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Das Smartphone als Unfallursache überlagert die positiven Entwicklungen, die die neuen Assistenzsysteme bringen.

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„Das Schöne ist: Es treten immer neue Risiken auf“

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R+V-Chef Norbert Rollinger über den Zustand der Lebensversicherer, neuartige digitale Produkte für Kunden und vernetzte Autos.

Norbert Rollinger arbeitet in einer Branche, die sich keiner großen Beliebtheit erfreut. Wer beschäftigt sich schon gerne mit Zukunftsfragen wie Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit oder Absicherung nach einem Unfall? „Der Kunde interessiert sich nicht so brandheiß für Versicherungen“, gibt auch der Chef des R+V Konzerns zu. Das genossenschaftliche Unternehmen war 2017 nach Beitragseinnahmen der fünftgrößte Versicherungskonzern der Republik. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht Rollinger über den Unfallverursacher Smartphone, neue Versicherungs-Konkurrenz durch Tech-Konzerne und die Zukunft der Lebensversicherung.

Herr Rollinger, der Ruf der Lebensversicherung hat im Zinstief schwer gelitten. Das scheint sich auch noch länger fortzusetzen als gedacht. Verschwindet gerade Ihr wichtigstes Produkt?
Nein, ganz im Gegenteil. Wir haben im Neugeschäft weiter ein schönes Wachstum. Natürlich sind die Renditen niedriger als früher, aber das gilt für alle sicheren Geldanlagen. Wie soll man denn sonst vorsorgen?

Verbraucherschützer halten die Lebensversicherung für eine besonders teure Form.
Wenn Sie jetzt einen Vertrag abschließen, liegt der Garantiezins bei 0,9 Prozent. Das ist schon mal ein Vielfaches von Bundesanleihen. Inklusive Überschussbeteiligung gibt es zurzeit insgesamt 2,6 bis 2,7 Prozent – ich finde, dass sich das sehen lassen kann. Aber natürlich bieten wir alle Vorsorgeprodukte an und klären in der Beratung, was für den jeweiligen Kunden passt. Der Altersvorsorgemarkt muss eigentlich wachsen, angesichts der Lage im Rentensystem gibt es einen hohen Bedarf. Das Schlimmste wäre, wenn die Leute glauben, dass es sich sowieso nicht lohnt. Sie dürfen sich nicht in die Konsumfalle locken lassen.

Die versprochene Rendite will erst einmal erwirtschaftet sein. Wo legt eine Versicherung eigentlich das Geld ihrer Kunden an?
Da muss man inzwischen schon sehr pfiffig sein – mit Bundesanleihen geht es nicht mehr. Wir investieren überdurchschnittlich in Aktien, aber auch in Infrastruktur und Auslandsanleihen. Es wird allerdings schwieriger, und wir können nur sehr kontrolliert Risiken eingehen. Wenn es an der Börse schlecht läuft, wird der eine oder andere das höhere Risiko dort spüren.

Die Börsen sind unsicher und der Nullzins geht in die Verlängerung. Müssen wir uns auf Schieflagen bei Versicherern einstellen?
Ich erwarte keine Lebensversicherung in Notlage. Die Aufsicht ist da sehr aktiv, und viele haben umgesteuert. 

Die Unternehmen müssen inzwischen dickere Kapitalpolster anlegen – die sogenannte Zinszusatzreserve. Nach Protesten der Branche gibt die Aufsicht dabei mehr Spielraum als geplant. Haben sich die Versicherer damit wirklich einen Gefallen getan?
Das ist eine sinnvolle Entlastung für die Kunden, die nun an höheren Erträgen beteiligt sind. Mit der ursprünglichen Regelung wäre man über das Ziel hinausgeschossen, das hätte Unternehmen und Kunden belastet.

Einige Versicherer ziehen sich aus der Lebensversicherung zurück und geben die Altverträge an spezialisierte Abwickler. Denken Sie auch darüber nach?
Ich will das nicht verurteilen, aber für uns ist es keine Option. Wir machen lieber Neugeschäft – und wir wollen unsere Kunden nicht in den Händen eines Finanzinvestors sehen.

