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Schöne neue Welt der Stadtwerke

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Kreative Atmosphäre: Spielzeug soll Verantwortliche von Stadtwerken und junge Leute von Start-ups beim gemeinsamen Workshop inspirieren.
Kreative Atmosphäre: Spielzeug soll Verantwortliche von Stadtwerken und junge Leute von Start-ups beim gemeinsamen Workshop inspirieren. © Joerg Mueller

Kommunale Unternehmen basteln mit Start-ups an digitalen Geschäftsmodellen und innovativen Dienstleistungen.

Nach dem Mittagessen gibt es erst einmal eine Unterweisung im kleinen Einmaleins des Neuen. Moderator Daniel Probst referiert über die zehn Typen der Innovation. Verantwortliche aus Stadtwerken im weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und junge Leute in Kapuzenpullovern mit Dreadlocks hören an diesem Nachmittag im Halbdunkel eines Clubs im Frankfurter Osten geduldig zu. Die Lehre aus der Analyse von erfolgreichen geschäftlichen Novitäten soll sein, dass es nicht unbedingt auf das Produkt selbst ankommt, sondern dass das Ertragsmodell und die Kundenbindung stimmen müssen und dass es Netzwerke mit Kooperationspartnern braucht.

Danach geht es wieder zurück an die niedrigen Tische, auf denen Nüsschen zum Knabbern, viel buntes Papier, Plastikschwerter, Wasserpistolen und anderes Spielzeug liegen. Das soll die Kreativität fördern. Alles kommt anglizistisch, goovy und hip daher. Doch es geht um eine ernste und seriöse Sache: die Zukunft das Stadtwerke. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat eine sogenannte Learning Journey organisiert. In München, Frankfurt/Main, Köln und Hamburg trafen zwei extrem verschiedene Welten aufeinander. Junge Leute aus Start-up-Firmen der jeweiligen Regionen saßen zusammen mit Geschäftsführern, die ihren Job bislang als Versorgungsauftrag für Strom, Gas und Wasser verstanden haben.

Doch Stadtwerke müssen sich durch die allgegenwärtige Digitalisierung auf bislang nicht gekannte radikale Umbrüche gefasst machen. „Letztlich geht es darum, das System Stadt zu gestalten. Wir werden eine viel stärkere Verknüpfung von Sektoren erleben, die bislang nebeneinander existierten“, sagt Katherina Reiche, VKU-Hauptgeschäftsführerin. Die Frage ist: Wer wird da an den Hebeln sitzen und das Geld verdienen?

Dass der Umbruch gerade mit Vehemenz Fahrt aufnimmt, zeigt der überraschende Erfolg des interaktiven Lautsprechers Echo von Amazon im Weihnachtsgeschäft. Das Gerät, das derzeit weltweit ausverkauft ist, kann nicht nur per Sprachsteuerung Musik abspielen, sondern auch die Regie bei der Haustechnik übernehmen – Kühlgeräte und Waschmaschinen an- und ausschalten, die Heizung und die Beleuchtung regeln.

Amazon, aber auch Google, Microsoft und Apple wollen mit aller Macht in dieses Geschäft der sogenannten Smart-Home-Anwendungen einsteigen. Sie werden damit zu unmittelbaren Rivalen für Stadtwerke, die den Haushalten die Energie liefern und daran lukrative Dienstleistungen koppeln können.

„Uns geht es darum, einen Mehrwert aus den Daten zu generieren, die rund um den Strom- und den Gaszähler anfallen“, sagt Constantin Alsheimer, Chef der Frankfurter Mainova. Zähler etwa, die mit intelligenter IT verknüpft werden, könnten schon heute vollautomatisch billigen Strom und billiges Gas auch für private Haushalte einkaufen. Gleichzeitig könnten Stadtwerke durch eine kluge Preispolitik die Aus- und Belastung ihrer Netze optimieren.

Das wird auch möglich, wenn es in den Städten eine nennenswerte Zahl von Elektroautos gibt. Wenn sie parken, können sie als Zwischenspeicher genutzt werden und mittags, wenn der Bedarf groß ist, kurzzeitig Strom liefern. Halter könnten damit eines Tages sogar Geld verdienen. „Die kommunalen Unternehmen haben da als Integratoren große Chancen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und den Service für die Kunden zu verbessern“, sagte Reiche.

Ob das gelingen wird, hängt auch von der Beweglichkeit der Stadtwerke ab. Alsheimer räumt ein, dass es in seiner Branche bislang eher um „energiewirtschaftliche Kernprozesse ging, die vor allem an Versorgungssicherheit orientiert waren.“ Doch die jetzt vom VKU initiierten Zusammentreffen mit „Experten im Umgang mit Daten können viele neue Kräfte freisetzen“.

So hält es der Mainova-Chef für plausibel, künftig Paketangebote zu offerieren, die etwa Wohnen mit Mobilität verknüpfen. Zum Mietvertrag für eine Wohnung komme dann neben der Lieferung von Strom und Gas noch Carsharing – am besten natürlich mit E-Autos. Auf dem Feld der Mobilität sind indes die Autobauer gerade aufgewacht und entwickeln neue Fahrdienste. Die Frage ist, ob VW und Co. Rivalen oder Partner der Stadtwerke werden.

Bei den vier zurückliegenden „Design-Thinking-Workshops“ auf der VKU-Learning Journey jedenfalls sollen Gründer und Stadtwerke-Verantwortliche schon einige Folgetreffen vereinbart haben. Und eine Idee, die bei den Treffen entwickelt wurde, wird bereits online getestet: Enagree heißt das Produkt, das die regionale Direktvermarktung von Strom aus erneuerbaren Quellen angehen will, was Öko-Fans seit Langem fordern. Die Erzeuger beladen Batterien mit ihrem Wind- und Sonnenstrom. Die Akkus mit eingebauten Steckdosen werden den Kunden gebracht, um sie an Elektrogeräte anzuschließen. Leere Speicher gehen wieder zurück an die Stromproduzenten. Verbraucher, die Interesse haben, können sich schon jetzt auf der Enagree-Website registrieren.

Das Konzept werde derzeit einem realen Markttest unterzogen, erläutert VKU-Sprecher Carsten Wagner. „Wir können daraus Schlüsse für die Geschäftsmodell-Erprobung ziehen.“ Das Beispiel stehe für eine neue, schnellere Art und einen kostengünstigeren Weg, um Lösungen und Produkte zu testen.

Am 19. Januar wird die Learning Journey in Berlin abgeschlossen. Dann soll auch der „offizielle Launch“ der VKU-Innovationsplattform stattfinden, wo sich Start-ups und Stadtwerke künftig im Cyberspace treffen sollen. Mitte März sollen dann die fünf besten Gründer, die von VKU-Mitgliedern per Online-Abstimmung ermittelt werden, auf der Jahrestagung des Verbandes ihre Konzepte präsentieren.

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