Carl Janssen muss als einziger Angeklagter ins Gefängnis. Der Urteilsbegründung lauschte er mit oft geschlossenen Augen und ungerührt.
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Carl Janssen muss als einziger Angeklagter ins Gefängnis. Der Urteilsbegründung lauschte er mit oft geschlossenen Augen und ungerührt.

Sal. Oppenheim-Manager verurteilt

Schuldig, schuldig, schuldig, schuldig

  • vonPeter Berger
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Das Gericht verurteilt alle angeklagten Manager der einst so glanzvollen Privatbank Sal. Oppenheim. Die Richterin sagt: „Wir hatten eine harte Zeit“.

Köln. Am frühen Nachmittag bittet Richterin Sabine Grobecker um Verständnis. Die Urteilsbegründung in einem der längsten Wirtschaftsprozesse vorm Kölner Landgericht geht in die vierte Stunde. „Die Zeit ist fortgeschritten. Die Luft ist schlecht. Aber wir werden heute fertig“, versichert die Vorsitzende der 16. Großen Strafkammer. Um 19.20 Uhr ist ein Kapitel des Niedergangs von Sal. Oppenheim, der einstmals größten Privatbank Europas, tatsächlich beendet.

Die Geschichte aber geht weiter. Denn zwei der angeklagten Ex-Banker werden sich für eine Revision entscheiden. Bei Friedrich Carl Janssen (71), der für das Risikomanagement der Privatbank verantwortlich war, überrascht das nicht. Sein Urteil von zwei Jahren und zehn Monaten Haft bedeutet: keine Bewährung. Matthias Graf von Krockow, Christopher Freiherr von Oppenheim und Dieter Pfundt hingegen kommen mit Freiheitsstrafen, die zwei Jahre nicht überschreiten, in den Genuss einer Bewährung. Pfundt jedoch will auch Revision.

Einen der Hauptgründe für seine Strafe hat Janssen selbst geliefert. Bis zuletzt beharrte er darauf, die missglückte Rettungsaktion für den von der Pleite bedrohten Handelskonzern Arcandor im September 2008 sei alternativlos gewesen. Die Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz habe eine Nachbesicherung ihrer Millionenkredite bei Sal. Oppenheim davon abhängig gemacht, dass die Bank sich mit frischem Kapital an der Rettung von Arcandor beteilige. Man habe doch Schaden von der Bank abwenden müssen. Vor dem sogenannten Rettungswochenende habe er von der Arcandor-Krise nichts gewusst.

Das Gericht hält Janssens Version für unglaubwürdig. „Er hätte das durch schlichte Nachfrage bei Madeleine Schickedanz klären können“, begründet Grobecker. Die Beweisaufnahme habe ergeben, dass die Quelle-Erbin bereits kurz vor dem Rettungswochenende ihre sämtlichen privaten Vermögenswerte zur Verfügung gestellt hatte, um damit die Talfahrt des Arcandor-Aktienkurses abzufedern. Aktien, die sämtlich mit Krediten des Bankhauses und über die Strohmann-Gesellschaft ADG gekauft worden waren. Hinter der ADG standen Mitglieder der engeren Bankfamilie und von Esch-Gesellschaften.

Die Behauptung Janssens sei auch schon deshalb unglaubwürdig, weil er zeitgleich davon ausgegangen sei, dass Madeleine Schickedanz noch über ein freies Vermögen von rund 400 Millionen Euro verfüge. Zudem habe der Risikomanager bei allen Besprechungen nach dem Rettungswochenende bis zur Arcandor-Pleite im Frühsommer 2009 diesen vermeintlichen Zusammenhang zwischen Nachbesicherung und Arcandor-Rettung nie mehr angeführt. „Das hätte seine Entscheidung doch in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen können.“

Auch der für das Investmentbanking zuständige Dieter Pfundt hat einen Zusammenhang zwischen Nachbesicherung und Arcandor-Rettung konstruiert, jedoch beruhten seine Informationen auf dem Höhepunkt der Krise am letzten September-Wochenende vor allem auf Telefonaten mit Janssen. Er befand sich da in einem Kurzurlaub in Portugal. Das Gericht billigt ihm eine Art Außenseiterbonus zu. Weil das von ihm verantwortete Investmentbanking mit Sitz in Frankfurt in der Finanzkrise schwer ins Schleudern geraten war, habe man bereits darüber nachgedacht, ihn als Gesellschafter zu entlassen. Den Schaden aus der Arcandor-Beteiligung beziffert das Gericht auf 60,7 Millionen Euro.

