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Die EZB in Frankfurt steuert die Inflationsrate.

Europäische Zentralbank

Schluss mit locker?

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Wir sagen Ihnen, was hinter der Geldpolitik der EZB steckt und ob die Bank heute umsteuert.

Sparern beschert sie Verluste, dem Finanzminister einen ausgeglichenen Haushalt und Immobilienkäufern billige Kredite: die Europäische Zentralbank. Seit Jahren sorgt die EZB für extrem niedrige Zinsen und hat damit in Deutschland den Vorwurf geerntet, sie enteigne die Sparer. Doch nun kommt wohl die Wende – die Zentralbank dürfte am Donnerstag den Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik verkünden. Damit verändert sich schrittweise die Welt für Sparer und Kreditnehmer.

Warum sind die Zinsen so niedrig?
Die EZB hat einen Auftrag: eine Inflationsrate, die im Durchschnitt der Eurozone mittelfristig knapp unter zwei Prozent liegt. Seit Anfang 2013 jedoch liegt die Inflationsrate deutlich unter diesem Wert. Ein Grund dafür war die schwache Konjunktur – auf Grund geringer Nachfrage, unausgelasteter Kapazitäten und hoher Arbeitslosigkeit konnten Unternehmen ihre Preise nicht erhöhen. Die Zentralbank hat daher das Zinsniveau auf Rekordtief gedrückt. Das soll zum einen die Kreditvergabe ankurbeln, dadurch entsteht mehr zahlungsfähige Nachfrage, was die Konjunktur stärkt und damit die Inflationsrate steigen lässt. Zudem machen die niedrigen Zinsen Sparen unattraktiv, weswegen – so der Plan – die Sparer ihr Geld ausgeben und damit ebenfalls die Nachfrage erhöhen.

Wie drückt die EZB die Zinsen?
Indem sie den Leitzins auf null Prozent gesenkt hat – also den Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen können. Außerdem kauft die Zentralbank seit einigen Jahren für Milliarden Euro Anleihen auf. Die massive Liquidität, die sie dadurch freisetzt, drückt die Renditen von Anleihen und damit das Zinsniveau.

War die EZB erfolgreich?
Die Zinsen sind auf jeden Fall gesunken. Das bekommen Sparer zu spüren: In den vergangenen sieben Jahren schrumpfte der durchschnittliche Zins für Tagesgeld laut FMH-Finanzberatung von 1,1 auf 0,1 Prozent, fünfjährige Sparbriefe bringen statt 2,5 nur noch 0,6 Prozent. Für Kreditnehmer hingegen herrschen goldene Zeiten: Für zehnjähriges Baugeld müssen statt 3,5 nur noch 1,4 Prozent bezahlt werden. Nicht nur Verbraucher, auch Unternehmen können sich billiger verschulden – und auch der Staat: Käufern einer zehnjährigen Bundesanleihe musste der Finanzminister Ende 2010 noch 2,5 Prozent bieten, derzeit sind es nur 0,5 Prozent.

Was folgt daraus für Verbraucher, Unternehmen und Staat?
Die niedrigen Zinsen haben das Wachstum der Eurozone unterstützt. Sparer allerdings verzeichnen geringere Erträge auf ihr angelegtes Geld, viele sorgen sich um ihre Altersvorsorge. Laut Umfrage der Sparkassen halten daher zwei Drittel der deutschen Sparer eine Zinswende für wichtig oder sehr wichtig. Den Kreditnehmern hingegen erleichtert die Zinspolitik das Leben, insbesondere den Erwerb von Immobilien. Profiteure sind auch Regierungen: Laut Bundesbank haben die Eurostaaten durch das Zinstief seit 2008 fast eine Billion an Zinsausgaben gespart, der deutsche Staat etwa 240 Milliarden Euro. Diese Ersparnis ermöglichte dem Bundesfinanzminister die „schwarze Null“, also den ausgeglichenen Staatshaushalt. Anderen Ländern half sie, ihre Schulden und Defizite zurückzufahren.

Warum steuert die EZB jetzt um?
Die Inflationsrate liegt mit 1,5 Prozent derzeit zwar noch deutlich unter dem Zielwert der EZB. Dennoch dürfte die Zentralbank ihre Zinssenkungspolitik etwas abschwächen. Denn die Konjunktur in der Eurozone läuft recht gut. Das Bruttoinlandsprodukt der Währungsunion dürfte dieses Jahr um zwei Prozent zulegen. Die Arbeitslosenrate ist von zwölf Prozent 2013 auf nun neun Prozent gefallen. Daneben gibt es aber noch einen zweiten Grund für die EZB, die Anleihekäufe zurückzufahren: Sie hat sich dazu verpflichtet, von jedem Eurostaat nicht mehr als ein Drittel aller Anleihen zu erwerben, um nicht zum dominanten Gläubiger der Regierungen zu werden. Diesen Wert von einem Drittel dürfte sie im Falle Deutschlands aber schon Mitte 2018 erreichen, wenn sie das aktuelle Kauftempo beibehält. Sie muss also die Käufe reduzieren.

Was wird die EZB tun?
Ökonomen erwarten, dass sie ihre monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden ab Januar auf 40 bis 30 Milliarden Euro senken wird, vielleicht sogar auf 20 Milliarden. Gleichzeitig dürfte sie ihr Anleihekaufprogramm um sechs bis zwölf Monate verlängern. Um die Finanzmärkte zu beruhigen, wird die EZB darüber hinaus kein festes Ende des Kaufprogramms verkünden und sich alle Optionen offenhalten. Auch eine Leitzinsanhebung dürfte es nicht vor Sommer 2019 geben. „All diese Beruhigungspillen sollen verhindern, dass die Beschlüsse der EZB die Renditeaufschläge der Anleihen der hochverschuldeten Südländer nennenswert steigen lassen“, so die Commerzbank.

Was dürften die Folgen sein?
Die Reduktion der Anleihekäufe ist zwar eine Wende, aber noch nicht das Ende der lockeren Geldpolitik. Von daher dürften sich die Folgen zunächst in Grenzen halten. Mittelfristig werden die Renditen auf Anleihen tendenziell langsam steigen, der Euro dürfte gegenüber dem Dollar aufwerten.

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