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Schneller als die Kanzlerin

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Von: Tim Szent-Ivanyi

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Telekom-Chef René Obermann und United-Internet-Chef Ralph Dommermuth präsentieren die neue Initiative.
Telekom-Chef René Obermann und United-Internet-Chef Ralph Dommermuth präsentieren die neue Initiative. © rtr

Telekom und United Internet reagieren auf Spähskandal mit mehr Schutz für Emails. Während Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Brancheninitiative begrüßt, kritisieren Netzaktivisten das Angebot.

Telekom und United Internet reagieren auf Spähskandal mit mehr Schutz für Emails. Während Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Brancheninitiative begrüßt, kritisieren Netzaktivisten das Angebot.

Die großen E-Mail-Anbieter in Deutschland ziehen Konsequenzen aus den Schnüffeleien der amerikanischen und britischen Geheimdienste: Seit dem Freitag wird der Mail-Verkehr von rund 35 Millionen Kunden verschlüsselt. „Bisher wurde die E-Mail mit einer Postkarte verglichen. Wir machen nun einen Umschlag herum“, sagte Telekom-Chef René Obermann, der die Initiative gemeinsam mit dem Konkurrenten United Internet in Berlin vorstellte. Nutznießer sind zunächst die Kunden von T-Online, web.de und GMX. Das sind zwei Drittel aller Deutschen mit einer E-Mail-Adresse.

Beide Unternehmen versprechen im Rahmen ihrer Initiative „E-Mail made in Germany“, die Mails nur in deutschen Rechenzentren zu speichern und den Verkehr zwischen diesen Servern zu codieren. Auch der Weg vom Nutzer zu den Rechnern der Unternehmen wird verschlüsselt, wenn die Kunden auf ihr E-Mail-Konto über eine Smartphone-App oder die Web-Oberfläche des Anbieters zugreifen.

Experten weisen auf Schwachstelle hin

Benutzen sie ein E-Mail-Programm wie zum Beispiel Microsoft Outlook, muss jeder Nutzer per Hand die Verschlüsselungstechnik SSL einstellen. Diese Technologie gilt derzeit als nicht entschlüsselbar. Codiert wird nicht nur der eigentliche Text in der Mail, sondern auch alle Anhänge und Informationen über Zeiten, Absender und Empfänger. Ein Sicherheitsmanager der Telekom verglich den Transportweg mit einem Rohr, durch das eine Mail geschickt werde. Das Rohr sei nun undurchsichtig.

Die Mails bleiben auch dann für Fremde unlesbar, wenn die Datenpakete den Weg über das Ausland nehmen. Geht die elektronische Post jedoch an die Adresse anderer Mail-Anbieter, ist die Verschlüsselung nicht mehr gewährleistet. United-Internet-Chef Ralph Dommermuth räumte ein, die Verschlüsselung auch zur Gewinnung neuer Kunden zu nutzen: „Wir machen aus der Bedrohung eine Chance.“ Er und Obermann luden aber ausdrücklich andere Firmen ein, der Initiative beizutreten.

Technikexperten haben allerdings eine Schwachstelle ausgemacht. Nach wie vor werden die E-Mails unverschlüsselt in den Rechenzentren gespeichert, weil die Nachrichten nur auf dem Transportweg codiert werden. „Hier wird dem Nutzer eine Sicherheit vorgegaukelt, die es gar nicht gibt“, sagte Falk Garbsch vom Chaos Computer Club der Frankfurter Rundschau. Denn auf diese Rechner könnten auch Geheimdienste zugreifen. Das wies Obermann jedoch zurück. Er verwies darauf, dass ein Zugriff auf die Daten nach deutschem Recht legal nur auf richterliche Anordnung möglich ist.

Kritik von Netzaktivisten

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) begrüßte die Brancheninitiative: „Mit dieser Verschlüsselung werden die Zugriffsmöglichkeiten Unberechtigter weiter erschwert.“ Er sehe darin eine sinnvolle Ergänzung zu der bereits seit über einem Jahr bestehenden De-Mail.

Auch der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar, befürwortete die Aktion: „Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass sich die beiden wichtigsten deutschen Anbieter von E-Mail-Diensten auf einen gemeinsamen Verschlüsselungsstandard geeinigt haben, den die Nutzer ohne besondere zusätzliche Fachkenntnisse in Anspruch nehmen können“, so Schaar.

Auch wenn es sich dabei – wie bei De-Mail – nicht um eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung handele, werde die Kommunikation im Vergleich zu unverschlüsselter E-Mail besser gegen unberechtigte Kenntnisnahme geschützt. Netzaktivisten kritisierten dagegen das Angebot als überflüssige Marketing-Aktion. Die Unternehmen „schließen lediglich zwei existierende Sicherheitslücken“, schrieb „Netzpolitik.org“. Das allein mache die E-Mail-Kommunikation nicht sicherer. „Viele Mail-Anbieter erlauben seit Jahren nur noch verschlüsselte Verbindungen.“ (mit dpa)

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