Die anderen Mitangeklagten Christopher Freiherr von Oppenheim und Matthias Graf von Krockow hatten in ihren Geständnissen immer betont, zwischen der Nachbesicherung und der Arcandor-Rettung habe es keinen Zusammenhang gegeben. Wie überhaupt deren Einlassungen – die im Fall von Graf Krockow auch ziemlich spät, erst nach mehr als 100 Verhandlungstagen kam – eine deutlich strafmildernde Wirkung haben.

Äußerst kritisch sieht das Gericht bei allen vier Ex-Bankern die Übertragung eines Esch-Fonds zum Kauf und zur Sanierung einer Bankimmobilie an der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt im Dezember 2008 – mitten in der Finanzkrise – auf das Bankhaus. Weil an dem Fonds Bockenheimer Landstraße mit Graf Krockow und Baron Oppenheim gleich zwei Gesellschafter beteiligt waren, sei es zu einer Vermischung von privaten mit Bankinteressen gekommen.

„Da versteht es sich von selbst, dass die Mitpartner Janssen und Pfundt, die nicht an dem Geschäft beteiligt waren, als besonders kritische Entscheider hätten fungieren müssen“, so Richterin Grobecker. Das hätten sie unterlassen. Die Bank habe sich ohne Not eine Immobilie „ans Bein gebunden“. Wäre es bei der Fonds-Lösung geblieben, hätte sie lediglich die Teile anmieten können, die für das geschrumpfte Investmentbanking benötigt wurden. Das Mietrisiko wäre bei den Investoren verblieben. Es sei seltsam, dass es vor einer Entscheidung dieser Tragweite, die letztlich zu einem Schaden von 23,6 Millionen Euro für die Bank führte, keine gemeinsame Beratung der Gesellschafter gegeben habe. Der Ankauf der Fonds-Anteile sei ohne eine Ermittlung des Verkehrswerts der Immobilie erfolgt. „Wir finden keine Anhaltspunkte dafür, dass die Banker, wie Janssen in seinem Schlusswort sagte, zum Besten des Bankhauses gehandelt haben wollen.“ Es habe sich bei der Übertragung eher um das Prinzip „linke Tasche, rechte Tasche“ gehandelt. Die Banker hätten so ihre hohen Gesellschafterkredite bei Sal. Oppenheim reduziert, um damit weiteren kritischen Fragen der Bankenaufsicht aus Luxemburg zu entgehen.

Die Verteidiger von Graf Krockow überrascht das Urteil nicht. Ihr Mandant habe öffentlich und in der Hauptverhandlung die Verantwortung für die beiden unternehmerischen Entscheidungen übernommen: „Er ist erleichtert, dass das Urteil ihm (…) eine Lebensperspektive lässt.“ Man werde es dennoch eingehend prüfen, bevor man über eine mögliche Revision entscheidet. Graf Krockow hoffe, dass mit dem Urteil strafrechtlich alles aufgearbeitet sei, was seine Tätigkeit als Gesellschafter bei Sal. Oppenheim angeht.

Auch Christopher von Oppenheims Anwälte atmen auf: „Er hat die mildeste Strafe erhalten. Das entspricht seiner lange gezeigten Haltung und seinem Geständnis, dass er manchen Entwicklungen und Entscheidungen nicht energisch entgegengetreten ist. Das Urteil lässt Baron Oppenheim Raum, seine Zukunft zu gestalten.“

Josef Eschs Verteidiger sind erleichtert, dass gegen ihren Mandanten „große Teile des Verfahrens ohne die Feststellung einer Schuld eingestellt worden“ seien. Geblieben sei der Vorwurf unerlaubter Bankgeschäfte, der Verstoß gegen das Kreditwesengesetz, der mit 495 000 Euro Geldstrafe geahndet wird. „Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass Herr Esch sich nicht strafbar gemacht hat.“ Die Auffassung des Gerichts sei die einer „Verfehlung von geringer Intensität“. Josef Esch dürfe sich weiterhin als unbestraft bezeichnen. (rtr/dpa)

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