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Letzter Schliff: Schmuckproduzentin Veronica Rachiedo.
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Letzter Schliff: Schmuckproduzentin Veronica Rachiedo.

Kenia

Schmuck aus dem Slum

  • Oliver Ristau
    vonOliver Ristau
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Kunsthandwerk ist eine wichtige Säule für die lokale Wirtschaft in Entwicklungsländern. In Nairobi können Kunsthandwerker:innen ihre Ware jetzt auch online in alle Welt verkaufen.

Veronica Rachiedo sitzt auf ihrem Schemel und treibt ihre Schleifscheibe an. Neben ihr auf einem kleinen Platz rotieren die Maschinen ihrer Mitarbeiter. In der Luft liegt der Geruch von Metall. Der Himmel wölbt sich blau über den Blechwänden von Kibera, dem größten Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi.

Veronica poliert einen Ring. Die Kollegen arbeiten an Ketten und Armreifen. Die 37-Jährige ist Schmuckproduzentin. Sie stellt die Stücke aus Messing, Horn und Holz selbst her – in einer Schmiede gleich um die Ecke, wo sie über einer Feuerstelle Altmessing zum Glühen bringt. Ihre Kunden stammen aus Nairobi, den USA und Europa. Einer ihrer größten Abnehmer ist der Onlinehändler Soko. Die US-kenianische Firma bietet Schmuck lokaler Kunsthandwerker:innen weltweit an. In Deutschland sind die Stücke über große Internethändler zu kaufen.

In Kibera leben geschätzt rund eine Million Menschen – auch Veronica mit ihrer Mutter und ihren Nichten. Sie zeigt die Gänge hinunter, tief in das Labyrinth aus Hütten hinein. Obwohl sie fünf Mitarbeiter beschäftigt und monatlich umgerechnet rund 1000 Euro umsetzt, hat sie nicht vor, ihr Zuhause für eines der „besseren“ Viertel Nairobis zu verlassen. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt sie. Nach Auskunft von Soko verdienen die Schmuckhandwerker und -handwerkerinnen rund fünfmal mehr als den kenianischen Durchschnittslohn.

Vis-à-vis arbeiten Nicholas Origi und sein Partner. Ein paar Schemel, Werkzeuge, eine Werkbank und ein Schweißgerät mit Schutzblech stehen in ihrer Werkstatt. Der Boden ist gestampfter Lehm, die Wände sind aus Holz. Vor drei Jahren haben beide aus der Not eine Tugend gemacht. „Wir hatten unseren Job bei einer Handelsfirma verloren“, erinnert sich Origi. „Heute bin ich für die Entlassung dankbar.“ Mit seinen Einnahmen habe er die Maschinen innerhalb von zwei Jahren abbezahlt, die Soko ihm vorfinanziert hatte. Nein, ein Auto oder eine Reise seien nicht das, was er mit seinem Geld künftig kaufen wolle, sagt er. „Ich will mein Geschäft ausbauen und als nächstes in eine Schneidemaschine investieren.“

Wegen Corona braucht er noch Geduld. „Eigentlich hätten die Kunsthandwerker jetzt alle Hände voll zu tun“, sagt Medinah Ndayah. Sie betreut für Soko die Künstlerinnen und Künstler, fragt nach Bedürfnissen und prüft Arbeitsschutzbedingungen. Jetzt zur Vorweihnachtszeit sei es ruhiger als etwa im Vorjahr „Die Aufträge kommen deutlich seltener. Die Situation ist nicht so gut, aber auch nicht allzu schlecht.“

Jede Order geht bei den Schmieden per Smartphone ein. Dafür hat das zehnköpfige IT-Team von Soko in Kenia eine eigene App entwickelt. Probleme mit dem Internet gibt es nicht. Kibera scheint damit besser versorgt als manche Stadt in Deutschland. Die Bestellungen laufen in der Firmenzentrale in Nairobi auf. Dort wählt das System nach verschiedenen Parametern aus, welcher der gut 2300 registrierten Schmuckschmiede und -schmiedinnen die Stücke produzieren soll.

„Kunsthandwerk hat in Kenia Tradition und ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Land“, sagt Joanne Calabrese. Die US-Amerikanerin ist Vorstandsvorsitzende von Soko und fliegt in normalen Zeiten regelmäßig vom Firmensitz in San Francisco nach Nairobi, wo rund 30 Beschäftigte tätig sind, die die Kontakte mit den Kleinbetrieben unterhalten, den Schmuck final behandeln und weltweit verschicken. Die drei Gründerinnen der Firma aus den USA und Kenia hätten erkannt, dass es für afrikanischen Schmuck eine Nachfrage gibt, gerade unter Käuferinnen, die wissen wollten, woher der Schmuck kommt, erzählt sie.

Auch Deutschland unterstützt das Projekt. Die zur Entwicklungsbank KFW zählende Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) trägt mit rund 750.000 Euro zum Investitionsvolumen Sokos von drei Millionen Euro bei. Es geht dabei darum, innovative Ideen von kleinen Unternehmen mit großen Entwicklungseffekten zu fördern, vor allem in Afrika.

Der Schmuck ist auch für kleinere Geldbörsen erschwinglich. Im Durchschnitt kostet ein Stück 75 Euro. Dass er zugleich auch stilistisch ankommt, dafür liefert das Soko-Büro in Nairobi ein überzeugendes Argument. An der Wand hängt das Titelbild eines amerikanischen Lifestyle-Magazins. Die Ausgabe zeigt ein Portrait Michelle Obamas. Sie trägt kenianische Messing-Ketten.

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