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Die Mine liegt am Rande der Stadt Bor. Wer hier aus dem Auto steigt, spürt sofort ein unheilvolles Kratzen im Hals.
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Die Mine liegt am Rande der Stadt Bor. Wer hier aus dem Auto steigt, spürt sofort ein unheilvolles Kratzen im Hals.

Kapitalismus

Serbien: China kauft Kupfermine in Europa - und spielt nach eigenen Regeln

  • VonAdelheid Wölfl
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Was passiert, wenn ein chinesischer Konzern eine Kupfermine in Serbien aufkauft? Er pfeift auf die Arbeitsrechte – denn der serbische Staat schaut zu.

Belgrad - Vor der Einfahrt auf einem Grünstreifen stehen riesenhafte Walzen, die die Stadt Bor im Osten Serbiens erahnen lassen. Ein Bergarbeiter mit einer Bohrmaschine aus schwarzem Metall, ein übergroßes Monument, gibt Zeugnis vom einst real existierenden Sozialismus, vom Stolz auf die Schwerindustrie und die Propaganda-Abteilung des ehemaligen Jugoslawien. Am Hügel angekommen, blickt man in eine brutale Kraterlandschaft: Schuttberge, Krähne und Schlote dominieren die Stadt, die wie auf dem Reißbrett entworfen scheint. Ein paar graue Wohnanlagen stehen an der Hauptstraße aneinandergereiht.

Bor ist die Mine, die Mine ist Bor. Zwischen billigen Bekleidungsgeschäften mit glitzernden Trainingshosen sieht man Wettbüros, ein untrügliches Zeichen für Armut und Verzweiflung in Südosteuropa. Vor 120 Jahren wurde hier die Kupfermine eröffnet. 2018 investierte die Firma Zijin Mining Group aus China und deren Tochter, die Zijin Bor Copper, in das Unternehmen. Die Mine gehört nun zu 63 Prozent Zijin, das Werbung mit der „grünen Mine“ macht, was auch immer damit gemeint sein soll.

Der Konzern schottet sich ab, Presseanfragen werden nicht beantwortet.

Seit Zijin hier das Sagen hat, sind überall chinesische Schriftzeichen zu sehen, selbst der Tourismusprospekt der Stadt Bor ist auf Chinesisch und Serbisch zu lesen. Seitdem Zijin übernommen hat, ist aber auch das Kratzen im Hals sofort zu verspüren, wenn man aus dem Auto steigt. Die Luftverschmutzung ist extrem. Auf der Webseite der Stadtgemeinde kann man sich die Messungen ansehen: Die Feinstaubwerte lagen an acht Tagen im November 2021 über dem Grenzwert. Auch Schwefeldioxid und Blei verpesten die Luft.

Der Konzern schert sich nicht um Umweltschutz

Ein Beispiel: Der Feinstaubgrenzwert liegt eigentlich bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, am 21. und 22. November des vergangenen Jahres lag er in Bor jedoch bei 154,7 Mikrogramm. Der Umweltaktivist Toplica Marjanovic erzählt, dass aber nicht nur die Luft, sondern auch das Erdreich und das Wasser durch den Abfall der Kupfermine und die Kupferschmelze verschmutzt seien. „Es gab hier immer hohe Werte von Schwefeldioxid“, sagt der Mann, der selbst jahrelang in der Mine gearbeitet hat, „aber die Konzentration von Arsen und Schwermetallen hat nun zugenommen“. Der Fluss Borska, in den Abfälle aus der Mine gelangen, ist ein totes Gewässer.

Das zentrale Gesundheitsamt Serbiens, das Batut-Institut, schreibt ganz offiziell, dass in Bor „ein deutlich höheres Krebsrisiko, sowohl bei Männern als auch bei Frauen“ besteht: „Eine Analyse der Sterblichkeit für alle Todesursachen, von Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Verdauungs- und Urogenitalerkrankungen, ergab, dass in Bor in fast allen Altersgruppen sowohl bei Männern als auch bei Frauen ein höheres Sterberisiko besteht. Auch bei Krankheiten wie Diabetes mellitus, Kreislauferkrankungen, Atemwegserkrankungen sowie angeborenen Fehlbildungen und Chromosomenaberrationen wurde ein erhöhtes Mortalitätsrisiko bei beiden Geschlechtern festgestellt“, lautet die Analyse von Batut.

