Frühverrentung

Abschlagsfrei mit 63 in die Rente: Schwere Hypothek?

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Hunderttausende Arbeitnehmer sind abschlagsfrei mit mindestens 63 in Rente gegangen. Für die Arbeitgeberverbände treibt das den Fachkräftemangel. Die Gewerkschaften widersprechen.

Seit fast fünf Jahren gibt es in Deutschland wieder die Rente mit 63 – und noch immer führt die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen, zu Streit. Auslöser dieses Mal: Die heftige Kritik des Arbeitgeberverbandes BDA.

Dessen Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter hat die abschlagsfreie Rente mit 63 als „schwere Hypothek“ für Rentenkasse und Arbeitsmarkt bezeichnet und von einer „fehlgeleiteten Rentenpolitik“ gesprochen, die den Fachkräftemangel „weiter befeuert“ habe.

Laut BDA sind allein in den vergangenen zwei Jahren rund eine Viertelmillion Fachkräfte pro Jahr bundesweit vorzeitig in Rente gegangen. Das seien deutlich mehr als von der Bundesregierung ursprünglich prognostiziert, klagen die Arbeitgeber.

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Verdi-Chef Frank Bsirske wies die scharfe Kritik umgehend zurück. „Ich finde die Entscheidung richtig, die Rente mit 63 zu ermöglichen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Die einzige Alternative wäre doch, noch mehr Menschen, die hart gearbeitet haben und den Belastungen nicht mehr standhalten können, mit gekürzten Renten und Abschlägen nach Hause zu schicken. Das wäre ungerecht.“

Bsirske sagte, der Fachkräftemangel sei hausgemacht. „Immer weniger Unternehmen haben in den letzten Jahren ausgebildet“, so der Gewerkschaftsvorsitzende. „Viel zu viele haben sich zu lange darauf ausgeruht, dass andere Unternehmen ausbilden. Jetzt haben wir eine Rekordzahl an Nicht-Ausgebildeten. Das können die Arbeitgeber sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels so nicht mehr leisten.“

Die Arbeitgeber müssten „jetzt endlich Verantwortung tragen für eine nachhaltige Ausbildung von Nachwuchskräften und in die Qualifizierung ihrer Beschäftigten investieren statt alles auf diejenigen abzuwälzen, die von der Arbeit ohnehin kaputt sind“, sagte Bsirske.

Seit Juli 2014 können Arbeitnehmer nach mindestens 45 Jahren Einzahlung in die Rentenkasse bereits ab 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. Von dieser Regelung machten nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung in den vergangenen drei Jahren rund 735 000 Arbeitnehmer Gebrauch. Laut dem Bundesarbeitsministerium liegen diese Zahlen bisher im erwartbaren Bereich.

Menschen, die studiert haben, können in der Regel seltener von der Regelung der abschlagsfreien Rente profitieren. „Auf Akademiker trifft die abschlagsfreie Rente mit 63 eher nicht zu, weil sie nicht auf 45 Berufsjahre kommen“, sagte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Viel eher sei sie in Bereichen mit Ausbildungsberufen wie dem Handwerk oder der Pflege zu finden.

„Für mich ist die Stärkung der beruflichen Ausbildung ganz wichtig. Die berufliche Ausbildung wird immer noch zu wenig wertgeschätzt“, sagte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) der „Passauer Neue Presse“. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müsse der Nachwuchs für Zukunftsthemen begeistert und optimal ausgebildet werden.

„Davon hängt noch mehr die Zukunft ab, als Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen“, sagte die Ministerin. „Für mich gilt: Die Ausbildung in den Betrieben ist genauso viel wert wie an den Universitäten“, so Karliczek.

Das Ausscheiden von Arbeitnehmern kann Firmen vor eine große Herausforderung stellen. Vor allem kleinere Betriebe versuchen nach Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Fachkräfte zu halten, die einen Anspruch auf eine abschlagsfreie Rente hätten. (mit dpa)

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