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Soja-Monokulturen im Nordosten Brasiliens, wo auch der US-Fonds TCGA Land aufgekauft hat.

Agrarfonds

Schöne Pensionen auf Kosten der Kleinbauern

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Die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe hat Millionen in einen Agrarfonds investiert. Für ein pensioniertes Medizinerpaar ist das ein Skandal.

Fast 43 000 Mitglieder zählt die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe (ÄVWL). Annähernd 16 000 davon beziehen aktuell von dem berufsständischen Institut ihre Pension. Das Arztehepaar Ursula und Hubert Scheper aus Marl im Ruhrgebiet gehört dazu. „Vor unserem Examen Mitte der 1970er Jahre hat man uns geraten, der ÄVWL beizutreten“, erinnert sich Hubert Scheper. „Die stehen immer gut da und wirtschaften anständig, hieß es damals.“ An das „anständig“ haben die Schepers, die bis zu ihrer Pensionierung „mit Leib und Seele“ eine allgemeinmedizinische Praxis führten, jahrzehntelang geglaubt. Im vergangenen Jahr aber sind ihnen ernste Zweifel gekommen.

Zufällig lasen die beiden da in einer kirchlichen Zeitschrift, dass ihr Versorgungswerk mit 100 Millionen Euro an einem US-Fonds beteiligt ist, der knapp 300 000 Hektar Agrarflächen in Brasilien aufgekauft hat. Da wurden Ursula und Hubert Scheper, die sich seit vielen Jahren im Brasilienkreis ihrer katholischen Pfarrgemeinde engagieren und Kleinbauern in dem südamerikanischen Land unterstützen, hellhörig.

Von mehreren Bildungs- und Solidaritätsreisen in den Nordosten Brasiliens wissen die beiden pensionierten Mediziner, unter welchem Druck Kleinbauern stehen, seit Unternehmen, Fonds, lokale Eliten und ausländische Regierungen nach der Finanz- und Nahrungsmittelpreiskrise 2008 Land als lohnendes Investment entdeckt haben. Mit kriminellen Methoden würden die Farmer um Flächen gebracht, die sie seit Generationen bewirtschafteten, berichtet Hubert Scheper. „Den Bauern wird durch das Landgrabbing die Existenzgrundlage genommen“, sagt der 67-Jährige.

Während eines Besuchs von Landgemeinden in Brasilien mussten die Schepers vor ein paar Jahren auch miterleben, wie zwei Kleinbauern, die sich gegen Landraub wehrten, von Pistoleros angeschossen wurden. „Die haben schwer verletzt gerade so überlebt“, erzählt Ursula Scheper. Der Brasilienkreis aus Marl habe die beiden Opfer dann in ihrem jahrelangen Prozess gegen die Täter und Hintermänner unterstützt.

„Wir haben unmittelbar mitbekommen, wie große Unternehmen Land vereinnahmen und Kleinbauern vertreiben“, sagt die 66-Jährige. Umso beunruhigter waren sie und ihr Mann, als sie erfuhren, „dass sich unsere Renten aus dieser Art von Investitionen speisen“. Noch zu gut erinnerten sie sich an eine Aussage des Vorsitzenden des ÄVWL-Verwaltungsausschusses. „Als Vertreter eines ärztlichen Versorgungswerkes haben wir den Anspruch, dass wir durch unser Handeln anderen nicht schaden wollen“, hatte Professor Ingo Flenker bei einem Roundtable-Gespräch gesagt.

Ob die ÄVWL sich folgerichtig aus dem Fonds zurückziehen werde, wollten die Schepers in einem Brief an den Vorstand des Versorgungswerkes wissen. Das Antwortschreiben fiel ernüchternd aus. Ein Ausstieg aus dem Investment „nur auf Grundlage von Verdachtsmomenten“ sei aus Verantwortung gegenüber der Versichertengemeinschaft nicht zielführend, heißt es in dem von Flenker unterzeichneten Schreiben, das der FR vorliegt. Darin wird das Engagement der ÄVWL in Sachen Land ausführlich begründet.

Angesichts des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs habe sich das Versorgungswerk 2011 entschlossen, sich mit einem Zeichnungsvolumen von 100 Millionen Dollar am US-Fonds Tiaa-Cref Global Agriculture – kurz TCGA – zu beteiligen. Dessen Strategie ziele darauf ab, durch langfristige Verpachtung von Landflächen einen „stabilen und planbaren Einkommensstrom“ zu erzielen.

Bei der Auswahl des Investments habe sich die ÄVWL auf die Beteiligung großer Lead-Partner mit langjähriger Erfahrung „auf diesem Gebiet“ verlassen, schreibt Flenker. Er führt schwedische, kanadische und südkoreanische Pensionsfonds an, die sich durch „besonders strenge Prinzipien bei ihren Investitionsentscheidungen auszeichnen“. Der Hauptinvestor Tiaa-Cref, der das Pensionsvermögen von Beschäftigten amerikanischer Universitäten verwalte, werde zudem von den Vereinten Nationen als direkter Ansprechpartner „auf dem Gebiet ethischer Investments angesehen“.