Marjanovic ist überzeugt, dass es nur ums Geld geht. Wenn die Produktivität der Mine und Schmelze gesteigert werde, nehme auch die Verschmutzung zu. Serbien hat sich in den vergangenen Jahren wie kein anderes Land in Europa wirtschaftlich an China gebunden, mit Krediten und mit Investoren. Die Konsequenzen sind ähnlich, wie man das bereits vor Jahren in Afrika beobachten konnte. Das strategische Investment des chinesischen Bergbauunternehmens brachte dem serbischen Staat eine Kapitalinvestition von etwa eineinhalb Milliarden Dollar ein. Doch es wächst der Zweifel daran, dass diese Investition wirklich gut war.

Der serbische Staat greift nicht ein

Im November entschied ein Handelsgericht in der serbischen Hauptstadt Belgrad, dass Zijin wegen der Luftverschmutzung eine Strafe von einer Million Dinar – etwa 8500 Euro – zahlen muss. In erster Instanz war das Strafmaß noch niedriger gewesen. Und dies, obwohl die Inspektion des Umweltministeriums bereits im November 2019 eine hohe Luftverschmutzung festgestellt hatte. So lagen etwa die Schwefeldioxidwerte damals mehr als acht Mal höher als erlaubt. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen sind am stärksten gefährdet.

Unter dem massigen Hügel aus grauem Gestein am Rande der Stadt wird der Abfall der Mine gelagert. Der Berg scheint wie ein wachsender Riese über den Menschen zu lauern. Unten am Fuß des Schuttberges, dort, wo das Erdreich vermutlich besonders verschmutzt ist, leben in Baracken einige Roma-Familien. Diese Menschen – Roma-Familien wurden 1999 aus dem Kosovo nach Bor vertrieben – können sich am wenigsten dagegen wehren, dass ihre Gesundheit gefährdet wird.

Wenn es regnet, sickert die Schlacke ins Grundwasser. Das Gemüse, das die Leute hier verzehren, ist kontaminiert. Und wenn der Wind durch die Stadt pfeift, werden die gefährlichen Staubpartikel überall hingetragen. Trotzdem geht die Ausbeutung der Bodenschätze weiter.

Moderne Sklaverei: Arbeiter schuften zwölf Stunden für einen Hungerlohn

Das Unternehmen Zijin hat kürzlich eine neue Mine namens Cukaru Peki südlich der Stadt eröffnet. Sogar Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und der chinesische Botschafter Ben Cho kamen angereist. Aktivist Marjanovic kritisiert, dass im Vorfeld Umweltverträglichkeitsstudien für die neue Kupfer-Schmelze fehlten. In der Gegend rund um die neue Mine beschweren sich die Menschen zudem darüber, dass ihre Häuser Risse bekommen haben und ihr Brunnenwasser versiegt ist. Auch die Sprengungen machen ihnen zu schaffen.

Erinnerung an die Bergbautradition in der Stadt.

Wenn man bei der Firma Zinjin anruft, nimmt niemand ab, Emails werden nicht beantwortet. Medien berichteten über die harschen Umgangsformen bei Zijin, auch von körperlichen Misshandlungen ist die Rede. Offiziell heißt es in Serbien, Zijin habe Arbeitsplätze gesichert, das sei gut für Serbien. In Bor dominiert das Unternehmen den öffentlichen Raum, jenseits der Minen und Schmelzen. Das Hotel am See ein paar Kilometer außerhalb der Stadt gehört dem Unternehmen, auch das Gasthaus am Hügel. Zijin hat seine eigenen Arbeiter aus China mitgebracht, 5000 Menschen, die in einer Stadt wie Bor mit 35 000 Einwohner:innen eigentlich auffallen müssten, wären sie nicht in Containern untergebracht, abgeschottet hinter einer Mauer. „Das ist bei denen wie beim Militär“, sagt Aktivist Marjanovic.

