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Flüge unter 1000 Kilometer sollten es künftig nicht mehr geben, meinen sowohl das Bundesumweltamt als auch unser Interviewpartner.

Interview-Reihe „Klima retten“

„Es ist schon absurd“

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Klimaexperte Jakob Graichen über Staatshilfen für die Lufthansa und die Zukunft des Reisens.

Am Montag hat Bundesaußenminister Heiko Maas mit seinen EU-Kollegen aus beliebten Urlaubsländern der Deutschen darüber beraten, wie die Corona-bedingten Reisebeschränkungen gelockert werden können. Nach den Gesprächen sagte Maas, die Wiedererstellung der Reisefreiheit solle „schrittweise“ erfolgen.

Herr Graichen, wir Deutsche galten vor Corona als Reiseweltmeister. Wird nach dem wochenlangen Entzug bald alles wieder so sein wie früher?

Kurzfristig gibt es bestimmt weniger Fernreisen und mehr Urlaub in der Nähe. Die Frage ist aber, ob sich das Reiseverhalten dauerhaft ändert. Das bezweifele ich stark, auch wenn es mehrere Jahre dauern wird, bis der Tourismus wieder auf dem Niveau von 2019 angekommen ist. Möglicherweise wird Fliegen aber in Zukunft wieder etwas teurer, etwa, falls die Passagiere zum Infektionsschutz nicht mehr so dicht gedrängt sitzen dürfen oder es zu vielen Konkursen in der Branche kommen sollte.

Vor allem der Flugverkehr gilt als Klimakiller. Sein Anteil an der Treibhaus-Wirkung durch den Einfluss des Menschen beträgt weltweit zwischen vier und zehn Prozent, je nach Berechnungsart. Kann es da denn das Ziel sein, das frühere Flugaufkommen wiederherzustellen?

Jakob Graichen.

Für das Klima wäre es natürlich besser, wenn in Zukunft weniger geflogen wird. Aber es gibt gute Gründe, warum Menschen ins Flugzeug steigen, zum Beispiel um die Welt kennen zu lernen, für die Arbeit, um Familie und Freunde zu treffen. Das Ziel muss deshalb sein, den Luftverkehr klimaneutral zu gestalten. Neben einer Verbesserung der Energieeffizienz und alternativen Antrieben muss dafür allerdings auch das seit Jahrzehnten unbegrenzte Wachstum des Sektors enden.

Konkret: Sollten Inlandsflüge eingestellt werden?

Ja. Ich halte hier die Position des Umweltbundesamtes für richtig: Es plädiert dafür, alle Flüge unter 1000 Kilometern auf die Schiene zu verlagern. Das geht auf der Strecke Frankfurt-Berlin genauso gut wie auf der Strecke Frankfurt-Paris.

Zur Person

Jakob Graichen ist Mitarbeiter im Bereich Energie & Klimaschutz am Öko-Institut in Berlin. Der Physiker arbeitet unter anderem an Strategien zur Vermeidung der Treibhausgasemissionen des Flug- und Schiffsverkehrs, der Weiterentwicklung des europäischen Emissionshandels und dem European Green Deal.

Sollte Fliegen im geplanten Konjunkturprogramm gestützt werden oder sollten die Umwelt- und Klimakosten des Fliegens in Zukunft eingerechnet werden?

Es ist schon absurd: Auf den Treibstoff wird keine Energiesteuer erhoben, auf internationale Flüge wird keine Mehrwertsteuer bezahlt, im Emissionshandel werden den Fluggesellschaften die allermeisten CO2-Zertifikate geschenkt, aber jetzt soll wie bei der Lufthansa ohne Gegenleistung Unterstützung in Milliardenhöhe geleistet werden. Wenn der Staat Lufthansa rettet, müssen im Gegenzug diese Subventionen abgebaut werden. Und es ist höchste Zeit für eine Strategie für einen klimaneutralen Flugverkehr bis 2050.

Die Lufthansa und andere Airlines arbeiten dazu an der Entwicklung von Öko-Kerosin aus erneuerbaren Energien. Welche Chancen hat das?

Synthetische Kraftstoffe hergestellt aus erneuerbarem Strom sind tatsächlich der vielversprechendste Ansatz insbesondere für die Langstrecke. Die Technologie dafür steckt in Teilen aber noch in den Kinderschuhen, und die Kosten für diese Kraftstoffe sind deutlich höher als für fossiles Kerosin. Damit sie sich im Markt durchsetzen können, bedarf es staatlicher Anreize und Regulierung, etwa durch Beimischquoten oder Abnahmegarantien. Auf freiwilliger Basis werden sie nur Nischenprodukte bleiben.

Flugreisenden wird heute bereits angeboten, die Emissionen durch Zahlungen zu kompensieren. Ist das nur ein Ablasshandel oder sinnvoll?

Kompensation mit Geld, das in gute Klimaschutzprojekte fließt, ist bestimmt besser, als nichts zu tun. Hier kommt es sehr auf den Anbieter an. Auf einen Flug verzichten ist aber unstrittig das Beste für das Klima.

Letzte Frage: Was soll eigentlich mit den derzeit nicht mehr genutzten Jets geschehen?

Die meisten der gerade geparkten Flugzeuge werden sukzessive wieder in den aktiven Dienst genommen, sobald sich der Markt erholt. Mehrere Fluggesellschaften haben allerdings schon angekündigt, dass sie ineffiziente ältere Modelle stilllegen werden. Da diese Flugzeuge einen erheblichen Restwert haben, dürften viele allerdings verkauft werden und noch Jahre etwa in Schwellenländern in der Luft bleiben. Sie zu verschrotten wäre fürs Klima besser, aber für die Fluggesellschaften ein Minusgeschäft.

Interview: Joachim Wille

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