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Adolf Merckle hat sich am Montag vor einen Zug geworfen.

Adolf Merckle

"Er hat sein Leben beendet"

Die Verhandlung um die Zerschlagung des Merckle-Imperiums werden fortgesetzt.

Von GABRIELE RENZ

Stuttgart. Die Polizei in Ulm hielt sich lange bedeckt. Auf Gerüchte reagiere man nicht. Bestätigt wurde lediglich, dass am Montagnachmittag ein Mann tot bei einem Bahngleis nahe Blaubeuren aufgefunden worden sei. Über die Identität des Toten gebe man keine Auskunft. Man verwies auf die Staatsanwaltschaft Ulm. Gegen 16 Uhr am Dreikönigstag dann die Bestätigung: Bei dem Toten handelt sich um den Ulmer Unternehmer Adolf Merckle (Ratiopharm, HeilbergCement).

Die Staatsanwaltschaft Ulm bestätigte ein anhängiges "Todesermittlungsverfahren". Man prüfe "die Umstände eines tödlichen Bahnunfalls, der sich am Montagabend auf der Bahnstrecke Ulm-Sigmaringen im Bereich von Blaubeuren-Weiler ereignet hat". Bei dem Unfall habe der Unternehmer Adolf Merckle den Tod gefunden.

Die Kriminalpolizei ermittelte den Hergang: Merckle war, wie die Angehörigen am Abend der Polizei meldeten, an Nachmittag aus dem Haus gegangen - wie sie meinten zu einem Spaziergang - und nicht wieder zurück gekehrt. "Nach dem Stand der Ermittlungen gibt es keine Hinweise auf Fremdverschulden", teilte die Polizei mit. Eine DNA-Analyse "zur Sicherheit" stehe noch aus.

Am frühen Abend dann die Mitteilung der Familie: "Adolf Merckle hat für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet. Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet."

Der Tod des 74-jährigen Milliardärs, der zu den 100 reichsten Menschen weltweit zählte, hatte nur einen Hintergrund: Er sah sein selbst geschaffenes Firmenimperium bedroht. In einem Abschiedsbrief soll er keine Gründe für den Freitod nennen. Er entschuldigt sich bei seiner Familie: seiner Frau Ruth, den drei Söhnen Ludwig, Philipp Daniel und Tobias sowie der Tochter Jutta.

Seit Anfang Dezember verhandelte Merckle mit rund 30 Gläubigerbanken. Der Firmenpatriarch brauchte einen Überbrückungskredit in Höhe von mindestens 400 Millionen Euro. Man sei sich fast einig, meldete aktuell noch die Nachrichtenagentur Reuters. Doch beiderseitiges Einvernehmen kann kaum vorgelegen haben. Bis zuletzt hielt sich die Information aus Verhandlerkreisen, die Banken verlangten nicht weniger als die Zerschlagung seines Firmenimperiums, das weltweit mehr als 100 000 Menschen beschäftigt und mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz verbucht.

Adolf Merckle, dessen Privatvermögen auf acht Milliarden Euro taxiert wird, hatte sich durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien massiv verzockt - ein Mann, der bis dahin als Inbegriff des erfolgreichen schwäbischen Unternehmers galt. Das Bild des makellosen, nur seinen Mitarbeiter verpflichteten Familienunternehmers bröckelte.

Firmen wie die Pommersche Provencial Zuckersiederei oder die Kötitzer Ledertuch- und Wachstuchwerke sollen nur als Namensdach existiert haben, über die Geschäfte abgewickelt wurden - Wertpapiergeschäfte, wie sie Merckle im Herbst 2008 in große Bedrängnis brachten. Adolf Merckle kannte die Tricks. So finanzierte er Kapitalerhöhungen bei HeidelbergCement fremd und deckte Kredite durch Aktien - Aktien, deren Wert sich binnen weniger Monate im freien Fall befand.

Merckle schuf ein Kartenhaus, das wegen einiger abgestürzter Wertpapiere zusammenfiel. Niemand weiß genau, wie viel Milliarden am Ende gefehlt haben. Nur soviel wurde zugegeben: Der Merckle-Vermögensverwaltung VEM, die mehrere Beteiligungen bündelt und alleinige Gesellschafterin von Ratiopharm ist, drohte die Insolvenz. Und mit ihr verlöre Merckle auch seinen Einfluss beim Pharmagroßhändler Phoenix oder Heidelberg Cement. Das wollte er unbedingt verhindern.

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