Anfang 2021 gingen die chinesischen Arbeiter auf die Straße, klagten über mangelnde Versorgung und forderten eine Änderung der Unternehmenspolitik. In Bor bekommt man eine Ahnung davon, wie in China Arbeitnehmerrechte gehandhabt werden. Bei Zijin sollen die chinesischen Arbeiter praktisch ohne Pause von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends arbeiten. Niemand kennt die Höhe ihrer Gehälter, aber sie dürften sicher niedriger sein als jene für die serbischen Arbeiter. Neben der Mine, unter dem schwarzen Schriftzug Zijin mit zwei roten Punkten auf dem i, steht auf einem großen Transparent auf Chinesisch und Serbisch: „Sicherheits- und Umweltpolitik: Das Leben steht an erster Stelle, schützen wir unsere Umwelt.“

Der serbische Präsident will Investoren nicht vergraulen

Bor ist nicht der einzige Ort in Serbien, wo Arbeiter in chinesischen Unternehmen unter sklavenartigen Bedingungen schuften müssen: Auch die Reifenfirma Linglong in Zrenjanin landete unlängst in den Schlagzeilen, weil zivilgesellschaftliche Organisationen publik gemacht hatten, dass 500 Arbeiter aus Vietnam, die für den Bau der Fabrik angeheuert worden waren, unter lebensgefährlichen Bedingungen beschäftigt sind.

Die NGO berichteten, dass es für die 500 Menschen nur zwei Toiletten gebe, es fehle an sauberem und warmem Wasser, die Versorgung sei mangelhaft, die Arbeitszeiten seien gesetzeswidrig. Den Arbeitern seien zudem die Pässe abgenommen worden, sie hätten keine Arbeitserlaubnis und dürften nicht frei kommunizieren.

Der serbische Präsident konterte indes auf Forderungen, dass Arbeitsrechte eingehalten werden müssten, mit dem Satz: „Wollen Sie, dass wir ausländische Investitionen aufgeben?“ Dies sei eine Kampagne gegen chinesische Investoren in Serbien, so Vucic.

Immerhin hat das EU-Parlament kürzlich eine Resolution angenommen. Darin wird kritisiert, dass chinesische Arbeiter in Serbien chinesischem Arbeitsrecht unterworfen werden dürfen. Die Parlamentarier zeigten sich zudem „zutiefst besorgt über die mutmaßliche Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzung und den Menschenhandel von rund 500 Vietnamesen“ in der Fabrik Linglong. Auch mutmaßliche Misshandlungen von chinesischen Arbeitern bei der Firma Zijin in Bor werden in der Resolution erwähnt.

Die EU verlangt von Serbien, das Arbeitsrecht zu verbessern

Das EU-Parlament forderte Serbien auf, die Angleichung an das EU-Arbeitsrecht zu verbessern und Inspektionen in den Unternehmen zu ermöglichen. Die Zustände bei Zijin und Linglong haben dazu beigetragen, dass Zehntausende Menschen auf die Straße gingen und gegen die geplante Lithium-Mine in Westserbien, in der Nähe von Loznica, protestierten. In der Stadt geht die Angst um, so wie Bor zu werden.

Präsident Vucic war angesichts der Massenproteste sogar gezwungen, ein Gesetz zur Enteignung von Land zurückzuziehen und nochmals prüfen zu lassen; das Gesetz hatte ursprünglich eine Einspruchsfrist von nur fünf Tagen vorgesehen und eine Enteignung innerhalb von 15 Tagen.

In der serbischen Bevölkerung regt sich Protest

Viele Menschen in Serbien treten nun aktiv für Umweltschutz, Rechtsschutz und Arbeitnehmerrechte ein. Auch Wissenschaftler melden sich zu Wort, wie etwa Slobodan Milutinovic von der Universität in Niš. Er warnt davor, dass der Jadar, wenn die Lithium-Mine in der Nähe von Loznica in Betrieb gehe, zu einem „toten Fluss“ werde und auch die Drina und Sava, deren Gewässer unter anderem Belgrad versorgen, verschmutzt würden. „Das alles wird für die Landwirtschaft in dieser reichen und naturbelassenen Agrarregion katastrophale Folgen haben“, sagte Milutinovic der österreichischen Zeitung „Der Standard“.

In Loznica glauben viele den Versprechen der Regierung nicht, dass die lokale Bevölkerung von der Mine profitieren werde. „Schaut nach Bor, dort sind die Leute arm“, betonen Aktivist:innen in Loznica. Tatsächlich ist die Stimmung in der einst wichtigen Bergbaustadt Bor mehr als depressiv. „Viele Leute gehen weg“, sagt Marjanovic. Auch die Bergbaufakultät ziehe keine Studierenden mehr an. Es stimme zwar, dass „man ohne die Investition aus China hier gar nicht mehr hätte weitermachen können“, gibt Marjanovic zu. „Viele Serben waren am Anfang auch dankbar. Aber das ändert sich jetzt.“ (Adelheid Wölfl)

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