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Schweiz plant Atomendlager an der Grenze zu Deutschland

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Von: Björn Hartmann

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Auf dem Gelände dieses Pferdehofs in Haberstal in Windlach in der Gemeinde Stadel soll das Endlager entstehen.
Auf dem Gelände dieses Pferdehofs in Haberstal in Windlach in der Gemeinde Stadel soll das Endlager entstehen. © dpa

Die Schweiz hat sich für einen Endlager-Standort unweit von Deutschland entschieden. Das Bundesumweltministerium will das Vorhaben nun genau prüfen

Zürich – Rund 14 Jahre hat es gedauert, jetzt hat sich die Schweiz entschieden: Das eidgenössische Atomendlager wird nördlich von Zürich, unmittelbar an der deutschen Grenze entstehen. Das geologische Tiefenlager für verbrauchte Brennelemente soll demnach im Gebiet Nördlich Lägern, wenige Kilometer von der deutschen Gemeinde Hohentengen entfernt gebaut werden. Das teilte der Sprecher der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), Patrick Studer, am Samstag mit. Dort sollen die Abfälle in mehreren Hundert Meter Tiefe in Opalinuston eingebettet werden. Zur Auswahl standen noch zwei weitere Standorte, die ebenfalls sehr nah an der deutschen Grenze liegen.

Das Bundesumweltministerium, das auch für nukleare Sicherheit verantwortlich ist, kündigte eine „genaue Untersuchung des Schweizer Vorschlags an“. Eine Gruppe von Fachleuten soll eine Einschätzung zur Nachvollziehbarkeit des Vorschlags erstellen und ihn bewerten. Es sei wichtig, „wissenschaftsbasiert und partizipativ“ vorzugehen, sagte Staatssekretär Christian Kühn. Er werde sich bei der Schweiz dafür einsetzen, dass die „bisherige gute Einbindung der deutschen Nachbarn fortgesetzt wird“. In jedem Fall seien Errichtung und Betrieb des Endlagers für die Gemeinde vor Ort und umliegende Gemeinden eine „große Belastung“.

Schweiz plant Atomendlager an Grenze zu Deutschland

Bis die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken tief unter der Oberfläche eingelagert werden können, dauert es aber noch. Zunächst wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2030 soll der Bundesrat entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. In Betrieb gehen kann die Anlage deshalb frühestens 2060. Derzeit lagert der hoch strahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, ebenfalls knapp 20 Kilometer vom geplanten Endlager und keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

Endlagersuche in der Schweiz.
Endlagersuche in der Schweiz. © FR-Layout

Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, können nicht einfach auf einer Müllkippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Fachleute schätzen, dass mindestens 100 000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Zur Einordnung: Vor 100 000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkzeug.

In Deutschland soll bis 2031 ein geeigneter Standort für ein Endlager gefunden werden. Dann muss es aber noch gebaut werden. Bis dahin wird zwischengelagert: unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin. Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist ausgeschlossen.

Atomendlager: In Skandinavien ist man schon deutlich weiter

Andere Länder sind bereits deutlich weiter – auch weil die Bevölkerung im Endlager eher einen Vorteil denn eine Last sieht. Das gilt vor allem in Skandinavien.

So ist etwa Finnland weltweit das erste Land mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Menschen in Finnland gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen der Wissenschaft. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker:innen stimmten zu. Die Einwohner:innen haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke. Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

In Schweden galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste knapp 50 Jahre als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es offenbar. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen von dem Endlager. Vor zwei Jahren stimmte der Gemeinderat den Plänen zu. Es dauerte dann dennoch etwas: Erst Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer:innen haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschutzorganisationen verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

Frankreich baut eine Pilotanlage, um Brennstäbe zu verpacken und einzulagern

Früh dran mit einem Standort für ein Endlager war man in Frankreich. Bereits 2000 bestimmte man das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden. Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen können: das All. Das Argument: Es bietet jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich. (Björn Hartmann)

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