Die ÄVWL, so Flenker, habe den Tiaa-Cref-Fonds im Übrigen auch bereits mit den von Nichtregierungsorganisationen erhobenen Vorwürfen konfrontiert. Doch der habe stets glaubhaft versichert, dass bei den Landakquisitionen alles mit rechten Dingen zugegangen sei und grundsätzlich nicht in Gebieten investiert werde, in denen Naturvölker beheimatet seien.

Mit diesen Beteuerungen wollten sich Ursula und Hubert Scheper nicht zufrieden geben und legten mit einem Brief argumentativ nach. Mit unmittelbarer Nahrungsmittelerzeugung hätten die riesigen Monokulturen im Nordosten Brasiliens, wo auch der Fonds TCGA investiert hat, nichts zu tun. „Da wird Soja für die Futtermittelproduktion und Zuckerrohr für die Treibstofferzeugung angebaut“, entgegnete das Ärztepaar dem ÄVWL. Unvorstellbare Mengen an Wasser seien dafür notwendig. Mit der Folge, dass der Grundwasserspiegel immer weiter absinke und immer mehr Kleinbauern das „Wirtschaften im Sinne einer angepassten Landwirtschaft“ erschwere.

Hinzu komme der massive Einsatz von Pestiziden und Herbiziden. „Die Folgen für Natur, Umwelt und die Menschen sind einschneidend und bedrohlich, davon konnten wir uns bei unserem letzten Besuch im Sommer des vergangenen Jahres überzeugen“, heißt es im Schreiben der Schepers an die ÄVWL. Auch der Hinweis des Versorgungwerkes, die Lead-Partner wie der schwedische Pensionsfonds würden staatlich reguliert, entkräfte nicht ihre Kritik. Die Aufsicht prüfe nur die finanzielle Solidität, aber keineswegs soziale oder menschenrechtliche Fragen.

Bestätigt sehen sich die Schepers in ihrer Kritik jetzt auch durch eine Studie über Investments von Pensionskassen in brasilianisches Ackerland, die die internationale Menschenrechtsorganisation Fian kürzlich gemeinsam mit 30 Partnergruppen aus den USA, Kanada und Brasilien vorgelegt hat. Die Untersuchung beschreibt, wie sich lokale Akteure oft in krimineller Weise Land aneignen, das dann an internationale Investoren weitergereicht wird. „Ganze Gemeinden werden vertrieben, vielen Menschen verlieren ihre Existenz und wandern in die Städte ab, wo sie in Slums ihre Existenzen in prekären oder illegalen Arbeitsverhältnissen zu sichern suchen“, schreibt Fian. Böden und Gewässer auf dem Land, das die Menschen verlassen mussten, würden durch den Einsatz von Agrarchemikalien auf den Monokulturen kontaminiert.

Mit ihrer Kritik stehen Ursula und Hubert Scheper nicht allein. Über 104 000 Mitglieder des Hauptinvestors Tiaa und Aktivisten in den USA forderten im Frühjahr 2017, der Fonds solle sich aus allen Investments zurückziehen, die in Verbindung zur Vertreibung von Kleinbauern und Entwaldung stehen. Bislang ohne Erfolg.

Hierzulande aber ist der Protest noch keine Bewegung. Immerhin war das kritisierte Engagement des Versorgungswerks Ende Juni auch Thema der Vollversammlung der Ärztekammer Westfalen Lippe, wie ÄVWL-Sprecher Ulrich Sonnemann der FR auf Anfrage bestätigte, ohne näher auf die Inhalte einzugehen. Das Versorgungswerk habe die Fian-Studie erhalten und werde prüfen, „ob sich daraus neue Erkenntnisse ergeben“. Die ÄVWL habe darüber hinaus einen Vertreter der NGO zum Gespräch eingeladen. „Erst wenn konkrete Beweise für die behaupteten Vorwürfe vorliegen, können wir auch unseren Einfluss als Investor geltend machen und beim Fonds Konsequenzen einfordern“, so Sonnemann.

Die Ärzteversorgung müsse sich den Fakten endlich stellen, fordern die Schepers. „Setzen Sie ein Zeichen und steigen Sie aus dem Fonds aus!“, appellieren sie in ihrem jüngsten Schreiben an den Verwaltungsausschuss der ÄVWL. Solange sich ihre Pensionen auch aus dem „stabilen Einkommensstrom“ (Originalton ÄVWL) des Investments in Brasilien speisen, ist ihnen überhaupt nicht wohl. „Das passt doch nicht“, sagt Hubert Scheper. „Einerseits setzen wir uns für die Rechte der Kleingemachten in Brasilien ein. Und andererseits kriegen wir unsere guten Renten aus diesem Versorgungswerk.“

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