeleitet. Bei dem Prozedere wird überprüft, ob der Fahrzeugtyp den technischen Bestimmungen entspricht – dazu zählt auch, dass die Grenzwerte für die Abgase eingehalten werden.

Volkswagen teilte am 3. November 2015 mit: Bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle seien „zu niedrige CO2-Werte und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt worden“. Der Vorstand werde „unverzüglich mit den zuständigen Zulassungsbehörden über die Konsequenzen dieser Feststellungen in einen Dialog treten.“ Es folgten Verhandlungen zwischen dem KBA und den Wolfsburgern.

In einer E-Mail eines KBA-Mitarbeiters an VW-Manager vom 22. November wird ein Konzept zur „Neuermittlung von CO2-Emissionswerten bei Fahrzeugen des VW-Konzerns“ in sechs Punkten beschrieben. Es muss damals in der Behörde erhebliche Zweifel gegeben haben, ob bislang Autos geprüft wurden, deren Technik den Fahrzeugen entspricht, die in die Autohäuser kommen. Denn in dem Schreiben heißt es unter Punkt zwei: Bei den für die Prüfungen ausgewählten Fahrzeugen „hat VW eine Erklärung abzugeben, dass sie dem Serienstand entsprechen und in keiner Weise verändert wurden“.

Unter Punkt sechs wird dann ein neues Kontrollverfahren beschrieben: „Wegen der Unsicherheit, ob bei allen Typprüfungen hinsichtlich der CO2-Emissionen immer Serienfahrzeuge verwendet wurden und der TD (Technische Dienst) frei in der Ermittlung seiner Ergebnisse war, wird das KBA bei Fahrzeugen stichprobenartig Entnahmen durchführen und einen anderen TD mit der Prüfung beauftragen.“

Viele offene Fragen

Das alles wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Umweltschützer und die internationale Umweltforscher-Organisation ICCT vermuten, dass nicht nur Volkswagen, sondern auch viele andere Hersteller bei den Abgasprüfungen speziell präparierte Prototypen testen lassen, deren Abgasreinigungssysteme möglicherweise sogar von spezieller Software gesteuert werden, die in den Serienmodellen gar nicht zum Einsatz kommt.

Das wäre eine Erklärung für die erheblichen Abweichungen bei Abgaswerten für Stickoxide oder Kohlendioxid, die unter anderem das ICCT ermittelt hat. Zugleich würde damit eine neue Dimension im Abgasskandal erreicht. Bislang wurde davon ausgegangen, dass die offiziellen Abgaswerte mit Motorsteuerungen ermittelt wurden, die auch in der Serie zum Einsatz kommen – freilich setzte VW dabei Programme ein, die die Abgasreinigung im Normalbetrieb meist abschalten.

Für Oliver Krischer, Fraktionsvize der Bundestags-Grünen, jedenfalls hat das KBA jahrelang „Autos anscheinend typengenehmigt, ohne zu wissen, ob es sich bei den Testfahrzeugen überhaupt um Serienfahrzeuge handelte“. Damit habe die Behörde „dem Tricksen und Betrügen Tür und Tor geöffnet“. Die Bundesregierung mache Abgastests zur bloßen Farce.

VW äußerte sich auf Anfrage der FR bis zum Freitagnachmittag zu dem Fall nicht. Dasselbe gilt für das dem KBA übergeordnete Bundesverkehrsministerium. Krischer kritisiert denn auch die Informationspolitik von Minister Alexander Dobrindt (CSU): „Über ein Jahr nach dem Abgasskandal wissen wir immer noch nicht, ob Dobrindt hier inzwischen eine andere Praxis durchgesetzt hat oder ob die kritischen Nachfragen des Kraftfahrtbundesamtes nur ein Strohfeuer nach Bekanntwerden des Abgasskandals waren.“

Auch Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte des BUND, beklagt: „Wir wissen, dass Fahrzeuge für die Typzulassung präpariert wurden, aber wir wissen nicht, in welchem Umfang.“ Für ihn liegt das Problem im Verfahren der Zulassung: „Die Behörden machen es sich zu einfach, wenn sie die von den Herstellern selbst erhobenen Daten für die Typzulassung übernehmen.“ Er schlägt ein Verfahren ähnlich dem in den USA vor. Dort akzeptieren die Behörden die Daten der Autobauer. Zugleich aber gibt es Nachprüfungen, und zwar von Fahrzeugen, die schon auf der Straße unterwegs sind.

Gibt es bei den Daten Abweichungen, müssen die Hersteller Rede und Antwort stehen. Hilgenberg: „Bei Betrügereien mit Abgaswerten muss auch hierzulande die Aufsichtsbehörde empfindliche Bußgelder verhängen können.“ Bei gravierenden Fällen sei auch der Entzug der Typzulassung zu erwägen – Autos, die bereits verkauft sind, müssten dann stillgelegt und die Kunden entschädigt werden.

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