Industrie 4.0

Die Seher aus Darmstadt

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Der Spezialmaschinenhersteller Isra Vision nimmt neue Geschäftsfelder in den Blick. An der Börse läuft es für den globalen Champion aktuell aber gar nicht gut.

Wenn Roboter Sehen lernen, steckt oft Isra Vision dahinter. Das Unternehmen gilt als globaler Marktführer in diesem Technologie-Bereich. Die Darmstädter zählen damit seit Jahren zu den innovativsten Firmen im deutschen Mittelstand. An der Börse aber läuft es aktuell gar nicht gut. Die Aktien des Spezialmaschinenherstellers sind aufgrund eines verfehlten Umsatzziels und eines vorsichtig klingenden Ausblicks für das neue Geschäftsjahr schwer unter Druck geraten. Allein am Montag ging es zeitweise fünf Prozent abwärts.

Isra Vision hatte die Erlöse im vergangenen Geschäftsjahr (bis Ende September) um 6,6 Prozent gesteigert. Damit wurde der zuvor in Aussicht gestellte Zuwachs von zehn Prozent deutlich verfehlt, wie das Unternehmen am vergangenen Freitag mitteilte.

Die Anteilsscheine der Darmstädter brachen daraufhin um 15,73 Prozent auf 25,45 Euro ein, am Montag ging die Talfahrt bis auf 23,50 Euro weiter. Damit setzte Isra Vision seinen im September begonnenen Abwärtstrend fort. Seither verlor die Aktie mehr als 60 Prozent. Vor dreieinhalb Monaten noch hatten die Papiere mit 61,30 Euro den höchsten Stand in ihrer etwas mehr als 18-jährigen Börsengeschichte erreicht.

Doch dieses Auf und Ab kennt man bei Isra Vision schon. Das Unternehmen wurde 1985 von Enis Ersü mit weiteren Experten für Robotik und Bildverarbeitung an der TU Darmstadt gegründet. Im gleichen Jahr stellte Commodore den Computer Amiga 1000 vor. Er konnte 64 Farben darstellen. Außerdem wurden das Computerspiel Tetris programmiert und die Windows-Version 1.01 präsentiert. Zu Zeiten des Neuen Marktes galt Isra Vision bereits als Star. Die Aktie des Unternehmens stieg beim Börsengang auf über 50 Euro. Mit dem Platzen der Internetblase fiel auch die Isra-Aktie und dümpelte zwischen 2001 und 2014 bei Kursen zwischen 1,5 und zehn Euro herum. Doch das Unternehmen überlebte als einer der wenigen Börsenstars vom Beginn des Jahrtausends. Mit seinen aktuell rund 800 Mitarbeitern hat es sich ohne großes Aufsehen zum Champion in der industriellen Bildverarbeitung und im Bereich Machine Vision entwickelt.

Gründer Ersü ist mit 25 Prozent noch immer Hauptaktionär und auch Vorstandsvorsitzender seines Unternehmens. Allerdings ist es kein Geheimnis, dass der 1953 geborene Ersü nach einem Nachfolger für die Firmenspitze sucht, während sein Unternehmen neue Geschäftsfelder in den Blick nimmt.

Auch wenn Isra sozusagen die Augen von Robotern herstellt, verbindet die Darmstädter nichts mit den rot leuchtenden Sehwerkzeugen eines Terminators. Die Welt von Isra sind die Oberflächeninspektion und die Robotersteuerung. Mittels Kameras und Software sind die Produkte in der Lage, homogene, gemusterte, bedruckte, beschichtete oder farbige technische Oberflächen vollautomatisch und hundertprozentig zu kontrollieren, auch dann, wenn sie gekrümmt sind oder spiegeln.

Zu Beginn stand die Inspektion von Vlies-Bahnen und Lack-Oberflächen in der Fabrik. Heute werden auch Dünnglas-Displays oder Smartphone-Gehäuse kontrolliert, wie zwei erst in diesem Frühjahr abgeschlossene Großaufträge belegen.

Im aktuellen Geschäftsbericht finden sich gleich auf den ersten Seiten zwei Grafiken, die Jahr für Jahr – mit wenigen Ausnahmen – seit 1998/99 ein Plus bei Umsatz und Vorsteuergewinn abbilden. Neben dem Wachstum aus eigener Kraft tätigt Isra regelmäßig Zukäufe. So wurde im Januar 2018 das Unternehmen Polymetric aus Darmstadt gekauft, das auf 3D-Messtechnik und -Objekterfassung spezialisiert ist und mit dem der Einstieg in die Medizintechnik gelingen soll.

Allerdings ist Isra selbst ebenfalls schon lange nicht nur in der zweidimensionalen Inspektion von Bahnware aktiv, sondern mit dem Geschäftsbereich Robot Vision auch bereits sei Anfang der 1990er Jahre im Bereich der dreidimensionalen Roboterführung beim Positionieren, Montieren, Handling und Lackieren von Werkstücken.

Neben der Herstellung und dem Verkauf seiner Produkte, die in Roboter oder andere Produktionssysteme weltweit integriert werden, verdient Isra nach eigenen Angaben zunehmend auch Geld mit den Daten, die in seinen Systemen anfallen.

Die industrielle Bildverarbeitung sei eine „Schlüsseltechnologie“ für die Industrie 4.0., heißt es im aktuellen Geschäftsbericht. Die eigenen Inspektions-, Automatisierungs- und Messsysteme erzeugen ständig massenhaft Daten, die nicht nur Aussagen zur Qualität der einzelnen Güter zulassen, sondern auch zu der des gesamten Produktionsprozesses. Damit eröffnen sie Optimierungspotenziale, bei deren Nutzung Isra seinen Kunden durch eigene Analyse-Software helfen will.

Ob Isra Vision die Anleger damit bald wieder auf seine Seite ziehen kann, wird sich zeigen.

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