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Schockwellen aus den USA

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Von: Stephan Kaufmann

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Fischmarkt in Dhaka. Bangladesh hat aus Sorge vor einem Zahlungsausfall bereits um Hilfe des Internationalen Währungsfonds gebeten.
Fischmarkt in Dhaka. Bangladesh hat aus Sorge vor einem Zahlungsausfall bereits um Hilfe des Internationalen Währungsfonds gebeten. © afp

Um die Inflation einzudämmen, dreht die Notenbank Fed weiter an der Zinsschraube, Der Schritt könnte viele Entwicklungs- und Schwellenländer in eine Schuldenkrise stürzen.

Am Mittwoch richtet die Wirtschaftswelt ihre Augen auf die USA. Denn dort trifft das Direktorium der Notenbank Fed zusammen. Erwartet wird eine weitere drastische Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte, vielleicht auch um 1,0. Mit ihrem aggressiven Vorgehen will die Fed die hohe Inflationsrate drücken und ist auch bereit, die US-Wirtschaft dafür schrumpfen zu lassen.

Da der US-Dollar der Fixstern des Weltfinanzsystems ist, setzt die Notenbank mit ihrer Politik auch den Maßstab für alle anderen Länder. Mit den rasant steigenden Zinsen und dem starken Dollar geraten nun viele ärmere Länder unter Druck, die hoch verschuldet sind und mit Nahrungsmittel- und Energiekrisen zu kämpfen haben.

Anstieg der Leitzinsen: Fed nimmt eine Rezession in Kauf

In den Vereinigten Staaten lag die Inflationsrate im August bei 8,3 Prozent und damit unerwartet hoch. Anders als in Europa ist die Teuerung nicht vorwiegend auf die Energiepreise zurückzuführen, da die USA sich quasi selbst mit preiswertem Gas versorgen. Auch unter Herausrechnung der Preise für Energie und Lebensmittel lag die Inflationsrate zuletzt bei 6,3 Prozent und damit weit unter dem Notenbankzielwert von rund zwei Prozent.

Um die Inflation zu drücken, hat die Fed bereits ihre Leitzinsen auf 2,5 Prozent angehoben. Diese Woche geht es abermals nach oben. „Offenbar versucht die Notenbank, die Versäumnisse des letzten Jahres wettzumachen, in dem sie die Zinswende trotz der stark steigenden Inflationsrate sehr zögerlich angegangen war“, erklärt die Commerzbank, die die US-Leitzinsen Ende dieses Jahres bei vier Prozent sieht. Damit will die Fed die Konjunktur bremsen, die Arbeitslosigkeit erhöhen und so die Nachfrage senken – eine Rezession ist möglich.

Die Folgen der steigenden Zinsen bleiben nicht auf die USA beschränkt. Denn die Rendite von US-amerikanischen Staatsanleihen dienen Anlegern weltweit als Messlatte dafür, was Geld derzeit bringen muss. Und diese Latte wird nun höher gelegt: Betrug die Rendite von zweijährigen Dollar-Anleihen vor einem Jahr noch 0,02 Prozent, so sind es derzeit fast 3,8 Prozent.

Schuldenkrise

Als Lateinamerikakrise bezeichnet man die Schuldenkrise lateinamerikanischer Staaten in den 1980er Jahren. Die Länder Lateinamerikas erreichten in dieser Periode einen Punkt, an dem ihre Auslandsverschuldung weit höher war als die Wirtschaftskraft ihrer Volkswirtschaften und sie somit über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse gelebt hatten. Die Folge war die Einstellung des Schuldendienstes gegenüber ausländischen Gläubigern. Die Lateinamerikakrise war die erste große internationale Finanzkrise. FR

Die steigenden Renditen ziehen Kapital in die Vereinigten Staaten. Wer am globalen Kapitalmarkt Kredit aufnehmen will, muss mit dem US-Angebot mithalten. „Dadurch setzt die Fed im Grunde das Zinsniveau für die ganze Welt“, erklärt Marcus Ashworth vom Finanzinformationsdienst Bloomberg – und ein Teil der Welt werde das kaum aushalten. Denn nicht überall können stark steigende Zinsen geschultert werden. „Die Wahrheit ist: Nicht jede Ökonomie braucht höhere Kreditkosten, um die Nachfrage zu drücken. Vielfach ist die Inflationsrate eine Folge von Angebotsengpässen“ – sprich: von hohen Rohstoffkosten. Und gegen die helfen hohe Zinsen nicht.

