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Am 1. Juli 1990 herrschte ein Riesenandrang auf die Ost-Berliner Deutsche Bank, als die Ost-Mark in die D-Mark umgetauscht werden konnte. Als die Scheiben barsten, gab es Verletzte.

Währungsunion

Schocktherapie vor 25 Jahren

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Vor 25 Jahren ist die D-Mark über Nacht im Osten angekommen. Die damalige Bundesregierung zog in atemberaubenden Tempo ihren Plan durch - doch die Folgen der Währungsunion sind bis heute nicht überwunden.

Joachim Corsalli war der erste. Vor 25 Jahren, am 1. Juli 1990 um 0 Uhr, öffneten die Banken am Berliner Alexanderplatz. Corsalli hatte sich bereits um 17 Uhr mit seiner Thermosflasche vor dem Eingang postiert. Umringt von Pressefotografen tauschte der 41-Jährige um Mitternacht seine ersparten Ostmark gegen 2000 West-Mark um. Die D-Mark war im Osten angekommen und versprach den Menschen Reichtum, Autos, Computer, Wohlstand. Doch mit ihr kam der Kapitalismus, der die DDR-Wirtschaft ruinierte. Überrascht hat das die Ostdeutschen, die Experten jedoch nicht.

Als im November 1989 die Mauer fiel, läutete dies das Ende der realsozialistischen Wirtschaft ein. Es begann der große Strom gen Westen: Im November wanderten 73 000 Ostdeutsche in die Bundesrepublik ab, im Dezember waren es 59 000 und von Januar bis März nochmal monatlich 50 000. Die DDR blutete aus. Zwar gab es damals Ideen und Pläne, wie die DDR schrittweise an die Marktwirtschaft herangeführt werden könnte. Doch die Auswanderungswelle machte all diese Pläne zunichte.

Die Idee einer Währungsunion kam schon Ende 1989 auf. Als die Bundesregierung ihren Vorschlag am 6. Februar 1990 präsentierte, waren alle jedoch komplett überrascht. Noch am selben Tag hatte die Bundesbankchef Karl Otto Pöhl auf die Frage nach der Währungsunion geantwortet: „Kommt überhaupt nicht in Frage“. Zuvor müsse die DDR-Wirtschaft umgebaut werden, um auf die D-Mark vorbereitet zu sein.

Warnungen gab es genug. Der Sachverständigenrat – die „Wirtschaftsweisen“ – schrieben am 9. Februar an Kanzler Helmut Kohl: „Zwar bedarf es eines deutlichen Zeichens, das den Bewohnern der DDR Hoffnung auf eine schnelle Besserung ihrer Lebensverhältnisse verheißt und sie veranlasst, in der Heimat zu bleiben.“ Doch „es ist wohl unvermeidlich, dass die Einführung der D-Mark bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken muss, mit der Währungsunion sei auch der Anschluss an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt. Davon kann jedoch keine Rede sein.“ Auf den Staatshaushalt kämen „riesige Belastungen zu“.

Die Weisen sollten recht behalten. Doch die Bundesregierung zog den Plan durch, in atemberaubendem Tempo. Zum einen musste die Abwanderung gestoppt werden – auf den Straßen skandierten die Demonstranten „Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, gehen wir zu ihr“. Gleichzeitig wurde die Währungsunion „von der Bundesregierung forciert, und der DDR-Bevölkerung wurden für den Fall der Einheit blühende Landschaften versprochen“, schreibt Karl Brenke, Ökonom vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das damals zu einer Zwei-Staaten-Lösung riet. „Zentrales Motiv war es, möglichst rasch die Wiedervereinigung zu erreichen.“ Angesichts der labilen Lage in der Sowjetunion wollte die Bundesregierung „durch eine schnelle Währungsunion einen nicht umkehrbaren Prozess einleiten“, so Brenke.

Mit dem Beschluss zur Währungsunion – faktisch der Ersetzung der Ostmark durch die D-Mark – lag die Frage nach dem Umtauschkurs auf dem Tisch. Und damit eine Frage, die nicht zu beantworten war: Welchen Wert hat die Ostmark? Einen Markt-Wechselkurs gab es nicht. Vergleiche der Preisniveaus in Ost und West waren sinnlos, da die Preise im Osten keine marktwirtschaftlichen waren. Überhaupt war die DDR-Mark kein kapitalistisches Geld, sondern eine Verrechnungseinheit, mit der der Staat die Verteilung zu steuern versuchte. Also was tun?