Wie kann eine Versicherung in Europa heute überhaupt noch wachsen?
Wir sind im vergangenen Jahr in allen Sparten gewachsen. In der Kranken- und Sachversicherung mehr als fünf Prozent und im Lebengeschäft mit einem Prozent. Und durch die Digitalisierung ist der Versicherungsmarkt in Bewegung wie noch nie. Die R+V-Gruppe macht jetzt 16,9 Milliarden Euro Umsatz, in drei Jahren sollen es 20 Milliarden sein. Wachstum durch Wandel ist die Devise.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Ihr Geschäft aus?
Sie verändert Prozesse, Produkte, den Kundenkontakt – alles. Wir arbeiten dabei auch hart an der Digitalisierung der Bankassurance – also der Verbindung von Bank und Versicherung. Als Teil der genossenschaftlichen Finanzgruppe verbinden wir unsere Produkte mit denen der Volks- und Raiffeisenbanken, verzahnen Prozesse, werten Daten gemeinsam aus.

Gerade hat die R+V einen digitalen Versicherungsmanager für die Kunden von Volks- und Raiffeisenbanken angekündigt. Ist das so ein Beispiel?
Ja, die Kunden können ihre Versicherungsverträge – auch die von anderen Anbietern – in einer Anwendung mobil verwalten. Die von unserem Partner Friendsurance entwickelte Technik kann den Nutzern auch Hinweise geben, wie sie ihre Absicherung verbessern und an die aktuelle Lebenssituation anpassen können. Dafür analysiert die Software die Kontobewegungen im Onlinebanking. Das ist ein Meilenstein in unserer Zusammenarbeit mit den Volks- und Raiffeisenbanken.

Norbert Rollinger ist Chef von R+V.


Vielleicht wollen die Kunden diese Querverbindung zwischen Bank und Versicherung überhaupt nicht.
Ihre Zustimmung ist natürlich Voraussetzung. Die Kunden entscheiden über ihre Daten. Aber wir sind sehr zuversichtlich, dass die Kunden den Versicherungsmanager annehmen.

Worin besteht eigentlich dieser oft beschworene Datenschatz für eine Versicherung?
Es gibt verschiedene Ebenen. Der VR-Versicherungsmanager bringt Komfort und auf Wunsch auch das passendere Produkt. Ähnlich ist das bei einer Versicherung für Gewerbekunden, die deren Bonitätsdaten berücksichtigt. Man kann auch Schäden verhindern, indem man Sensordaten technischer Anlagen auswertet und rechtzeitig eingreift – auch das ist eine Form von Versicherungsschutz. Datenverlust und -diebstahl wird zu einem erheblichen Risiko, das abgesichert werden muss.

Wollen Sie Reihenhausbesitzern Cyberpolicen verkaufen?
Wenn praktisch alles vernetzt ist, wächst auch für Privatleute das Bedrohungspotenzial. Wir können durch Beratung auch helfen, Schäden zu verhindern. Teilweise geht es gar nicht zuerst um Geld – zum Beispiel bei Cybermobbing oder wenn kompromittierende Bilder gestohlen werden. Dann brauchen die Versicherten spezialisierte Rechtsanwälte oder Psychologen. Es ist ein klarer Trend, verschiedene Dienstleistungen jenseits der reinen Versicherung zu vernetzen.

Was passiert im Vertrieb? Ersetzt das Netz den Versicherungsmakler?
Bei den geplanten Wachstumsraten wird es eher mehr stationären Vertrieb geben. Unsere Mitarbeiter werden sich aber stärker auf Beratungsaufgaben konzentrieren. Die Versicherung bleibt oft erklärungsbedürftig, und sie verkauft sich nicht von selbst. Der Kunde interessiert sich nicht so brandheiß für Versicherungen. Aber alles was geht, werden wir schon aus Kostengründen digital machen.

Zur Person

Norbert Rollinger, 55, führt den R+V-Konzern mit Sitz in Wiesbaden und knapp 14 000 Mitarbeitern seit 2017. Der gebürtige Rheinländer mit Luxemburger Staatsangehörigkeit gehörte dem Vorstand der R+V Versicherung AG bereits seit 2009 an und hatte das Schaden- Unfall-Versicherungsgeschäft geführt. Der studierte Jurist und Betriebswirt hat seine Karriere bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft McKinsey begonnen. Anschließend arbeitete er bei der DBV-Winterthur Gruppe, der Axa und bei Generali. (FR)

Sie starten gerade zusammen mit Banken einen Online-Versicherungsmakler namens Wilhelm – wirklich Wilhelm?
Ja, wirklich – eine kleine Referenz an Friedrich Wilhelm Raiffeisen, den Mitbegründer des Genossenschaftswesens. Das ist ein Pilotprojekt zusammen mit 13 Genossenschaftsbanken. Wir reagieren damit auf veränderte Kundenwünsche: Der Betreuungsmix ändert sich, oft ist das Smartphone die schnellste und komfortabelste Lösung. Bei Wilhelm kann man Versicherungen abschließen, die Verträge im Blick behalten, Angebote vergleichen.

