Mietenwahnsinn

Wer ist schuld?

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Der Mietenwahnsinn wird gern als Konsequenz eines knappen Angebots bei hoher Nachfrage erklärt. Das greift aber deutlich zu kurz.

Sind die Ausländer an den steigenden Mieten schuld? Zu dieser Frage kam es kürzlich zu einem kleinen Schlagabtausch über den Kurznachrichtendienst Twitter. Die Debatte ist aufschlussreich, zeigt sie doch die begrenzte Erklärungskraft einer Theorie, die Preise – wie zum Beispiel Mieten – allein aus Angebot und Nachfrage erklärt.

Den Einstieg in die Debatte machte ein Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Ihn „erstaune“, dass „bei all den Debatten über Wohnraummangel und Ursachen für steigende Mieten kaum darüber geredet wird, dass seit 2015 circa zwei Millionen Migranten, vor allem Asylmigranten, ins Land kamen … Natürlich verschärft das die Situation.“ Die Argumentation: Migration erhöht die Nachfrage nach Wohnraum, daher steigen die Preise.

Dem entgegnete Christian Odendahl, Chefökonom am Centre for European Reform, man könne nicht Ausländer für Engpässe verantwortlich machen. Das folge dem „klassischen, rechtspopulistischen Drehbuch“. Tatsächlich schuld an den Engpässen sei die Sparstrategie des Staates, die Investitionen in Wohnraum verhindert habe. „Richtig ist: Wir haben nicht ausreichend investiert. Falsch ist: An der Knappheit sind Ausländer schuld.“

Ausländer nehmen „uns“ Wohnungen und Jobs weg, und sind daher schuld an steigenden Mieten und sinkenden Löhnen – diese Argumentation ist klassisch AfD, und es ist daher verständlich, dass dagegen argumentiert wird. Odendahls Gegenposition ist allerdings zwiespältig. Denn er anerkennt, dass mehr Migration mehr Nachfrage nach Wohnraum schafft und dies die Preise treiben kann. Er hält nur dagegen: Gestiegen sind die Preise, weil mit der Nachfrage nicht gleichzeitig das Angebot an Wohnungen zugenommen hat. Daher sei der Staat „schuld“ und nicht Ausländer. In den Ursachen für Wohnungsnot sind sich der FAZ-Autor und sein Kritiker also eigentlich einig, sie streiten nur darum, wer die „Schuld“ an steigenden Mieten trägt: die zusätzliche Nachfrage oder das ausbleibende Angebot.

Durch Abwesenheit glänzen in dieser Frage ausgerechnet jene Wirtschaftssubjekte, die die Häuser bauen, die sie vermieten und verkaufen und damit die Preise fürs Wohnen festsetzen: die Grundeigentümer, die Immobilienfonds und -gesellschaften. Sie soll keine Schuld an der Lage treffen. Dabei sorgen sie für das Wohnraum-Angebot, sie nutzen die Wohnraum-Knappheit, um die Miete zu erhöhen und sich so mehr von der gesellschaftlichen Kaufkraft anzueignen. In der Angebot-Nachfrage-Debatte ist ihr Interesse an maximalem Gewinn als gegeben vorausgesetzt. Als Folge wird dann nur noch darüber gestritten, ob eher der Staat oder eher die Ausländer an der Mietenexplosion schuld sind.

Ausgerechnet die bestimmenden Akteure des Wohnungsmarktes werden somit von den Ökonomen definiert als abhängige Variablen von Angebot- und Nachfrageverschiebungen. Dass sie in der Realität die bestimmenden Subjekte sind, zeigt die Debatte um Mietendeckel, der ihre Rendite senkt und Wohnungsneubau daher schmälern würde. Es ist also das Renditeinteresse der Immobilienwirtschaft, das die Schaffung von bezahlbaren Wohnungen verhindert und die Versorgung mit Wohnraum zunehmend gefährdet. Konsequent ist daher die Forderung nach Vergesellschaftung oder sozialem Wohnungsbau – also die Forderung, Wohnraum der Logik des Marktes zu entziehen.

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