Der steigende Dollar macht den Schuldendienst teurer

Der Zinsanstieg in den USA lässt zum einen den Dollar aufwerten: Der Euro ist unter die Parität gefallen, das britische Pfund ist so schwach wie zuletzt in der Währungskrise der Neunzigerjahre, der japanische Yen hat in den vergangenen zwölf Monaten ein Viertel gegenüber der US-Devise eingebüßt. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer geraten nun über verschiedene Seiten in die Klemme: Sie müssen ihre Zinsen erhöhen, um Kapital anzulocken. Ihre Schulden sind in den Pandemiejahren ohnehin angestiegen. Da ein großer Teil ihrer Schulden auf Dollar lautet, macht der steigende Dollar ihren Schuldendienst zusätzlich teurer. Die Aussicht auf eine schwache Konjunktur in den Industrieländern hat viele Rohstoffpreise sinken lassen, was die Erträge der Rohstoffexporteure schrumpfen lässt. Für die Rohstoffimporteure macht der starke Dollar wiederum die Einfuhren teurer.

„Ein steigender Dollar in Kombination mit höheren Zinsen und langsamerem Wirtschaftswachstum macht viele Entwicklungs- und Schwellenländer sehr verletzlich“, warnt der Ökonom Maurice Obstfeld, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs, verspannten Lieferketten und hohen Lebensmittelpreisen könne der laufende „Dollar-Zyklus“ sehr düster werden. Ayhan Kose, Chefökonom und Direktor der Prospects Group der Weltbank, warnte jüngst vor einer Wiederholung der Schuldenkrise der 80er Jahre, da weniger entwickelte Staaten von hohen Schulden, der Preisbeschleunigung und einer schwachen Finanzposition erdrückt würden. Sri Lanka, Bangladesch und Ghana haben sich bereits an den IWF um Hilfe gewandt. Pakistan kämpft darum, einen Zahlungsausfall auf seine Schulden zu vermeiden.

Schulden der Schwellenländer, in Billionen Dollar.
Schulden der Schwellenländer © FR-Layout

Besonders schwierig ist die Lage für jene Länder, die nicht nur hoch verschuldet sind, sondern auch in einer Nahrungsmittelkrise stecken. „Hohe Lebensmittelpreise stellen ein großes Risiko für das Wachstum und die Finanzstabilität vieler Entwicklungsländer dar“, so das internationale Bankeninstitut IIF. Von den derzeit 35 Staaten, die eine ernste Nahrungsmittelkrise erleben, bewegen sich laut IIF 16 an der Grenze zur Überschuldung, darunter Afghanistan, Kamerun, Äthiopien, Kenia und Sambia. Die meisten dieser Staaten hätten in den vergangenen Jahren ihre Staatsschulden deutlich erhöht.

Während also die Länder der Eurozone die Auswirkungen der hohen Inflation auf ihre Bevölkerung per kreditfinanzierten Maßnahmen halbwegs abfedern können, sind den Regierungen ärmerer Staaten die Hände gebunden. Zwar lebt in der Region Lateinamerika/Karibik rund ein Drittel der Menschen von nur 1,90 Dollar am Tag und gilt damit als arm. Doch müssen die Staaten angesichts steigender Zinsen und fallender Landeswährung um ihre Kreditwürdigkeit fürchten. „Ihnen fehlen die Ressourcen, die Europa und Nordamerika zur Verfügung stehen“, so Ashworth.

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