1. Startseite
  2. Wirtschaft

Schwanger mit Kalkül

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Fabiola Rodríguez Garzón

Kommentare

Kinderwunsch? Paare sind oft einer „Optimierungsaufgabe“ ausgesetzt.
Kinderwunsch? Paare sind oft einer „Optimierungsaufgabe“ ausgesetzt. © imago stock&people

Wenn das Kinderkriegen nur noch nach Abwägen aller ökonomischen und sozialen Faktoren entschieden wird, muss die individuelle Wahlfreiheit bezweifelt werden.

Alles läuft nach Plan, wir sind schwanger. Glückwunsch. Dass hinter der Aussage ein ökonomisches „Optimierungskalkül“ steht, verstand ich nicht. Ohne drohende Ernteausfälle befürchten zu müssen, schien der Plan nicht sonderlich komplex. Doch aufgrund des besonderen Rechtsschutzes für Familien und den ausgefeilten familienpolitischen Arrangements sind Paare mit Kinderwunsch einer „Optimierungsaufgabe“ ausgesetzt. Das ist zumindest mein Eindruck nach der letzten Silvesterparty unter Ökonomen Mitte dreißig.

Beim Raclette wurden die Familienleistungen diskutiert. Der Kinderzuschlag wurde erhöht, ebenso das Kindergeld und der -freibetrag. Die Elternzeitregelung blieb unverändert, vermutet wurde aber eine Ausweitung der Partnermonate. Also besser warten, nochmal eine Weltreise starten?

Zugleich sind die Regelungen des Kündigungs- und Mutterschutzgesetzes zu beachten. Ist es sinnvoll zum Ende des befristeten Arbeitsvertrages schwanger zu sein? Zeitgleich feiert das Elterngeld sein zehnjähriges Jubiläum. Seither sind im ersten Lebensjahr des Kindes die Nettoeinkommen der Familie gestiegen. Väter, die Elternzeit nehmen, sind zudem keine Randgruppe mehr. Bereits 34 Prozent nehmen sie und müssen anschließend keine Lohneinbußen hinnehmen. Zudem verändert die Elternzeit des Vaters die traditionelle Rollenverteilung im Haushalt, was ebenfalls empirisch nachgewiesen ist. Wer früh mit zur Krabbelgruppe geht, macht später auch den Abwasch.

Zwar war ich Silvester unter Ökonomen, die ja bekanntlich dem Rationalitätsmodell am ehesten entsprechen. Aber wenn auch Nicht-Ökonomen das Kinderkriegen durch ein Austüfteln, Gewichten und Abwägen aller den ökonomischen und sozialen Status tangierender Variablen entscheiden, muss die individuelle Wahlfreiheit, zu welchem Zeitpunkt, in welcher Anzahl und ob überhaupt sich für Kinder entschieden wird, bezweifelt werden. Die Arrangements ermöglichen zwar eine Erwerbstätigkeit, aber sie zwingen Paare auch, ihren Kinderwunsch an die rechtlich-politische Regulierung anzupassen. Dies soll natürlich kein Plädoyer für weniger Mutterschutz sein, aber dafür, staatliche Regulierungen nicht sein Leben bestimmen zu lassen. Ansonsten wären wir vom Zwang einer chinesischen Ein-Kind-Politik nicht weit entfernt.

Auch interessant

Kommentare