1. Startseite
  2. Wirtschaft

"Das Schlimmste ist überstanden"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martin Dahms

Kommentare

Vor den spanischen Arbeitsämtern stehen die Menschen bis auf die Straße Schlange.
Vor den spanischen Arbeitsämtern stehen die Menschen bis auf die Straße Schlange. © REUTERS

Die spanische Wirtschaft wächst wieder. Die Bürger bekommen das jedoch kaum zu spüren, die Jugendarbeitslosigkeit bleibt hoch und nach zwei Jahren ohne Job wird jegliche Sozialhilfe gestrichen. Tausende machen ihrer Frustration bei Demonstrationen Luft.

Man kann die Lage so beschreiben: „Das Schlimmste ist überstanden, und wir haben begonnen, den Weg der Gesundung zu beschreiten.“ Das sagte Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy kürzlich vor dem spanischen Parlament. Als Regierungschef ist es seine Aufgabe, den Menschen Mut zu machen, und außerdem möchte er nächstes Jahr wiedergewählt werden.

Dass „das Schlimmste überstanden“ sei, wiederholen Spaniens Regierende nun schon seit gut einem Dreivierteljahr, Wirtschaftsminister Luis de Guindos sagte es im Mai 2013, der Gouverneur der spanischen Zentralbank Luis Linde einen Monat später („Die schlimmste Phase der zweiten Rezession liegt hinter uns“), und zu Beginn dieses Jahres wiederholen Rajoy und seine Minister die Botschaft auf allen Kanälen, meistens mit genau den gleichen Worten.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt noch immer bei 55 Prozent

Die Behauptung ist nicht ganz weit hergeholt. Die Nachrichten, die in jüngster Zeit aus Spanien kommen, sind eher beruhigend (siehe Kasten). Doch auch Mariano Rajoy weiß, dass noch nicht alles wieder im Lot ist. Vor allem das Arbeitslosenniveau sei „unakzeptabel hoch“, gesteht er ein. 26 Prozent der aktiven Bevölkerung hat keinen Job, das sind knapp 5,9 Millionen Menschen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 55 Prozent. Dass die absolute Zahl der Arbeitslosen erstmals seit Ausbruch der Krise leicht zurückgegangen ist, liegt vor allem daran, dass sich viele Menschen aus dem spanischen Arbeitsmarkt verabschieden: Entweder haben sie die Jobsuche ganz aufgegeben, oder sie sind ins Ausland gegangen. Knapp 270 000 Menschen tauchen aus diesen Gründen nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf.

Und auch diejenigen, die von der Statistik noch erfasst sind, spüren wenig von den gerade anbrechenden besseren Zeiten. Knapp zwei Drittel der 5,9 Millionen Arbeitslosen in Spanien suchen seit mehr als einem Jahr einen Job. Spätestens nach zwei Jahren läuft die Arbeitslosenunterstützung aus, danach gibt es kein Hartz IV oder andere Formen der Sozialhilfe. In fast 700 000 spanischen Haushalten bezieht niemand mehr ein regelmäßiges Einkommen. Hinter dieser Zahl verbergen sich die unerzählten Dramen der spanischen Gegenwart.

In einem Leserbrief an die Zeitung „El País“ schreibt eine 41-Jährige, Elisa Mollá aus Valencia, vom Hunger, den sie nur dank „der Liebe der Mutter und der Freunde“ überstehe. Auch das Dach überm Kopf können sich viele nicht mehr leisten. 35 000 Familien mussten im ersten Halbjahr 2013 ihre Wohnung räumen, weil sie ihre Hypothek nicht mehr abbezahlen konnten.

Die Sparpolitik treibt die frustrierten Bürger auf die Straßen

Die Regierung weiß von den Nöten der Spanier, aber sie schaut lieber aufs große Ganze. „Wir haben schwierige und schmerzhafte Entscheidungen getroffen“, sagt Ministerpräsident Rajoy und meint damit seine Sparpolitik und die Arbeitsmarktreform, die den Unternehmern Entlassungen und Gehaltskürzungen erleichtert hat. Die meisten Spanier hätten die Notwendigkeit dieser Politik verstanden, glaubt Rajoy.

Vielleicht aber auch nicht. Spanien erlebte im vergangenen Jahr mehr als 40 000 Demonstrationen, vier Mal mehr als drei Jahre zuvor. Der Vizeregierungschefin Soraya Sáenz de Santamaría fehlt das Verständnis für die Demonstranten: „Alle Indikatoren deuten auf eine wirtschaftliche Gesundung hin. Ich weiß nicht, ob das gut mit den sozialen Protesten zusammenpasst“, meinte sie im Januar, als in der gewöhnlich friedlichen Stadt Burgos im Norden Spaniens plötzlich Steine gegen ein lokales Bauprojekt flogen und das Projekt schließlich verhindert wurde.

Die Politik wird sich daran gewöhnen müssen, dass die gesellschaftliche Unruhe anhält. Die Unternehmensberatung PwC rechnet damit, dass es noch 20 Jahre dauern wird, bis das spanische Arbeitslosenniveau auf europäisches Niveau gefallen ist, so wie vor Beginn der Krise 2007. Erst dann werden auch die Menschen spüren, dass das Schlimmste überstanden ist.

Auch interessant

Kommentare