+
Augenbinde, Waage, Richtschwert - so zeigt sich Justitia. Immer mehr Legal-Tech-Firmen setzten auch künstliche Intelligenz ein.

Start-up Advocado

Schnell beim Anwalt

  • schließen

Das junge Unternehmen Advocado nutzt einen Algorithmus, um Mandanten und Juristen zusammenzubringen. Die Legal-Tech-Szene wächst auch hierzulande.

Ein Rechtsproblem – die passende Lösung: Schön wär’s, sagen sich viele, die auf der Suche nach dem richtigen Anwalt verzweifeln. Oft ist es nicht leicht, die Expertin für den eigenen Streitfall zu finden. Dabei ist der Zugang zu Recht ein wichtiges Gut. „Viele Verbraucher wissen nicht, was die richtige Lösung für ihr Rechtsproblem ist und an wen sie sich wenden können für Hilfe“, sagt Maximilian Block. Mit Advocado will er das Problem lösen. Die Firma aus Greifswald vermittelt im Netz Rechtsanwälte und gehört damit zur wachsenden Legal-Tech-Szene, die mit Hilfe neuer Technologien Dienstleistungen anbietet, die herkömmliche Kanzleien aus Kostengründen nicht offerieren können.

Den richtigen Anwalt findet Advocado durch einen Matching-Prozess: Der Nutzer beantwortet online einen Fragebogen. Ein Algorithmus wertet die Antworten aus und vergleicht das Ergebnis mit dem Profil der registrierten Anwälte. „Das läuft alles vollautomatisiert ab“, erklärt Block.

Die erste Einschätzung des vermittelten Rechtsanwalts ist kostenlos. Eine Pflicht, anschließend einen Vertrag abzuschließen, gibt es nicht. „Wir sind nicht bestrebt, die Kunden in ein Mandat zu drücken, wenn es nicht erforderlich ist“, betont Block.

Nach dem ersten Kontakt verlassen Mandant und Anwalt die Plattform nicht. „Wir begleiten den Verbraucher durch den ganzen Prozess“, so Block. Gleichzeitig hilft Advocado auch den Anwälten – etwa indem es die Mandanten daran erinnert, bestimmte Unterlagen vorzulegen. „Der Anwalt kann sich also komplett auf das Rechtsproblem konzentrieren“, sagt Block. Advocado bietet den Anwälten so nicht nur die Vermittlung von Mandanten an, sondern unterstützt sie bei der Verwaltung ihrer Mandate und wickelt den Zahlungsverkehr ab.

Bislang passierte all das am klassischen Rechner, nun ist es auch per Smartphone möglich: Mit einer App können Verbraucher anwaltlich geprüfte Dokumente erstellen, Anfragen und Ansprüche versenden. Zum Beispiel, wenn der Flug ausfällt oder verspätet ist. Erstattet die Fluggesellschaft die Kosten, fließt das Geld laut Advocado an den Nutzer. Erst wenn die Ansprüche abgewiesen werden und eine Anwältin eingreifen muss, entstehen Kosten.

Viele rechtliche Streitigkeiten berühren intime Lebensbereiche: Es geht um Unterhalt für die Kinder, Streit ums Erbe oder die Kündigung nach vielen Jahren im Betrieb. Wie will Advocado Vertrauen schaffen, wenn sich Mandantin und Anwalt nicht in die Augen schauen können? Können sie doch, sagt Advocado-CEO Block: „Videoberatung Face-to-Face ist ohne Probleme möglich. Die Anwältin und ihr Mandant können also zusammen Kaffee trinken, wenn auch nicht aus der gleichen Kanne.“

Advocado-Chef Block: „Auch Video-Beratung ist möglich.“

Rund 50 000 Mandanten hat Advocado mit seinen 50 Mitarbeitern nach eigenen Angaben bereits vermittelt. Mit rund 350 Kanzleien und 3000 Anwälten arbeitet das Unternehmen zusammen. Die Anwälte zahlen einen festen Servicebeitrag und einen variablen Preis, der sich nach dem monatlichen Transaktionsvolumen berechnet – also nach der Zahl der Mandate. Der Preis, den die Mandanten nach dem kostenfreien Erstgespräch zahlen müssen, richtet sich nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz.