Umtauschkurs löst Konsumrausch aus

„Die DDR-Bevölkerung erwartete einen Umtauschkurs von 1:1“, so Brenke. Das DIW empfahl damals einen Tauschkurs 1:5, die Bundesbank 1:2, andere Experten 1:4. Ihre Argumente: Bei einem Tausch von 1:1 werde zum einen der Osten mit Geld überschüttet, es drohe ein Konsumrausch und damit unkontrollierbare Inflation. Zum anderen würde die Produktion in Ost-Betrieben schlagartig teurer. „Hochproduktive westliche Unternehmen drängen dann auf den DDR-Markt“, warnte im April 1990 der Wirtschaftsweise Rüdiger Pohl. „Unter dem Druck des Wettbewerbs werden nicht wenige DDR-Unternehmen ihre Pforten schließen.“

„Nicht wenige Betriebe“ sollte sich als zu optimistisch herausstellen. Die Bundesregierung legte allen Warnungen zum Trotz im April 1990 den Kurs 1:1 fest. Zu diesem Kurs wurden laufende Einkommen wie Löhne, Mieten, Renten umgetauscht. Bei Vermögen gab es gestaffelte Kurse, je nach Lebensalter. In den folgenden Wochen rollten Hunderte von Lastern mit D-Mark-Scheinen und -Münzen im Wert von 28 Milliarden Mark gen Osten, oftmals getarnt als Gütertransporte. Die Ost-Münzen wurden zu Aluminium-Barren eingeschmolzen, die Scheine in Stollen bei Halberstadt verbracht, zum Verrotten.

Zu einem Kaufrausch kam es tatsächlich – die Ostdeutschen rissen sich um Autos und Unterhaltungselektronik der West-Betriebe, deren Auftragsbücher anschwollen. Doch der Rausch währte kurz, schon im September ging der Konsum zurück. Das hatte einen Grund: Die Währungsunion „wirkte wie eine Neutronenbombe auf die DDR-Wirtschaft“, so der Ökonom Ulrich Busch.

Konfrontiert mit einer realen Aufwertung von 300 bis 400 Prozent, gingen die Ostbetriebe unter. Sie waren weniger produktiv als ihre West-Konkurrenz, ihre Produkte waren oftmals teurer, von schlechterer Qualität, ihr Image lausig. Ihre Absatzmärkte in Osteuropa brachen weg. Dazu kam: Mit der Währungsumstellung verwandelten sich die Schulden der Betriebe von einfachen Rechnungseinheiten in echte marktwirtschaftliche D-Mark-Kredite, die zu marktüblichen Konditionen verzinst und bedient werden mussten. Und schließlich stiegen die Löhne in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung stark an. Denn die Politik zielte auf rasche Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West. Die Gewerkschaften wiederum wollten das Entstehen einer Niedriglohnzone im eigenen Land verhindern.

Das Ergebnis: Die Wirtschaftsleistung der DDR brach in wenigen Monaten um ein Drittel ein, die Industrieproduktion halbierte sich binnen weniger Wochen, „ein historisch wohl einmaliger Vorgang“, so Brenke. Die Arbeitslosigkeit im Osten schoss in die Höhe – bis Ende 1990 verlor fast ein Drittel aller Erwerbstätigen seinen Job. Die Stimmung kippte: „Die Wessis waren schlauer, das Geld ist jetzt die Mauer“, hieß es. In den ersten 20 Jahren nach der Wiedervereinigung pumpte der Westen rund 1500 Milliarden Euro in den Osten, in Sozialsysteme und Infrastruktur. Doch noch heute liegt die Wirtschaftsleistung pro Kopf dort bei nur 70 Prozent des West-Niveaus.

Hätte es eine Alternative zur Schocktherapie gegeben? Theoretisch wäre eine schrittweise Annäherung der beiden Systeme denkbar gewesen: Erhalt der zwei Staaten, Bindung der Ostmark an die Westmark, Unterstützungskredite, Schutz der ostdeutschen Industrie vor ausländischer Konkurrenz, Eindämmung der Auswanderung. Politisch jedoch wurde anders entschieden – ob zurecht oder nicht, darüber streiten die Experten noch heute.

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