Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Korrekte Mülltrennung wird in China schon den Kleinen im Kindergarten beigebracht.
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Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Korrekte Mülltrennung wird in China schon den Kleinen im Kindergarten beigebracht.

Asien

Was ein Schwein nicht essen kann, ist Trockenmüll

  • vonFinn Mayer-Kuckuk
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China hat dem Abfall den Kampf angesagt. Plastik aus dem Ausland nimmt das Land nicht mehr an, und der eigene Müll wird recycelt. Die umliegenden Länder folgen dem Beispiel.

Nass? Trocken? Gefahr- oder Wertstoff? Die smarten Recycling-Mülleimer in Schanghai erkennen vier grobe Kategorien und noch einige spezielle Sorten von Abfall. Die Bürger identifizieren sich mit Chipkarten, wenn sie ihren Müll einwerfen. Sie erhalten Pluspunkte, wenn sie richtig trennen, und müssen mit einer Ermahnung rechnen, wenn nicht. So sollen die 25 Millionen Einwohner der Stadt dazu erzogen werden, ihren Müll korrekt zu entsorgen. „Der Umgang mit dem Abfall verkörpert das Sozialverhalten der Bürger“, sagte jüngst erst Präsident Xi Jinping. Müll ist derzeit eines der Lieblingsthemen des Großen Vorsitzenden.

In ganz Asien steigt derzeit das Bewusstsein für den Umgang mit Müll. Vorreiter ist das große China, das derzeit eine schnelle Wende vom Plastik-Sünder zum Recycling-Vorbild versucht. Der Effekt erstreckt sich jedoch auch auf die umliegenden Länder. Da China im vergangenen Jahr die Einfuhr von Plastikmüll verboten hat, müssen die südostasiatischen Staaten reagieren. Denn die internationalen Müllhändler haben sofort versucht, den nun heimatlosen Dreck dort abzuladen.

Ende Juli haben die indonesischen Behörden acht Container mit Müll zurück nach Australien geschickt – und Journalisten eingeladen, über den Fall zu berichten. Die Fracht war als reines Altpapier deklariert, doch hinter Stapeln mit alten Zeitungen verbargen sich Elektroschrott und Plastik. Diesen hätten die illegalen Entsorger fast sicher irgendwo in die Landschaft gekippt.

Indonesien folgt mit seiner Rücksendeaktion den Nachbarländern Kambodscha, Malaysia und den Philippinen in einem strengeren Umgang mit Müllimporten. Der kambodschanische Zoll hat bereit 83 Container mit Plastikmüll in die USA zurückgeschickt. Angeblich recyclingfähig, handelte es sich in Wirklichkeit um eine wilde Mischung von schmutzigen Abfällen. Im Juli hat Sri Lanka die Einfuhr von 111 Containern ähnlichen Inhalts verweigert. Kanada wiederum, unter einer linksliberalen Regierung von schlechtem Umweltgewissen geplagt, erklärte sich bereit, alle derartigen Lieferungen wieder zurückzunehmen.

Der Druck auf die südasiatischen Länder geht direkt auf die Politikänderung in China zurück. Während das große Land vor zwei Jahren noch fünf Millionen Tonnen Müll zur Entsorgung aus dem Ausland annahm, waren es 2018 nur noch 50 000 Tonnen, berichtet die japanische Wirtschaftszeitung „Nikkei“. Im gleichen Zeitraum verdreifachte sich die Müllausfuhr nach Thailand. Der deutschen Statistik zufolge verschob sich der Export unseres Mülls fast schlagartig von China nach Indien, Vietnam und Indonesien.

China hatte Anfang der Achtzigerjahre begonnen, ins Geschäft mit „Recycling“ einzusteigen. Das Angebot war ein riesiger Erfolg. Die Hälfte aller Plastikabfälle des Planeten landete im Reich der Mitte. Auch deutsche Joghurtbecher reisten die zehntausend Kilometer nach Fernost und galten damit in der Statistik als korrekt entsorgt. Insgesamt ging über eine halbe Million Tonnen im Jahr allein aus Deutschland nach China. Die Abnehmer kippten den schlecht sortierten Müll dort zum Teil einfach auf Müllkippen. Einen Teil übernahmen auch seriöse Entsorgungsdienstleister – doch deren Kapazitäten braucht das Land nun, um den eigenen Abfall zu verwerten. Schließlich erfassen mehr und mehr Städte und Provinzen ihn jetzt sozialistisch-säuberlich getrennt.

Die chinesische Propagandamaschine hilft mit, den Bewusstseinswandel voranzutreiben. In Schanghai sind Infos zum Mülltrennen allgegenwärtig. Die Aufteilung erfolgt dabei anders als in Deutschland. Unter „nassem“ Müll versteht die Stadtverwaltung sowohl Küchenabfälle als auch alles andere, was weich und feucht ist, wie Küchenkrepp – also eine Mischung aus Bio- und Restmüll. Papier, Plastik und Metall kommen dagegen zusammen zu den Wertstoffen, nur Glas wird gesondert erfasst. Der „trockene“ Restmüll umfasst Gegenstände wie kaputte Regenschirme. Zu den Gefahrstoffen gehören Altbatterien oder Energiesparlampen. Die Medien verbreiten einen lustigen Merkspruch: Wenn ein Schwein es essen kann, ist es Nassmüll. Wenn ein Schwein es nicht essen kann, ist es Trockenmüll. Wenn das Schwein es isst und dann stirbt, ist es ein Gefahrgut.

Während China auf diese Weise seine bisher geringe Recyclingrate von 20 Prozent langsam erhöhen will, befindet sich der Nachbar Japan hier mit einer Rücklaufrate von 85 Prozent der Plastikflaschen an der Weltspitze – und diskutiert dennoch heftig über seinen Müll. Denn das Land liebt Verpackungen und Einwegflaschen. Die Japaner verbrauchen jährlich 23 Milliarden Flaschen aus dem Kunststoff PET – da nützt auch die hohe Recyclingquote nicht, um Umweltschäden zu verhindern. Zudem verpacken japanische Geschäfte alles dreifach.

Daher fordern Umweltschützer und Politiker auch in Nippon neue Gebühren für Plastiktüten aller Art. An der Supermarktkasse tut sich bereits etwas: Die große Kette Ito-Yokado verzeichnet einen dramatischen Rückgang ausgegebener Plastiktüten – wie in Deutschland –, seitdem sie etwas kosten oder gar nicht mehr angeboten werden.

Nun macht auch der Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit. Er bietet die Vierzehnerpackung seines Schokoriegels Kitkat, ein Verkaufshit in Japan, jetzt in einer Papierhülle an. Nach aufgedruckter Anleitung lassen sich daraus Origami-Tiere falten. Die Kunden sind begeistert.

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