Advocado ging 2014 an den Start. „Damals hat uns niemand für voll genommen“, blickt Block zurück. Auch heute seien viele Menschen in der Rechtsbranche noch skeptisch. Inzwischen hätten viele Anwälte aber erkannt, dass sie sich mit Hilfe von Advocado besser und einfacher spezialisieren könnten – auch abseits der großen Städte. „Niemand muss am Kudamm präsent sein. Stattdessen kann sich jeder dort entfalten, wo er will. Ein guter Internetzugang reicht.“

Auch andere Anbieter werben im Netz um Kunden: Anwalt.de listet Anwälte unter anderem nach Fachgebieten auf und bietet Rechtshilfe zu Festpreisen an. Auf frag-einen-anwalt.de beantworten Rechtsanwälte Nutzerfragen. „Sie bestimmen die Anwaltskosten selbst“, wirbt die Seite. Nutzer stellen dort ihre Frage und machen gleichzeitig ein Preisangebot. Die Anwälte entscheiden, ob sie für diesen Preis arbeiten möchten. Der Mindesteinsatz für eine Frage sind 25 Euro.

Die Plattform 123recht.de hat den Anspruch, „Erste Hilfe in Rechtsfragen“ zu leisten. Dort können Nutzer unter anderem Muster und Vorlagen für Verträge kaufen – zum Beispiel eine Kündigung des Mietvertrags.

Diese Angebote sind Teil der deutschen Legal-Tech-Szene – also solcher jungen Unternehmen, die das Internet und neue Technologien in das Recht hineintragen. Im Vergleich zu anderen Branchen standen Juristen und Kanzleien der Digitalisierung bislang meist reserviert gegenüber. „Viele Anwälte verstecken sich hinter ihren Normen. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Viele Legal Techs haben Wege gefunden, ihre Angebote an den Markt zu bringen“, fasst Advocado-Gründer Block zusammen.

Die Legal-Tech-Gründer argumentieren, dass ihre Angebote den Zugang zum Recht deutlich verbessern. Mit Hilfe neuer Technologien bieten sie Dienstleistungen an, die herkömmliche Kanzleien aus Kostengründen nicht offerieren können. Gemäß einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) ist es oft die Furcht vor den Kosten eines Rechtsstreits, die viele Verbraucher keine Anwälte beauftragen lässt. Viele Legal Techs verlangen hingegen nur im Erfolgsfall eine Provision.

In Deutschland sind Legal-Tech-Unternehmen noch Exoten in den Nischen des Rechtsmarkts, in den Vereinigten Staaten legen Investoren bereits riesige Summen für sie auf den Tisch: 500 Millionen Dollar investierte eine Gruppe von Unternehmern im vergangenen Jahr in den amerikanischen Rechtsdienstleister Legal Zoom.

Mit Unternehmen wie Legal Zoom führen die Vereinigten Staaten das Rennen um künstliche Intelligenz an: Etwa 40 Prozent aller KI-Unternehmen sitzen in den USA, analysierte die Unternehmensberatung Roland Berger.

Lange haben Juristen gestritten, ob das Geschäftsmodell vieler juristischer Start-ups rechtmäßig ist: Viele Legal Techs sind als Inkassodienstleister zugelassen. Sie agieren damit in einer rechtlichen Grauzone, denn die selbstständige Erbringung außergerichtlicher Dienstleistungen ist in Deutschland verboten.

Im November entschieden die Richter des Bundesgerichtshof dann, dass das Geschäftsmodell des Berliner Legal-Tech-Unternehmens wenigermiete.de erlaubt ist. Verbraucher können dort die Mietpreisbremse durchsetzen und gegen Mieterhöhungen oder Kündigungen vorgehen. Sie treten ihre Ansprüche aus dem Mietverhältnis an wenigermiete.de ab, das die Forderungen dann gegenüber dem Vermieter geltend macht.

Advocado wäre auch von einem negativen BGH-Urteil nicht betroffen gewesen: Die Greifswälder nutzen ein anderes Geschäftsmodell und leisten selbst keine juristische Beratung. Doch das könnte sich ändern: Künftig könnten einfach gestrickte Rechtsfälle auch bei Advocado ohne menschliche Anwälte bearbeitet werden. „Wir denken darüber nach“, sagt Block. Anwälte sollen aber als Partner nicht verdrängt werden, betont der CEO. Wenn sie sich nicht mehr um Kleinigkeiten wie Schadensersatz für verspätete Flieger kümmern müssen, bleibt Zeit für kompliziertere Fälle, so der Plan.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare