Analyse

Segensreiche Knappheit

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Die Unternehmen klagen, dass sie nicht mehr genügend Fachkräfte fänden. Doch Not macht innovativ. Das ist gut für die Wirtschaft.

Dem etwas exzentrischen Unternehmer Hans Strothoff ist es zu verdanken, dass die Öffentlichkeit jetzt ein konkretes Beispiel dafür hat, welch segensreiche Wirkung die Knappheit von Fachkräften haben kann. Es sah am Dienstag zwar zunächst danach aus, als ob Strothoff auf der Jahrespressekonferenz seines Unternehmens, des Küchenriesen MHK, nur zum üblichen Lamento über fehlende Fachkräfte anheben würde, doch dann erklärte er auch gleich, wie er das Problem lösen will.

Konkret kämpft der Küchenhandel laut Strothoff damit, dass er zwar viele Küchen verkauft, es aber nicht genügend Facharbeiter gibt, die sie in den Wohnungen und Häusern der Käufer installieren können. Die Facharbeiter, durch die Personalknappheit in einer besseren Verhandlungsposition, gehen zudem dazu über, sich nicht mehr mit allem abzufinden, zum Beispiel dem Schleppen der Möbel und Elektrogeräte in den dritten Stock eines Hauses.

Strothoff will dieses Problem anpacken, und zwar indem er einen bundesweiten Lieferservice aufbaut. Mitarbeiter ohne Fachausbildung, dafür mit viel Muskelkraft, sollen das Material anliefern, die Facharbeiter kommen erst zum Einsatzort, wenn alles da ist, was sie brauchen, und kümmern sich dann um den Aufbau der Küchen.

Damit werden vorhandene Ressourcen viel effizienter eingesetzt als bisher. Denn bislang schleppen die Facharbeiter das Material selbst. Eine Tätigkeit, für die sie nicht nur überqualifiziert sind, sondern für die sie eigentlich auch zu teuer wären.

Allerdings konnten sie, solange die Unternehmen aus einem üppigen Fachkräfteangebot aussuchen konnten, nicht die Entlohnung durchsetzen, die ihrer Qualifikation entsprochen hätte, sondern nur diejenige, die ihrer tatsächlichen Tätigkeit im Alltag entsprach. Und diese Tätigkeit umfasste eben auch das weniger lukrative Schleppen von Material. Mit der neuen Arbeitsteilung können die Facharbeiter mehr Küchen aufbauen, was für Küchenbauer, Handel und Zulieferer mehr Umsatz bedeutet. Das wiederum ermöglicht es, den Facharbeitern einen besseren Lohn zu bezahlen. Und weil sie dank der Knappheit in einer besseren Verhandlungsposition sind, können sie diese Lohnerhöhung tatsächlich auch durchsetzen. Zugleich entstehen neue Arbeitsplätze für Menschen, die es nicht zur Fachkraft geschafft haben, die aber mit Muskelkraft, Zuverlässigkeit und einem Führerschein einen wertvollen Beitrag zum Geschäft leisten können – und für die ein solcher Arbeitsplatz möglicherweise eine Perspektive eröffnet, über Weiterqualifizierung selbst beruflich aufzusteigen.

Eine solche Arbeitsteilung erlaubt potenziell aber auch noch ganz andere Effizienzgewinne: Statt Küchen mit vielen Einzelfahrten auszuliefern, können sie auf einen Lastwagen gepackt werden. Intelligente Routenplanung verringert Fahrtzeiten und Spritverbrauch.

Das Beispiel Küchenhandel zeigt, wie Knappheit Innovation schafft. Not macht eben erfinderisch. Prozesse werden effizienter organisiert, vorhandene Ressourcen klüger eingesetzt und die Firmen investieren in Maschinen und Automatisierung. Das erhöht die Produktivität, die Löhne und die Gewinne.

In dieser Situation überleben die Firmen, die mit knappen Ressourcen am produktivsten arbeiten. Andere gehen pleite. Das ist für sie schlimm, bringt dem Land aber Fortschritt.

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