Das können die Apps von irgendwelchen Start-ups auch.
Die können aber den Rest nicht. Wir haben das komplette Versicherungspaket. Es wird in nächster Zeit noch einige Projekte in dieser Richtung geben – auch zusammen mit Start-ups. Die Szene spielt eine ganz große Rolle. Sie haben oft pfiffige Features, aber keine Kunden.

Welche Produkte gehen denn zuerst ins Internet?
An erster Stelle die Kfz-Versicherung, weil sie sehr standardisiert ist. Auch Policen, die an andere Produkte gekoppelt sind, sind dafür geeignet – Handy- oder Reiseversicherungen, zum Beispiel.

Im Moment ist viel vom vernetzten Auto die Rede – schafft das auch neue Risiken oder macht es die Versicherung im Gegenteil überflüssig?
Wir freuen uns auf Elektro- und vernetzte Autos. Die bauen aber ja leider auch Unfälle. Und bis sie wirklich vollautonom fahren, dauert es noch Jahrzehnte. Wir sehen durch neue Assistenzsysteme durchaus positive Entwicklungen, leider werden sie überlagert vom Smartphone als neuer Unfallursache – wir sind dem Gesetzgeber sehr dankbar, dass die Nutzung am Steuer jetzt härter bestraft wird.

An der Vernetzung der Autos wollen auch die Hersteller verdienen. Es scheint, als kämpften in der Digitalwirtschaft alle auf dem gleichen Markt.
Natürlich gibt es ein Spannungsverhältnis zu den Herstellern. Im Auto entstehen viele Daten, mit denen die Hersteller Geschäft machen möchten. Wir haben als Versicherungswirtschaft keine ganz einfachen Diskussionen mit dem Verband der Automobilindustrie und auch dem ADAC. Die Autodaten gehören den Kunden, nach meiner Überzeugung müssen sie an eine neutrale Stelle gehen. Wir werden nicht zulassen, dass sie den Kunden auf Umwegen wieder verkauft werden. Der Kunde muss die Hoheit über seine Daten haben.

Die Datenauswertung dominieren längst andere. Werden Tech-Riesen mit ihren Onlineplattformen die klassischen Versicherer verdrängen?
Man redet uns immer tot, aber das Schöne ist: Es treten immer neue Risiken auf. Was die Tech-Konzerne angeht: Ich glaube nicht, dass sie ans eigentliche Versicherungsgeschäft herangehen. Das verbindet hohen Kapitaleinsatz mit überschaubarer Rendite, daran haben diese Konzerne wenig Interesse. Aber das ändert nichts an der Bedrohung, denn sie werden versuchen, sich den angenehmen Teil zu sichern – den Kundenkontakt. Den aufwendigen Teil überlassen sie dann uns. Es ist eine der großen Gefahren, dass wir zu Zulieferern für irgendwelche Plattformen degradiert werden.

Wie kann man sich dagegen wehren?
Zum Beispiel sind wir nicht in Datenschutzskandale verwickelt. Die genossenschaftliche Finanzgruppe genießt viel Vertrauen, das hilft. Aber wir müssen in der Transformation noch viel tun.

Aber am Ende sind die Versicherer ein weiterer der vielen neuen Datensammler, oder?
Die Kunden wägen durchaus ab, welche Vorteile sie für ihre Daten bekommen. Ob das ein günstigerer Preis ist, irgendeine Form von Feedback oder ein gutes Gewissen – das ist bei jedem anders. Wir dürfen als Versicherer die Daten nicht vernachlässigen, da steckt Musik drin. Aber wir stehen mit den Auswertungstechniken noch am Anfang und müssen erst einmal sehen, was sie können.

Interview: Stefan Winter

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