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Der umstrittene Pflanzenschutzwirkstoff Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen.

Matthias Berninger

Vom Schokoriegel zu Glyphosat

Ex-Grünen-Politiker Matthias Berninger ist jetzt Lobbyist des Chemiegiganten Bayer.

Meine Biografie ist glaubwürdig“, hat Matthias Berninger einmal gesagt. Das war 2006, und der damalige Grünen-Politiker hatte gerade den Abschied von seinem Bundestagsmandat verkündet, um zum Schokoriegel-Hersteller Mars zu wechseln. In Berningers Augen kein Widerspruch. Mars wolle etwas auf dem Themenfeld Ernährung und Gesundheit bewegen, sagte er.

Nun hat der 47-Jährige, der in Kassel geboren wurde und heute in den Vereinigten Staaten lebt, wieder einen neuen Posten, der eingeschworene Grüne ins Grübeln bringen dürfte. Seit Jahresbeginn ist er in den USA Cheflobbyist für den Chemie- und Pharmakonzern Bayer – mit Dienstsitz in Washington und hoch genug in der Firmenhierarchie angesiedelt, um direkt an Bayer-Chef Werner Baumann zu berichten. Für Gesprächsstoff ist gesorgt: Berninger wird auch Landschaftspflege für den umstrittenen Pflanzenschutzwirkstoff Glyphosat betreiben, der im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Berninger sei „der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, twitterte die Bayer-Pressestelle im Dezember.

Wissen um den Politikbetrieb bringt Berninger allerdings mit. Mit 23 Jahren zog er im Jahr 1994 für Bündnis 90/Die Grünen in den Bundestag ein, ein politischer Senkrechtstarter, der Chemie und Politologie in Kassel studierte, 150 Mark Bafög im Monat bekam und in einem Fahrradladen jobbte.

In Hessen hatte er im Gemeinderat im heimatlichen Ahnatal und im Kreistag Kassel gesessen, in Bonn fand er sich in einer Fraktion mit Joschka Fischer wieder – der ihm wegen seiner Unerfahrenheit von der Kandidatur abgeraten haben soll.

In Bonn und Berlin ging es steil aufwärts. Mit 29 Jahren war Berninger Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Verbraucherschutz in der rot-grünen Regierung Schröder. Ein Amt, das er von 2001 bis 2005 innehatte. Der Kontakt zur nordhessischen Basis blieb, der Wahlkreis Kassel auch. Mit Verbraucherministerin Renate Künast brutzelte er im Wahlkampf 2005 Möhrenpuffer in der Kasseler Markthalle, schließlich hatte das Ministerium eine Initiative für eine neue Ernährungsbewegung verkündet.

Wie Fischer zählte sich auch Berninger zu dem eher pragmatischen Flügel der Grünen, den Realos, und sah über die Fraktionsgrenzen hinaus. In der sogenannten Pizza-Connection lotete er in den 1990er Jahren mit anderen jungen Unions- und Grünen-Politikern die Möglichkeiten einer schwarz-grünen Koalition aus. Das erste Treffen fand in einem italienischen Restaurant statt.

Als Berninger sich 2007 aus der Politik zurückzog, war er wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion und zudem mit Evelin Schönhut-Keil Landessprecher der hessischen Grünen. Heute hat der mehrfache Vater Berninger neben dem deutschen auch einen US-Pass. Ob er noch Mitglied bei den Grünen ist, ist ungeklärt. Die Partei macht wegen des Datenschutzes keine Angaben.

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